Kein Armeechef, fehlende Munition, schlechtes Material und chaotische Zustände in der Logistik: Die Schweizer Armee macht keine gute Figur. Eine Problemanalyse des Verteidigungsdepartementes (VBS) hält fest: «Das Gleichgewicht zwischen Zielen, Mitteln und Leistungen ist nachhaltig gestört und kann unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht mehr erreicht werden.» Der neue VBS-Chef Ueli Maurer liess daher kurz nach seiner Wahl in den Bundesrat vergangene Woche verlauten, dass er aus der Schweizer Armee «die beste der Welt» machen wolle.

Ruag muss im Ausland wachsen

Maurers Pläne für die Landesverteidigung stossen beim staatseigenen Technologiekonzern Ruag auf grosses Interesse: Die Schweizer Armee ist mit 34% Umsatzanteil oder umgerechnet 480 Mio Fr. (2007) Ruags grösster Einzelkunde. «Und gleichzeitig auch der wichtigste Abnehmer», betont CEO Toni Wicki im Gespräch mit der «Handelszeitung». Denn Lieferant der Schweizer Armee zu sein, «ist wie eine Ohrenmarke für Zuverlässigkeit und Qualität». Das Merkmal helfe Ruag nicht nur im Inland, sondern auch im internationalen Geschäft.

Tatsächlich muss Ruag im Ausland wachsen, will sie - als privatrechtlich organisiertes, gewinnorientiertes Unternehmen, das zu 100% dem Bund gehört - reale Wettbewerbschancen haben. Der Zukauf in Ungarn, den Ruag vergangene Woche meldete, passt ins Bild: Der Konzern akquirierte den ungarischen Marktführer für kleinkalibrige Munition mit 210 Angestellten und beliefert ab jetzt Armee, Behörden, den Zivilmarkt sowie den Jagd- und Sportmarkt. «Im europäischen Kleinkaliberbereich findet derzeit eine Konsolidierung statt», erklärt Wicki. Ruag wolle diesen Prozess aktiv begleiten, «weil wir in Europa Marktführer bei Jagd- und Sportmunition sind und zu den führenden Lieferanten von Behörden und Armeen gehören». Mit dieser Akquisition sei es Ruag gelungen, eine Präsenz in Osteuropa aufzubauen und damit neue Marktanteile zu gewinnen. Weitere Zukäufe dürften folgen.

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Doch keine Produktion in China

Auch im Zivilgeschäft sucht Ruag vermehrt nach Wachstum im Ausland. Vor gut einem Jahr eröffnete der Konzern ein Büro im chinesischen Tianjin. Dies, weil Grosskunde Airbus Teile seiner Endmontage ins Reich der Mitte verlagert hatte.

Nach einer ersten Prüfung ist für Ruag der Aufbau einer eigenen Fertigungsstätte in China vorerst vom Tisch. «Wir sind zum Schluss gekommen, dass dieser Schritt mit grossem Aufwand und Zusatzkosten verbunden ist», erklärt Wicki. «Insofern steht dies derzeit nicht im Vordergrund, sondern wir prüfen Möglichkeiten, Zuliefererteile für unsere Baugruppen in China zukaufen zu können.»

Dass Ruag im Dollar-Raum aktiv wird, hängt auch mit den jüngsten Währungsverschiebungen zusammen. «Wir versuchen, Devisenschwankungen künftig stärker über eine natürliche Währungsabsicherung aufzufangen», bestätigt Wicki. In China könnte Ruag in Dollar einkaufen und so Währungsverluste, die durch Einkauf und Produktion im Franken- und Euro-Raum anfallen, reduzieren. Der schwache Dollar hat Ruag 2008 schwer zugesetzt. «Geschäfte, die in Dollar abgewickelt worden sind, haben 2008 nicht brilliert», bestätigt Wicki. Die Währungsverluste hätten Fortschritte bei der Effizienz weitgehend zunichte gemacht, sodass die Jahresergebnisse 2008 in etwa auf das Niveau des Vorjahres zu liegen kämen.

Hoher Bestellungseingang

Für 2009 zeigt sich der Ruag-Chef zuversichtlich. «Unser Auftragsbestand umfasst derzeit beinahe einen Jahresumsatz der Ruag, das ist keine schlechte Ausgangslage für 2009.» Ruags Vorteil - die Abstützung auf diverse Industriesektoren - komme nun zum Tragen. «In der Wehrtechnik sind wir für 2009 ausgelastet», betont Wicki. «Falls andere Bereiche deutlich schwächeln, versuchen wir Personal intern zu verschieben.»

Der Technologiekonzern, der neben Wehrtechnik auch Komponenten in die Maschinenindustrie, den Flugzeugbau und die Automobilindustrie liefert, hat allerdings bereits erste Massnahmen getroffen. «Tatsächlich spüren wir beim Komponentenbau die Abkühlung», räumt Wicki ein. «In diesem Bereich bauen wir zunächst die Überzeiten ab. 2009 werden wir entscheiden, ob wir in einzelnen Bereichen Kurzarbeit anmelden müssen.» Entlassungen seien bisher keine vorgesehen.

Bald Einblick in die Sparten

Im Geschäftsjahr 2009 wird Ruag über den Geschäftsgang der einzelnen Divisionen informieren. Damit wird künftig nicht nur der Ruag-Eigner - also der Bund - Einblick in die Sparten haben, sondern auch die breite Öffentlichkeit. Im Geschäftsbericht 2009, den Ruag im Frühjahr 2010 veröffentlicht, wird neu für jede Sparte Nettoumsatz, Bruttoergebnis und Betriebsertrag auf Stufe Ebit ausgewiesen.

CEO Wicki, der am 31. Mai 2009 den Schlüssel an seinen designierten Nachfolger Lukas Braunschweiler übergibt, wirkt wenig euphorisch: «Für Unternehmen, die sich in einem politischen Umfeld bewegen, führt die Segmentberichterstattung in erster Linie dazu, dass die Fragendichte auf der politischen Seite steigt.»

Vom Spartenreporting absehen kann Ruag nicht: Weil der Konzern gemäss dem Rechnungslegungsstandard von IFRS rapportiert, ist die Offenlegung ab 2009 Pflicht. Druck setzte auch der Bundesrat auf, der die Ruag im vergangenen Jahr aufforderte, einen Vorschlag zur Segmentberichterstattung zu unterbreiten. Dies, um beurteilen zu können, ob der Bundesrat damit seine Aufgabe der Aufsicht besser wahrnehmen könne.

Dass Ruag die heutige Konzerngliederung fortführt, hält der Ruag-Chef für unwahrscheinlich. «Natürlich werden wir uns Gedanken zur Segmentierung machen», sagt Wicki.

Primär gehe es darum, die Sparten auf die Märkte auszurichten. «Ziel im Segmentreporting ist, unsere Geschäftsbereiche homogen zu gruppieren und die Sparten auf die Märkte auszurichten», hält Wicki fest. Ob Veränderungen folgen, ist offen. Heute arbeitet Ruag auf drei Märkten: Aviation & Space, Defence & Security sowie Ammunition & Products.