Der Kauf von geklauten Kundendaten aus der Schweiz durch die deutschen Behörden hat den Druck auf das Bankgeheimnis nochmals massiv erhöht: Hat das Bankgeheimnis noch eine Zukunft?

Claudio Feser: Das Bankgeheimnis zum Schutz der Privatsphäre ist ein legitimes Bedürfnis und wird so auch bestehen bleiben. Das Bankgeheimnis als Mittel zur Steuerhinterziehung wird aber an Bedeutung verlieren.

Kommt die Schweiz um den automatischen Informationsaustausch, wie ihn die EU fordert, herum?

Feser: Dies ist eine Verhandlungsfrage. Der EU geht es nicht darum, Schweizer Banken oder gar der Schweiz zu schaden. Es geht ihr darum, hinterzogene Steuern von ihren eigenen Bürgern einzufordern und eine künftige Steuerflucht einzudämmen. Das kann man auch ohne automatischen Informationsaustausch erreichen.

Welche Handlungsalternativen sehen Sie für die Schweizer Banken?

Feser: Die Schweiz ist und bleibt ein attraktiver Standort für grenzüberschreitendes Private Banking für besteuertes Vermögen. Ein beträchtlicher Teil des Geldflusses aus dem Ausland kommt denn auch von Ländern, in denen die Steuerproblematik keine Rolle spielt. Schweizer Banken können auf viele Stärken aufbauen: Gute Produkte, hohe Dienstleistungsqualität, stabiles Umfeld sowie eine internationale Ausrichtung.

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Trotz aller Turbulenzen hat man nicht wirklich den Eindruck, dass die Banken viel aus der Finanzkrise gelernt haben. Sichtbar ist dies nicht zuletzt an den nach wie vor hohen Bonuszahlungen.

Feser: Ich habe Verständnis für die Empörung über die hohen Boni, auch weil viele Menschen in der Bevölkerung Banker und die Bonuszahlungen für die Finanzkrise verantwortlich machen. Dies ist allerdings eine grobe und auch irreführende Vereinfachung. Die Ursachen dieser Krise sind vielschichtiger. Zu den Gründen gehören sicher eine langfristige expansive Geldpolitik der Zentralbanken, ein massiver Schuldenaufbau durch Haushalte, Finanzinstitute und Regierungen wie auch Blasen in den Immobilienmärkten verschiedener Länder. All dies hat eine viel wichtigere Rolle als Boni gespielt. Trotzdem - die Finanzindustrie hat in den letzten zwei Jahren einiges unternommen, um ihre Lohnpolitik weiterzuentwickeln. So haben beispielsweise viele Banken Negativ-Boni und Claw-Back-Klauseln eingeführt, also Boni, die bei schlechter Leistung zurückbezahlt werden müssen.

Muss man die Banken nicht generell härter an die Kandare nehmen: Wo braucht es aus Ihrer Sicht mehr Regulierung?

Feser: Im Moment gelten Banken und Banker als Prügelknaben, als Verantwortliche für die Krise. Aber die Krise hat mehrere «Väter». Zum Beispiel haben viele Regierungen nicht besonders weitsichtig gewirtschaftet und in den letzten 10 Jahren enorme Schuldenberge aufgetürmt. Das Thema Regulierung bei Banken hat einen anderen Hintergrund. Die Geschwindigkeit des Ausbruchs und der globale Umfang der Krise haben verdeutlicht, wie vernetzt und instabil das Finanzsystem sein kann. Dem gilt es nicht mit mehr, sondern mit besseren Regulierungsmassnahmen entgegenzutreten.

Was bedeutet für Sie bessere Regulierung?

