Gerade hatten sich die Börsen ein wenig von der globalen Wirtschaftskrise erholt, schon ereilt sie der nächste Tiefschlag: Die von Mexiko ausgehende Schweinegrippe droht zu einem zweiten weltumspannenden Debakel für die Reisebranche zu werden. Bis zur Wochenmitte verzeichneten die Aktienmärkte teils kräftige Kursverluste, am stärksten unter Druck standen dabei die Tourismustitel.

Ein Spiegelbild dessen lieferte die Schweizer Börse (SIX). Die vom Tourismus stark abhängigen Werte schlossen am Montagabend mehrheitlich tiefer: Reisekonzern Kuoni -2,27%, Flughafen Zürich -2,16%, Reisedetailhändler Dufry -3,05%. Ähnlich ging es tags darauf weiter. Die Aktien dieser Konzerne mussten nochmals Einbrüche hinnehmen. Im Gegensatz zum Vortag konnte sich diesem Negativtrend am Dienstag der touristische Städteentwickler Orascom nicht mehr entziehen; genauso der Leitindex SMI.

Pandemie wäre Horrorszenario

Schlimmer als kurzzeitig fallende Kurse könnten sich jedoch kontinuierlich ausbleibende Kunden auf das Tourismusgeschäft auswirken - sobald es nämlich zu einer länderübergreifenden Ausbreitung, also einer Pandemie, der neuartigen hoch ansteckenden Krankheit kommt und sowohl Ferientouristen als auch Geschäftsreisende im grossen Stil nicht mehr in die betroffenen Gebiete fliegen. In Anbetracht der massiven Buchungsrückgänge infolge der Wirtschaftskrise ein Horrorszenario.

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Auf Anfrage der «Handelszeitung» erklärt Andrea Müller, Pressesprecherin des Reisekonzerns Kuoni: «Wir beobachten die Entwicklung sehr genau. Zurzeit ist es aber noch zu früh, um längerfristige Auswirkungen der Schweinegrippe auf den Tourismus zu beurteilen. Ein Nachfragerückgang für Mexiko könnte jedoch - sofern sich das Virus nicht verstärkt ausweitet - dazu führen, dass andere Regionen, wie Afrika, Indischer Ozean oder Asien, profitieren.»

Ähnlich klingt es bei Europas grösstem Reisekonzern. Roland Schmid, Pressesprecher von TUI in der Schweiz, betont: «Verlässliche Prognosen können aufgrund der rasch wechselnden Lage nicht gemacht werden. Betrachtet man eine längere Zeitperiode, so fallen solche Ereignisse, dies haben Sars und die Vogelgrippe gezeigt, nicht sehr stark ins Gewicht.»

Etwas weiter geht Prisca Huguenin-dit-Lenoir, Leiterin Unternehmenskommunikation der Migros-Reisetochter Hotelplan: «Falls sich das Virus zu einer Pandemie entwickeln sollte, hätte dies sicherlich auch Folgen für die Reisebranche: Gewisse Ziele könnten nicht mehr bereist werden, was nicht nur zu Umbuchungen führen könnte, sondern gar zu Annullationen. Noch ist es aber verfrüht, die Schweinegrippe auf die gleiche Stufe wie die Wirtschaftskrise zu stellen.»

Tendenziell weniger Passagiere

Aber nicht nur der Ferientourismus ist im Fall einer Ausbreitung der Schweinegrippe akut gefährdet: Viele global tätige Betriebe haben Pläne in der Schublade, um die Geschäftsreisen ihrer Mitarbeiter weiter zu beschränken. Noch scheint es an dieser Front relativ ruhig, wie Beat Bürer, Managing Director Europe Central der Hogg Robinson Group (HRG), gegen-über der «Handelszeitung» meint: «HRG berät ihre Kunden in allen Märkten dahingehend, ihre Geschäftsreisen unter Beachtung der nationalen Empfehlungen der Regierungen und der internen Richtlinien der Firmen zu planen.»

Gleich wie der global tätige Geschäftsreisenspezialist hat die nationale Fluggesellschaft noch nichts Aussergewöhnliches beobachtet, so Andrea Kreuzer, Media Relations Officer der Swiss: «Bis am Dienstagmittag stellen wir keine Auffälligkeiten im Buchungsverhalten fest, die einen Rückschluss auf Angst vor der Schweinegrippe zulassen. Es sind uns ebenfalls keine entsprechenden Stornierungs- oder Umbuchungsanfragen bekannt. Ob vereinzelte Kunden deswegen annulliert haben, ist schwer festzustellen, da wir die Passagiere nicht systematisch nach dem Grund einer Annullierung fragen und keine Statistiken führen.»

Ob es wegen der Schweine-grippe zu weniger Verkehr kommt, weiss die Betreiberin des Flughafens Zürich ebenso wenig abzuschätzen. Sonja Zöchling Stucki, Head Corporate Communication von Unique, sagt: «Erfahrungsgemäss wirken sich Krankheiten, wie einst Sars oder die Vogelgrippe, tendenziell auf das Reiseverhalten der Menschen aus. Das heisst, meist sind solche Ereignisse mit einem leichten Rückgang der Passagierzahlen verbunden.» Virologen vergleichen die Schweinegrippe übrigens eher mit Sars (2003) als mit der Vogelgrippe (2005). Ähnlich wie die Lungenkrankheit Sars überträgt sich die Schweinegrippe leicht von Mensch zu Mensch. Mit dem Vogelgrippevirus indes infizierten sich die Betroffenen vorwiegend über Tiere. Seinerzeit haben Sars und die Vogelgrippe sowohl die Börsen als auch das Reisen nur wenige Monate belastet.

Trotzdem wappnet sich die Tourismusindustrie notgedrungen gegen die Schweinegrippe. In der Schweiz stehen alle Dienstleister in ständigem Kontakt mit dem Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG). Zudem zeigen sich die Reisekonzerne bei Umbuchungen oder Annulla-tionen von Mexiko-Reisen kulant, obwohl noch nicht strikt davon abgeraten wird. Andere Länder stehen bislang nicht zur Debatte.

Swiss gibt Crews neu Flu Kits mit

Während dem Flughafen Zürich gemäss Zöchling von offizieller Seite noch keine Massnahmen aufgetragen worden sind, hat Swiss laut Kreuzer selbst welche ergriffen: «Wir haben eine interne Taskforce einberufen und rüsten alle Crews auf Nordatlantikflügen neu mit Flu Kits aus, bestehend aus Mundschutz, Handschuhen und Fieberthermometer.» Das Flu Kit ist in erster Linie gedacht für den Aufenthalt der Besatzungen vor Ort, sollte sich die Situation in der Zwischenzeit verändern.