Eigentlich ist es eine alte, aber keineswegs eine veraltete Geschichte! Denn Helsana-Sprecherin Claudia Wyss erklärt: «Das Anreizsystem besteht immer noch.» Zur Erinnerung: Zusatzversicherten, die zur Rehabilitation eine Schwarzwaldklinik wählten, versprach die Helsana 2005 plötzlich eine Spesenpauschale von 500 (halbprivat) oder 1000 Fr. (privat). Diese Auslandprämie wirbelte bei der Lancierung viel Staub auf, umso mehr, als die Krankenversicherer schonungslos aufzeigten, wie viel sie mit einer Rehabilitation im Ausland sparen konnten. Gemäss Helsana kostete 2005 eine zweiwöchige Rehabilitation eines halbprivat versicherten Orthopädie-Patienten in der Waldeck-Klinik im deutschen Bad Dürrheim 2700 Fr., in der Rehaklinik Rheinfelden hingegen mehr als 7000 Fr. Der Branchenverband Swiss Reha protestierte heftig und reklamierte, da würden längst nicht die gleichen Leistungen, sondern Äpfel mit Birnen verglichen.

(K)ein Sturm im Wasserglas

Der Sturm von damals hat sich zwar längst gelegt, obwohl nebst der Helsana auch die CSS bis heute am Anreizsystem festhält. Allerdings müssen beide Krankenversicherer einräumen, dass sich die Zahl der Versicherten, die in die ausländischen Partnerkliniken pilgern, in Grenzen hält. Bei der Helsana sind es jährlich lediglich 100 Reha-Patienten. Ähnlich viele dürften es bei der CSS sein, wie ein Branchenkenner schätzt. Firmensprecher Stephan Michel selber will dazu «aus Konkurrenzgründen» keine Zahlen nennen. Er verteidigt aber das Anreizsystem und erklärt: «Die Nachfrage nach einer Rehabilitation in einer ausländischen Klinik ist bei uns tendenziell weiter steigend.» Die CSS könne damit ihren Kunden erstklassige Qualität zu günstigen Konditionen und mit Zusatzleistungen wie etwa «Begleitperson inklusive» anbieten.

Strategie ging für Helsana auf

Bei der Helsana spricht Claudia Wyss gar von einem Erfolg des Anreizsystems, wenn auch nicht direkt bei den Patienten. Aber die Schweizer Kliniken seien dank des ausgelösten internationalen Wettbewerbsdrucks seither bereit, über tiefere Tarife und Preise zu verhandeln. «Zusammengefasst sind wir mit dem ganzen Projekt zufrieden und haben keinen Anlass, unsere Strategie zu ändern», sagt Wyss weiter. Zumindest bei den Preisvergleichen schiesst die Helsana inzwischen mit weniger scharfer Munition. So ist heute nicht mehr von doppelt bis dreifach günstigeren ausländischen Kliniken die Rede, sondern lediglich noch von einer Differenz von rund 30%.

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Als Drohung ohne sonderliche Wirkung bezeichnen die Schweizer Rehakliniken den Vorstoss der beiden Versicherer. «Wir haben deswegen keine Patienten verloren; unsere Auslastung ist in den letzten Jahren konstant hoch bei 92 bis 94% geblieben», sagt Eveline Wiederkehr-Steiger, Direktorin der aarReha Schinznach. Zudem habe man auch preislich nicht auf die angebliche Billigkonkurrenz jenseits der Schweizer Grenze reagiert. «Wir hatten immer schon ein ausgezeichnetes Preis-LeistungsVerhältnis, was nicht zuletzt unsere Bettenbelegung beweist», argumentiert sie.

Uneins über den Erfolg

«Die Kampagne der Krankenversicherer war erfolglos, und Rehabilitation im Ausland ist zurzeit kein Thema mehr», glaubt auch Matthias Mühlheim, administrativer Direktor der Reha Rheinfelden. Allerdings lässt er die Frage offen, ob seine Klinik deswegen Einbussen verzeichnete. «Das ist schwierig zu beurteilen, weil die Auslastung naturgemäss gewissen Schwankungen unterliegt.»

Anders tönt es bei der Klinik Valens in der Ostschweiz. Direktor Stefan Metzker lässt durchblicken, dass man die Kampagne der Krankenkassen respektive die damit verbundene Drohung an die Adresse der Schweizer Rehakliniken sehr ernst genommen habe. Die Geschäftsleitung habe deswegen die wichtigsten Kliniken im grenznahen Deutschland besucht. Die dabei gewonnenen Eindrücke seien dann in die Unternehmensstrategie eingeflossen. Zudem habe man in der Klinik Valens die Preise für stationäre Grundversicherte seither nie mehr angehoben und diejenigen für ambulante Patienten sogar gesenkt.

Der öffentliche Schlagabtausch zwischen den Krankenversicherern und den Rehakliniken hat in vielen Fällen sogar zu einer vertieften Zusammenarbeit geführt. Valens ist heute eine der Key-Kliniken der Helsana, und mit der CSS sind Spezialverträge in Ausarbeitung. Metzker spricht dabei «von einer einvernehmlichen Lösung im Interesse der Patienten». Auch in Rheinfelden ist das Kriegsbeil begraben worden. «Die Kampagne hatte letztlich zur Folge, dass die Kommunikation zwischen unserer Klinik und den angesprochenen Krankenversicherern verbessert wurde», verrät Mühlheim. Wertvolle Gespräche seien geführt worden, die in für beide Seiten vorteilhafte bilaterale Verträge mündeten.

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Tatsächlich hat die Helsana, wie Claudia Wyss bestätigt, mit den Rehakliniken Rheinfelden, Valens, Hildebrand Brissago und Zihlschlacht Partnerschaftsverträge abgeschlossen. «Dort stimmen jetzt die Preise und Leistungen, und wir werden in Zukunft unsere Versicherten überzeugen, dass sie sich in diesen Kliniken behandeln lassen sollen», so Wyss.

Den Preisdruck aufrechterhalten

Eitel Minne also, bei der sich die Frage aufdrängt, warum denn die Helsana am Anreizsystem mit den Auslandkliniken überhaupt noch festhält? Wyss verweist darauf, dass man erst ein Teilziel erreicht habe. «Es gibt noch eine Reihe von Rehakliniken, mit denen wir bisher bloss normale Gesprächsbeziehungen unterhalten, aber noch keine Partnerschaftsverträge abgeschlossen haben», lässt sie durchblicken.

Die Drohung mit der Schwarzwaldklinik soll also weiterhin für Preisdruck sorgen, auch wenn sich die Wogen in diesem anfänglichen Sturm weitgehend geglättet haben, auch dank den Versicherten. Vielen ist nämlich bei einer Rehabilitation der Preis nur ein Argument. Mindestens so wichtig ist ihnen die Nähe zum vertrauten sozialen Umfeld, was eine rasche Integration in den Alltag erleichtert. «Für Letzteres braucht es geschultes Personal, welches die schweizerischen Verhältnisse und Gegebenheiten bestens kennt», meint Stefan Metzker. Fast schon müssig zu erwähnen, dass in diesem Punkt eine Schwarzwaldklinik die schlechteren Karten hat.

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