Die Aktienindizes scheinen derzeit die Verläufe früherer Krisen zu kopieren. Nach dem schwarzen Freitag 1929 erholte sich die Börse dann folgten weitere schlimme Abstürze, ähnlich war es nach dem Ende des IT-Booms zu Beginn dieses Jahrzehnts. Allerdings besteht auch Grund zur Hoffnung, dass es diesmal ganz anders sein könnte.

Nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers Mitte September ging es bergab, doch Anfang März drehte die Stimmung, seit Jahresbeginn liegt der Allaktienindex MSCI World nun 5% im Plus. Dem Vorbild früherer Krisen folgend, müsste aber nun der erneute Absturz folgen, der noch grausamer würde als das Kursmassaker zwischen September und März. Der aktuelle Aufschwung wäre dann nur ein Zwischenhoch gewesen.

Bedenkliche Staatsverschuldung

«Das ist durchaus ein Szenario, mit dem wir uns für die entwickelten Volkswirtschaften anfreunden können», sagt Philipp Vorndran, ehemaliger Stratege bei Credit Suisse und nun Kapitalmarkt-experte beim Vermögensverwalter Flossbach & von Storch. Allerdings sind für ihn dabei nicht die Ähnlichkeiten der Kursverläufe entscheidend. Vielmehr glaubt er, dass der Börsenfrühling derzeit von einer Reihe von Sondereffekten getrieben wird.

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So die Geldschwemme aus den Notenbanken oder auch die Tatsache, dass viele Unternehmen derzeit ihre leer gefegten Lager wieder auffüllen. «Mitte nächsten Jahres dürften diese Sondereffekte aber auslaufen», sagt Vorndran. «Und dann wirkt die strukturelle Krise wieder mit voller Wucht.»

Dann werde die dramatische Verschuldung vieler Staaten und der Privatpersonen in den USA und in Teilen Europas auf die Konjunktur durchschlagen - und damit auch die Aktienindizes belasten. Er rechnet mit einer langen Phase mageren Wachstums, ganz ähnlich wie nach dem Platzen der Blase in Japan Anfang der 90er-Jahre. Dort haben die Kurse seither nie wieder die alten Hochs erreicht, seit fast zwei Jahrzehnten dümpelt der Markt vor sich hin. Der Vergleich liegt auch deshalb nahe, weil die Ursachen so ähnlich sind: Auch in Japan war der Zusammenbruch des überbewerteten Immobilienmarkts der Zünder, auch dort traf die Krise vor allem die Banken. Allerdings gibt es eben auch wichtige Unterschiede zu Japan. Dort brauchte die Regierung viele Jahre, ehe sie bei den Banken aufräumte. Dagegen haben nun die Politiker weltweit schnell reagiert und tun alles, um eine Deflation abzuwenden. Dies unterscheidet diese Krise auch von der Depression der 30er-Jahre. Damals reagierten die Regierungen kaum, sie liessen insgesamt 9000 Finanzinstitute zusammenbrechen, kürzten ihre Ausgaben sogar noch, verfielen in Protektionismus und machten so den völligen Kollaps der Wirtschaft erst möglich.

Ausserdem gibt es diesmal einen weiteren Faktor. «Ich setze eine gewisse Hoffnung auf China», sagt Stefan Schilbe, Chefökonom von HSBC Trinkaus. Der Staat hat dort die Banken gezwungen, die Kreditvergabe massiv auszuweiten, die Regierung hat riesige Investitionen angeschoben.

Das Schlimmste bereits vorbei

Doch selbst wenn uns keine Depression wie in den 30er-Jahren oder in Japan droht, so könnte dennoch ein weiterer Absturz der Börsen bevorstehen, so wie 2002. Damals hatten sich die Kurse nach dem 11. September 2001 wieder deutlich erholt, bevor sie ab Frühjahr 2002 noch mal rund zwölf Monate lang tiefer tauchten. Allerdings liegen die Dinge nicht genau gleich wie damals: Bei der zweiten Ausverkaufswelle trennten sich damals vor allem institutionelle Anleger von ihren Aktien. Diese Investoren sind diesmal jedoch schon ausgestiegen, die halten überhaupt keine Aktien mehr.

Und noch etwas spricht dafür, dass der Aktienmarkt zwar noch einmal Rückschläge erleidet, das Schlimmste aber bereits hinter uns liegt: «Langsam gehen schlicht und ergreifend die Anlagealternativen aus», sagt Philipp Vorndran.