Die maroden Staatsfinanzen dürften besonders die Gesundheits-, Investitionsgüter- und Softwarebranche teuer zu stehen kommen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie aus dem Hause Morgan Stanley über die Auswirkungen der Staatsverschuldung in Europa.

Sollten sich die Erwartungen der Ökonomen der Bank bewahrheiten, stehen die Staatsfinanzen im laufenden Jahr vor einer harten Zerreissprobe. Das Budgetdefizit der EU-15-Staaten dürfte im Mittel 6% des BIP betragen. Am Jahresende könnten die angehäuften Staatsschulden zusammen 82% der in diesen Staaten erbrachten Wirtschaftsleistung übertreffen. Zur Erinnerung: Der europäische Stabilitäts- und Wachstumspakt lässt nur eine jährliche Neuverschuldung von 3% bis insgesamt 60% des BIP zu.

Auch an den Staatsfinanzen der Schweiz geht die Rezession nicht spurlos vorüber: Nach einem Überschuss von 2,7 Mrd Fr. 2009 rechnet der Bund im laufenden Jahr mit einem Defizit von fast 2,5 Mrd Fr. Die Schuldenquote bleibt dagegen mit 40% des BIP noch vergleichsweise niedrig.

Staat ist wichtiger Kunde

«Wirtschaftswachstum allein wird nicht ausreichen, um die Staatsfinanzen zu sanieren», sagt Edmund Ng, Analyst bei Morgan Stanley. Nach seiner Einschätzung wird die Mehrzahl der europäischen Staaten aktiv gegen die Staatsverschuldung vorgehen müssen. Der Massnahmenkatalog umfasst eine spürbare Drosselung der Staatsausgaben, die Privatisierung von Staatsbetrieben und nicht zuletzt Steuererhöhungen.

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Auch wenn staatliche Sparprogramme im Verbund mit höheren Steuern in angeschlagenen Ländern wie Griechenland, Irland, Spanien und Portugal bereits heute Realität sind und Schweden auf die Gelegenheit wartet, sein Fünftel an der Fluggesellschaft SAS abzustossen, rechnen Ökonomen damit, dass der Handlungsbedarf anderer Staaten wie beispielsweise Deutschland und Frankreich noch nicht akut ist. Zum bestimmenden wirtschaftlichen Thema dürfte die «Staatsentschuldung» erst nach 2012 werden. Die Gesundung der Staatsfinanzen wird an europäischen Firmen nicht spurlos vorübergehen, sind die Experten von Morgan Stanley überzeugt. Auch Schweizer Firmen sind betroffen. «Im Durchschnitt erwirtschaften europäische Firmen über 7% ihrer Umsätze mit Aufträgen vom Staat», sagt Ng. Kommen die Sparmassnahmen zur Anwendung, würden zwangläufig einige Aufträge wegfallen, ist sich der Analyst sicher.

Treffen würde dies beispielsweise den Baustoffhersteller Holcim, aber auch Medizinaltechniker und Pharmafirmen wie Synthes, Roche und Novartis: Nach Einschätzung von Morgan Stanley hätten Sparmassnahmen auch Einschnitte bei der Gesundheitsversorgung zur Folge.

ABB und Ascom nicht gefährdet

Auch für den Maschinenhersteller Bucher und die Technologiefirma Inficon sieht Panagiotis Spiliopoulos, Chefanalyst bei Vontobel, gewisse Risiken aufgrund des hohen Staatsanteils an den Umsätzen. Anders als EU-Staaten dürfte die Schweiz einen weniger harten Sparkurs fahren. Deshalb sind nach Einschätzung von Spiliopoulos Firmen wie Ascom, die vor allem im Inland tätig sind, weniger gefährdet.

Auch ABB dürfte weniger betroffen sein: Der Technologiekonzern ist so positioniert, dass er sein Wachstum zu guten Teilen aus den Schwellenländern zieht, deren Staatsfinanzen nicht so stark unter der Krise gelitten haben. Mit grösseren Aufträgen aus dem hochverschuldeten Europa oder den USA werde manchmal gar nicht erst gerechnet, so Spiliopoulos. Nennenswerte Steuererhöhungen sehen Experten in der Schweiz in nächster Zeit nicht, dafür seien die Staatsfinanzen in einem vergleichsweise guten Zustand. Die höheren Steuerraten in den europäischen Nachbarstaaten dagegen dürften einige ausländische Tochtergesellschaften von Schweizer Firmen treffen. Spiliopoulos rechnet damit, dass in den nächsten Jahren die durchschnittliche Steuerlast von aktuell 23 bis 25% auf gegen 30% steigen dürfte. Wer davon besonders hart betroffen wäre, lässt sich heute nur schwer einschätzen.

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Indirekter Effekt bereits spürbar

Während Sparmassnahmen und höhere Steuern erst in einigen Jahren Tatsache sein werden, ist der indirekte Effekt der europäischen Staatsverschuldung bereits heute spürbar: Seit Dezember hat der Euro 5% an Wert verloren. Der schwächere Euro verringert nicht nur die Konkurrenzfähigkeit des exportierenden Gewerbes. Er führt auch vermehrt zu Währungsverlusten auf Umsätzen, die Schweizer Firmen im Euroraum erzielen - falls sie sich nicht für teures Geld rechtzeitig gegen den fallenden Euro-Wechselkurs abgesichert haben.

Das Prekäre daran: Schweizer Firmen erwirtschaften rund 60% ihres Umsatzes im Euroraum.