KMU sind die hauptsächliche Zielgruppe für Alibaba, da sie sowohl in Europa als auch in der Schweiz die Mehrheit der Wirtschaftsleistung ausmachen. «Wir glauben, dass Genf der ideale Ausgangsort für uns ist, um schweiz- und europaweit möglichst viele mittelständische Unternehmen zu erreichen, die grenzüberschreitende Geschäfte anstreben.» Das erklärt die Europa-Direktorin Abir Oreibi, die das Genfer Headquarter leitet, gegenüber der «Handelszeitung».

Der Schweizer Alibaba-Standort könne auf internationales und gut ausgebildetes Personal und eine perfekte Infrastruktur zurückgreifen. Zudem seien von dort aus die wichtigen Märkte Frankreich, Deutschland, Italien und Grossbritannien sehr gut zu bearbeiten. «In diesem Jahr wollen wir hier ausserdem noch mehr in technischen Service und lokale Mitgliederbetreuung investieren», verrät Oreibi. Nach dem erfolgreichen Hongkonger Börsengang von Alibaba.com im vergangenen November, der 1,7 Mrd Dollar in die Alibaba-Kasse spülte, dürften dazu ausreichend Mittel zur Verfügung stehen. Bereits über 600000 Mitglieder auf dem internationalen Marktplatz von Alibaba kämen aus Europa, davon Tausende aus der Schweiz, ergänzt Alibaba-Sprecherin Christina Spindler. «Wir wollen in der Schweiz vor allem die kleineren und mittleren Unternehmen ansprechen», sagt Spindler.

Selbst Züge sind im Angebot

Microsoft buhlte um Yahoo, Ebay verliert Nutzer, Amazon und Google wachsen langsamer als früher ? während die bekanntesten Online-Dinosaurier derzeit um Macht, Umsatz und Image kämpfen, haben sich andere Internet-Pioniere aus dem Land der Mitte mehr oder weniger unbemerkt zu wahren Giganten entwickelt. Der chinesische B2B-Händler Alibaba.com gilt als Stern am Online-Himmel und Europa als stärkster Wachstumsmarkt.

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Dabei ist die Geschäftsidee des 1999 von dem ehemaligen chinesischen Lehrer Jack Ma aus dem Osten des Landes, Hangzhou, gegründeten Online-Plattform simpel. Sie beruht auf der Tatsache, dass in dem Riesenreich Abertausende von Firmen und Fabriken existieren, die vom T-Shirt über Edeltextilien und Sportschuhe bis hin zu Elektronikbauteilen oder Motor-Velos und sogar Zügen sowie ganzen Fabrikanlagen alles anbieten und herstellen, was im Land selber benötigt wird oder weltweit auf Nachfrage stösst. Es fehlte lediglich an Überblick und Transparenz. Alibaba-Gründer Ma führt auf seiner Handelsplattform Hersteller und gewerbliche Abnehmer aller Grössen zusammen, in der Web-Terminologie Business-to-Business (B2B) genannt. Seit 2004 ist der Online-Marktplatz für Anbieter und Abnehmer für über 40 Industriesektoren und über 5000 Produktkategorien von 6 auf aktuell fast 28 Mio registrierte Nutzer explodiert. Alibaba.com ist der führende Online-Marktplatz für globalen Ein- und Verkauf. Der Bereich Sportartikel beispiels- weise wächst inzwischen schneller als die anderen Kategorien, berichtet Alibaba-Vicepresident Porter Erisman.

Auf Alibaba.com sind hauptsächlich Hersteller vom chinesischen Festland zu finden, die nahezu alles, was das Herz begehrt, anbieten. Das Reservoir für Einkäufer aus aller Welt scheint unerschöpflich. Jeder Anbieter präsentiert sich mit seiner gesamten Palette an Produkten, teilweise werden die Fabriken und Herstellungszentren auch mit einem kleinen Video vorgestellt. Über 20000 sogenannte «Gold Suppliers» aus China bieten ihre Dienstleistungen und Waren den Einkäufern an. Diese besonderen Anbieter zahlen jährlich bis zu 10000 Dollar Gebühren an die Plattformbetreiber, um Extra-Services für die eigene Präsentation oder auch eine bevorzugte Auflistung zu erhalten.

Ein Heer von Herstellern buhlt um die Einkäufer aus allen Ländern, von denen eine Grosszahl aus Europa kommt. «Wir wollten von Anfang an KMU ansprechen», sagt der Manager in der Hong-konger Alibaba-Zentrale. Aber auch die Grossen der Branche, von Wal-Mart bis GE, bedienen sich der Dienste des Geschäftsvermittlers. Bobachter glauben, dass auch Migros, Coop und Co. sich inzwischen auf der Einkaufsplattform umsehen. Sicher ist, dass die bekannten Discounter und Tchibo dort nach Schnäppchen suchen. Alibaba-Präsident Erisman kennt viele der Einkäufer, will darüber jedoch Stillschweigen bewahren.

Auf Augenhöhe mit Google

Genf ist seit einem halben Jahr das Bindeglied in der weltweiten Kette der Online-Handelsplattform von Alibaba zwischen Hongkong und den USA. Japan soll in diesem Jahr noch folgen. Mit über 23 Mio registrierten Nutzern in China, fast ausnahmslos Geschäftskunden, ist der Heimmarkt noch der grösste. Über 4,4 Mio Nutzer zählt der englischsprachige internationale Marktplatz, dessen Handelsvolumen den innerchinesischen jedoch langsam überholt. Auf dem chinesischen Marktplatz bieten mehr als 2,2 Mio Hersteller ihre Waren an, auf der internationalen Seite derzeit knapp 700000.

In Sachen Marktkapitalisierung liegt der Börsenneuling fast auf Augenhöhe mit Google, Ebay, Yahoo und Amazon, auch wenn der Umsatz für 2007 gerademal bei etwas über 200 Mio Euro lag. Allerdings konnte der Gewinn im letzten Jahr mehr als verdreifacht werden auf 87 Mio Euro.(nk)