Feser: Regulatoren werden die Verschuldung der Banken beschränken, eine höhere Eigenkapitalquote verlangen und möglicherweise einzelne risikoreiche Geschäftsbereiche einschränken. Dies macht das System stabiler. Doch ist es wichtig, dass nicht nur Banken, sondern auch andere Firmen des Finanzsektors, wie zum Beispiel Hedge Funds, von diesen Regulierungen erfasst werden. Zudem muss die Regulierung international harmonisiert werden, damit keine Wettbewerbsverzerrung und womöglich neue Blasen entstehen.

Belastend für den gesamten Schweizer Finanzsektor wirkt der anhaltende Steuerstreit mit den USA: Ist es sinnvoll, die UBS einfach ihrem Schicksal zu überlassen, wie das einige Politiker fordern?

Feser: Der Finanzsektor - der Banken und Versicherungen umfasst - trägt ca. 12% zum Bruttoinlandprodukt der Schweiz bei, dreimal so viel wie in Deutschland. Der Finanzsektor in der Schweiz beschäftigt direkt 200000 Menschen, und indirekt sind schätzungsweise 800000 bis 1 Mio Menschen von ihm abhängig. Grossbanken sind für die Schweiz und auch für den globalen Finanzsektor wichtige Unternehmen, weshalb die Politik ein grosses Interesse daran haben muss, dass es diesen Firmen gut geht. Aussagen, wonach man die Grossbanken ihrem Schicksal überlassen sollte, kann ich deshalb nicht nachvollziehen.

Zur Wirtschaftskrise: Ist es nicht so, dass wir erst das Feuer gelöscht, aber die Krise noch nicht wirklich bewältigt haben?

Feser: Vor zwei Jahren standen wir vor dem Kollaps des Finanzsystems und vor einer Wirtschaftskrise, die wie die grosse Depression des letzten Jahrhunderts hätte enden können. Beides konnte verhindert werden. Die Notenbanken und Regierungen vieler Länder haben in den letzten 24 Monaten einen sehr guten Job gemacht. Allerdings steht uns vermutlich wirtschaftlich gesehen lange eine schwierige Zeit bevor.

Ist die Erholung also nicht nachhaltig?

Feser: Wirtschaftskrisen als Folge von Bankenkrisen sind nichts Ungewöhnliches. Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es in Europa, den USA und Japan allein 18 solche Krisen. Die grössten fünf Krisen fanden zwischen 1977 und 1992 in Spanien, Norwegen, Finnland, Schweden und Japan statt. Diese Krisen hatten alle in etwa den gleichen Verlauf. Vor diesen Krisen nahm die Verschuldung der Haushalte, aber auch der Regierungen zu. Interessanterweise begannen alle fünf grossen Krisen mit dem Platzen einer Immobilien-Blase, gefolgt von einer 2 bis 3 Jahre andauernden Rezession, die wiederum von einem 5 bis 7 Jahre langen «Deleveraging-Prozess» gefolgt war, also einer Entschuldung von Haushalten und Regierungen, die über lange Zeit das Wirtschaftswachstum hemmte. Ob es diesmal genau gleich verlaufen wird, wissen wir aber nicht. Die gegenwärtige Wirtschaftskrise ist einmalig. Sie ist globaler als die Bankenkrisen der Nachkriegszeit. Sie ist massiver als die Südamerika-Krise der 80er-Jahre oder als die Asienkrise von 1997/98. Sie erinnert eher an die grosse Depression der 30-er-Jahre. Allerdings hatten Notenbanken und Regierungen anders reagiert und die Wirtschaft nicht so frühzeitig und massiv gestützt.

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Viele Länder in Europa und die USA sind als Folge davon in der Tat hoch verschuldet. Was wird die Folge sein?

Feser: Die hohe Verschuldung ist nicht erst durch die Stabilisierungs- und Stimulus-Pakete der letzten zwei Jahren entstanden, nur schlimmer geworden. Die private und öffentliche Verschuldung in Grossbritannien stieg seit 2000 um 157%, in Spanien um 150% und in den USA um 70%. Jetzt müssen die Schulden wieder abgebaut werden. Im Finanzsektor hat die Entschuldung bereits begonnen, nicht aber bei den Privathaushalten und der öffentlichen Hand. Die Entschuldungsphase wird das Wirtschaftswachstum hemmen.

