Die Aktivitäten in der Industrie kühlen an breiter Front ab. Erschwerend für Schulthess kommt hinzu, dass ? trotz Ölpreis-Hausse ? auch noch der Wärmepumpenmarkt erfasst wird. Das hat selbst grüne Politiker in Deutschland, Ihrem Hauptabsatzgebiet, überrascht. Was erwarten Sie für das 2. Semester?

Rodecker: Der Wärmepumpenmarkt in Europa wächst seit Jahren zweistellig. Im letzten Jahr haben nur Deutschland und Schweden etwas geschwächelt, wobei jedoch 2008 zumindest Deutschland wieder auf einem guten Wachstumskurs ist. Alle anderen Märkte haben sich 2007 hervorragend entwickelt. Unabhängig davon: Dieser Markt ist saisonabhängig. Das 2. Semester ist generell stärker, weil Häuser im Vorfeld der kälteren Jahreszeit auf den Winter vorbereitet werden.

Wie spüren Sie das konkret in den Auftragsbüchern?

Rodecker: Wir haben im Vergleich zum Vorjahr in der Wärmetechnik einen Zuwachs des Auftragseinganges von 50 bis 60% zu verzeichnen. Mit den Folgen, dass wir erneut Blueworkers suchen. Dabei haben wir bereits eine sehr flexible Produktionsweise.

Wie funktioniert sie konkret?

Rodecker: In unserem neuen Werk im deutschen Kasendorf fahren wir eine moderne Logistik mit neun Produktionslinien, die punkto Geschwindigkeit flexibel und mit dem Materialbedarf in Übereinstimmung gebracht werden. Bei einem geringeren Bedarf werden nicht Materialien verlagert, sondern die Arbeitenden. Sie haben ein sehr flexibles Arbeitszeitmodell mit Stundenkonten, das es uns ermöglicht, sehr schnell auf Veränderungen zu reagieren.

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Und wenn es doch noch Spitzen gibt?

Rodecker: Starke Schwankungen sind generell schlecht für einen Produktionsprozess und stellen hohe Anforderungen an die Ressourcen und die Flexibilität. In Spitzenzeiten müssen wir auf das Reservoir der Temporären zurückgreifen.

Wäre es nicht intelligenter, in neue Kapazitäten in Osteuropa zu investieren?

Rodecker: Nicht in unserem Fall. Sie können uns nicht mit der Textilindustrie vergleichen, die extrem hohe, lohnabhängige Kosten hat. Unsere Produktionskosten sind nur zu rund 10 bis 15% lohnabhängig. Entscheidend sind für uns qualifizierte und bestens ausgebildete Arbeitskräfte. Lohnkosten sind für uns nicht das primäre Thema, sondern die Materialkosten und ausgefeilte Konstruktionen.

Angenommen, die Kaufkraft im Osten wächst dermassen, dass man sich dort Schulthess-Produkte leisten kann: Würde das die Anlagestrategien mit Blick auf Standorte ändern?

Rodecker: Dann schliesse ich nicht aus, dass dies der Fall sein wird. Unser Werk in Nordbayern ist sowohl von der Kapazität, als auch von der geografischen Lage für die Versorgung der EU-Länder ausgerichtet. Sollte vermehrt Bedarf östlich der EU vorhanden sein, so müssen Produktionsstätten da sein, wo auch die Märkte sind.

Das heisst mit anderen Worten: Zunächst wird die Penetrations-Strategie in Europa weiter ausgeweitet?

Rodecker: Genau. In Deutschland, Frankreich, Belgien, Holland, Luxemburg und Irland sowie anderen europäischen Ländern sind wir bereits sehr gut aufgestellt.

Und in Südeuropa?

Rodecker: Hier eröffnen sich grosse Chancen. Aber anders als in Mittel- und Nordeuropa ist es vor allem der grosse Bedarf an Geräten, die vornehmlich kühlen müssen. Unsere Geschäftssparte Wärme-Kälte-Technik kann auch in Zukunft für diese Bedürfnisse Produkte anbieten.

Wo sehen Sie das Wachstum dieses Bereichs Ende Jahr?

Rodecker: Es wird zweistellig sein.

Und wo steht Schulthess am Ende des 2. Semesters mit Blick auf Umsatzwachstum und Gewinnverbesserung?

Rodecker: Wir werden zweistellig wachsen.

Geht es auch konkreter?

Rodecker: Wir sehen ein rund 13%iges Umsatzwachstum und beim Gewinn nach Steuern eine Zunahme von bis zu 25% vor. Letzteres nicht zuletzt deshalb, weil die Unternehmenssteuerreform in Deutschland eine rund 10%ige Reduktion der Steuerlast zur Folge haben wird.

Schulthess hat 2007 mit der Übernahme von Corona Solar den Einstieg in die Solartechnologie gewagt. Mit der von Ihnen erwähnten EU-Richtlinie für die Förderung von alternativen Energien wird auch die Konkurrenz zu den Wärmepumpen auf den Plan gerufen.