Was genau wird passieren?

Feser: Es wird zu Steuererhöhungen und Einsparungen der Staatsausgaben kommen, insbesondere der Sozialleistungen. Zudem werden Firmen ihre Investitionen reduzieren und die Haushalte werden weniger konsumieren. Das bedeutet ein tieferes Wirtschaftswachstum und damit verbunden eine höhere Arbeitslosigkeit. Kein schönes Bild.

Besteht das Risiko, dass die konjunkturelle Erholung gar abgewürgt wird?

Feser: Es besteht durchaus das Risiko, dass die schwache konjunkturelle Erholung durch die Schuldenreduktion abgewürgt wird. Umso wichtiger ist es, dass die Notenbanken die Zinsen nicht zu früh und langsam erhöhen. Wie konkret dies ablaufen wird, hängt von der Situation der einzelnen Staaten ab. Staaten mit einer soliden Konjunktur werden die Staatsausgaben früher kürzen und die Zinsschraube anziehen, was wir bereits in China, Australien, Indien und Brasilien beobachten. Staaten mit einer schwachen Konjunktur und mit einer relativ tiefen Verschuldung sollten und können länger abwarten.

Sie selbst waren früher für McKinsey in Griechenland tätig. Wie schwierig die Schuldenreduktion ist, zeigt das aktuelle Beispiel Griechenland.

Feser: Das stimmt. Dieses Jahr muss Griechenland über 50 Mrd Euro refinanzieren. Die Regierung muss zeigen, dass sie bereit ist, die Staatsschulden konsequent abzubauen. Es handelt sich um eine Herkulesleistung. Graumärkte müssen ausgetrocknet, neue Steuerquellen erschlossen und die Sozialausgaben massiv reduziert werden. Vor Kurzem hat die Regierung in Athen eine Erhöhung des Rentenalters bekannt gegeben und damit massive Proteste ausgelöst. Dies ist aber erst der Anfang.

Im Vergleich zum Ausland weist die Schweiz eine tiefere Verschuldung auf. Werden wir diese wachstumshemmenden Effekte dennoch spüren?

Feser: Bei aller Kritik an der Handhabung des Bankgeheimnisses, die Schweizer Politik und die Nationalbank haben in den letzten Jahren eine ausgezeichnete Arbeit geleistet. Im Gegensatz zu anderen Ländern ist die Politik im letzten Jahrzehnt haushälterisch mit den Finanzen umgegangen. Die Stabilisierung des Finanzsektors war erfolgreich. Zudem haben wir sehr wenig für Stimuluspakete ausgegeben. Als Exportland werden wir jedoch, wenn auch weniger stark als andere Länder, die Entschuldungsphase dennoch zu spüren bekommen. Wenn in Deutschland und in anderen Abnehmerländern die Privathaushalte, der Staat und die Unternehmen weniger konsumieren und investieren, werden auch bei uns die Bestellungen rückläufig sein.

Apropos Wachstum: Wie stark ist McKinsey in der Schweiz selbst von der Krise betroffen: Verzeichnen Sie auch ein schwächeres Wachstum?

Feser: Nein. Wir sind im Moment stark gefordert und gefragt. Wir sind oft am Werk, wenn Unternehmen ihre Profitabilität steigern oder aber Wachstumsstrategien entwickeln und umsetzen wollen. Dann brauchen Unternehmen unsere Unterstützung.

Heisst das, dass Sie in der Krise wachsen?

Feser: Wir stellen zusätzliche Mitarbeitende an und schaffen neue Arbeitsplätze.

Wie viele?

Feser: Wir werden dieses Jahr 40 bis 50 Beraterinnen und Berater einstellen, vielleicht werden es sogar mehr sein. Wir möchten auch 2010 wachsen.