Rodecker: Die Solarthermie sehe ich nicht als Konkurrenz zur Wärmepumpe, sondern als sinnvolle Ergänzung und Optimierung unserer energetischen Einsparpotenziale. Wir machen hier erste Gehversuche, indem wir uns bei der Corona Solar mit der Grossflächen-Solarthermie beschäftigen, die in Verbindung mit der Wärmepumpe und intelligenten Speichersystemen komplette Systemlösungen für unsere Kunden bietet. Wir werden künftig auch in der Solarthermie ein Komplettanbieter sein.

Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Rodecker: Corona Solar ist im Bereich der solarthermischen Grossflächenkollektoren für ästhetische Indachlösungen und Fassadenintegrationen tätig. Hierbei werden Einzelmodule in der Grösse von 8 bis 20 m2 gefertigt. Für alle anderen Anwendungen bieten wir zukünftig auch die benötigten Modulkollektoren an.

Wie gross ist der Marktanteil der Grossflächenkollektoren?

Rodecker: Es handelt sich hierbei um einen Nischenmarkt, der in Deutschland ? grösstes Solarthermieland in Europa ? rund 6 bis 9% Marktanteil hat. Dieses Marktsegment wächst jedoch deutlich dynamischer als das der kleinen Modulkollektoren.

Was zu den Förderungsbeiträgen zurückführt. Hängt Schulthess an deren Tropf?

Rodecker: Das ist nicht eine Frage des Tropfes, sondern schlicht der aktuellen Lage. Selbst wenn die Ölpreise schwanken und zurzeit tendenziell auch sinken, wird der Schutz unserer Umwelt zu einem Thema, das in immer breiteren Bevölkerungsschichten zum Umdenken zwingt. Darüber hinaus werden derartige energie- und ressourcenschonende Technologien zunehmend nicht nur gefördert, sondern auch von den Bestimmungen und Gesetzen gefordert.

Die Schulthess-Aktie befindet sich seit dem Zusammenbruch des Hedge-Fonds Focus Capital auf unbefriedigendem Niveau. Was sagen Sie den Investoren?

Rodecker: In der derzeitigen Börsenbaisse ist der Kurs daran, sich zu stabilisieren und zu erholen. Auf jeden Fall birgt er Wachstumspotenzial für die Zukunft.

Da braucht es viel Vertrauen.

Rodecker: Es lässt sich nicht beschönigen, dass da kriminelle Energie im Spiel war. Wenn innert weniger Stunden mehr als 40% der Aktien auf den Markt kommen, ist das ein Hagelschlag, den es zu verkraften gilt und der die Managementkapazitäten übermässig absorbiert.

War das nicht vorauszusehen?

Rodecker: Wir hatten zuerst offiziell Kenntnis, dass der Investor ein namhaftes Aktienpaket hielt, was uns schon mit einem gewissen Unbehagen erfüllte, jedoch wurden dann seitens des Investors vorgeschriebene Meldestufen bis hin zu einem öffentlichen Angebot ignoriert. Nachdem wir dies sofort nach Kenntnis der Situation angezeigt haben, wird sich dessen nun die Eidgenössische Bankenkommission annehmen.

Trotzdem ist eine Eintragungsbeschränkung von Beteiligungen ins Schulthess-Aktionärsbuch auch künftig kein Thema?

Rodecker: Angesichts der nach wie vor komfortablen Ausgangslage drängt sich eine Änderung nicht auf. Ich spreche von einem stabilen Kernaktionariat, das über 35% der stimmberechtigten Aktien hält. Es sind dies ausnahmslos Gründeraktionäre, die uns auch die Stange gehalten haben, als wir ein Highflyer waren. Dabei hätten sie damals verkaufen und Kasse machen können. Das ist für das Management ein grosser Vertrauensbeweis und Motivation, sich auch in härteren Zeiten zu engagieren.

Mit 9,4% ist die US-Beteiligungsgesellschaft Susquehanna neu eingestiegen, mit knapp 15% die Finanzgesellschaften Jabre Capital und Jabcap. Sind das transparentere Investoren?

Rodecker: Wir sind eine Publikumsgesellschaft und können uns letztlich unsere Investoren nicht aussuchen. Aber man hat anscheinend bei der Neuemission des nennenswerten Aktienpaketes erkannt, dass unser Geschäftsmodell und auch die Aktie genügend Wachstumspotenzial aufweisen. Das Management ist bemüht, Transparenz und Vertrauen mit den neuen Aktionären aufzubauen.

Der Geschäftsgang spielt Ihnen derzeit nicht unbedingt in die Hände: Trotz eines sehr beachtlichen Wachstums lag das operative Ergebnis im 1. Semester leicht unter den Erwartungen der Analysten.

Rodecker: Das sehe ich anders. Mit den operativen Ergebnissen des 1. Halbjahres liegen wir innerhalb unserer budgetierten Vorgaben, wenngleich auch das Betriebsergebnis noch unter Vorjahr liegt. Wir hatten Anfang 2007 eine ausserordentliche Erfolgskomponente im Bereich der Wärmepumpe, mit einem Bestellüberhang von 30 Mio Fr. aus dem Jahr 2006, der im 1. Halbjahr 2008 noch nicht ganz ausgeglichen werden konnte. Derzeit sind wir jedoch in diesem Bereich dem Vorjahr schon deutlich voraus.