Deutschland hat eben ein Steuerfluchtgesetz beschlossen, um die G20-Beschlüsse auch national umzusetzen. Wird Grossbritannien auch so vorgehen?

John Roland Nichols: Die britische Regierung versucht, ihre Interessen eher auf dem traditionellen Weg durchzusetzen, mit Doppelbesteuerungsabkommen oder mit Abkommen über den Informationsaustausch. Unser Ziel ist es, dass sich am Schluss alle an die gleichen Richtlinien halten. Dazu wollen wir die Regierungen in die Pflicht nehmen und sie an die Verantwortung erinnern, die neuen Regeln einzuführen.

Also kein nationales Gesetz?

Nichols: Ich würde meinen, nein. Aber in der gegenwärtigen Krise ist schon so vieles über Bord geworfen worden, das noch vor kurzem als die absolute Wahrheit gegolten hat.

Hätten Sie deshalb auch nie erwartet, dass die Schweiz ihre Vorbehalte gegen Paragraf 26 des OECD-Musterabkommens aufgeben würde?

Nichols: Genau das meine ich, wenn ich von Entwicklungen spreche, die bisher unvorstellbar waren. Wir unternehmen alles, um die Krise in den Griff zu bekommen, aber so rasch und einfach lässt sie sich nicht bewältigen.

Trotzdem: Sie sind ein guter Prophet, denn im Dezember des vergangenen Jahres haben sie vorausgesagt, dass der Druck auf das Bankgeheimnis zunehmen werde, wenn Grossbritannien das Präsidium der G20 innehabe.

Nichols: Es ist aber nicht nur Grossbritannien, das mehr Druck macht. Auch Frankreich, Deutschland und insbesondere der neue Präsident der USA haben in die gleiche Richtung gedrängt. Was für Barack Obama noch ein Wahlkampfthema gewesen war, hat sich zu einem ungeheuren Thema für alle entwickelt.

Warum?

Nichols: Weil die öffentliche Hand in diesen Ländern die Wirtschaft stützen und dafür die Steuerzahler zur Kasse bitten muss. So steigt in Grossbritannien der höchste Steuersatz im nächsten Jahr bis auf mehr als 45%. Wenn die Leute nun feststellen, dass andere ihre Steuern nicht bezahlen wollen, wehren sie sich.

Also Druck von der Basis, weil Leute ihr Geld ins Ausland transferieren, um Steuern zu vermeiden.

Nichols: Das kann man in allen Ländern sehen. In meiner Referendarzeit arbeitete ich in der Londoner City für einen Rechtsanwalt. Der gab den Leuten, die zu ihm kamen, nur einen Rat: «Sie zahlen zu viel Steuern, mein Referendar wird jetzt ein Konto für Sie eröffnen in Liechtenstein.» Und dieser Referendar war ich. Sechs Monate lang habe ich Konten für andere eröffnet. Hätte man zu jener Zeit die Leute auf der Strasse gefragt, was sie über solche Dinge denken, hätten sie gesagt «Good luck! Was geht uns das an!».

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War das in Grossbritannien kein Thema?

Nichols: Vor 35 Jahren überhaupt nicht. In den 90er-Jahren begann sich das zu ändern, als man sich öffentlich immer mehr bewusst wurde, dass die Finanzierung von Terrorismus, Geldwäscherei und Betrug eine Gefahr für den Finanzplatz darstellten. Jetzt in der Finanzkrise sagen die Leute, wenn wir schon ab kommendem Jahr mehr Steuern bezahlen müssen, ist es höchst ungerecht, dass andere ihr Geld am Fiskus vorbei ins Ausland bringen. So ist der Druck entstanden.

Aber gerade bei der Bekämpfung der Geldwäscherei und der Terrorismusfinanzierung und beim Betrug gilt die Schweiz als vorbildlich.

Nichols: Das ist mir bekannt, nicht aber den Leuten auf der Strasse. Sie sehen nur Steueroasen und machen keinen Unterschied zwischen guten und schlechten Oasen. Beide haben für diese Leute den gleichen schlechten Ruf. Aus dieser Wahrnehmung heraus werden die Regierungen von der Basis gezwungen, zu handeln.

Wie definieren Sie eine Steueroase?

Nichols: Interessante Frage. Von vielen Standpunkten her gesehen ist die Schweiz keine Steueroase. Ich weiss auch nicht genau, wie man dies in unserem Finanzministerium definieren würde. Aber wenn ich auf die Diskussion rund um den G20-Gipfel blicke, dann sind es Länder, die in Steuersachen nicht kooperativ sind.

Sind denn die Kanalinseln, auf denen Hedge-Fonds keine Steuern bezahlen, keine Steuerparadiese?

Nichols: Sicher. Deswegen hat die britische Regierung die Verantwortlichen der Kanalinseln aufgefordert, sich den OECD-Regeln anzupassen. Wir haben jetzt schon einen automatischen Informationsaustausch mit den Isle of Man. Wir haben auch Agreements mit Guernsey und Jersey, das alles in den letzten Monaten.

Aber Hedge-Fonds bezahlen dort keine Steuern.

Nichols: Ich hoffe, dass das in der Zukunft ändern wird. Wir erleben umwälzende Zeiten. Es ist auch für uns wichtig, der Welt zu zeigen, dass in den Gebieten, wo wir Einfluss haben, Veränderungen erfolgen, die wir von anderen fordern.

Der Weg über Doppelbesteuerungsabkommen, kurz DBA, könnte lange dauern und schwierig sein. Hat die Schweiz genügend Zeit, sich anzupassen?

Nichols: Ich hoffe schon. Verhandlungen über Doppelbesteuerungsabkommen sind schwierig, weil der Teufel immer im Detail steckt. Obwohl ich nicht Fachmann für Steuerfragen bin, meine ich, dass es nicht so schwierig sein wird, im Doppelbesteuerungsabkommen zwischen der Schweiz und Grossbritannien zu einer raschen Lösung zu kommen.

Wann beginnen die Verhandlungen zwischen der Schweiz und Grossbritannien?

Nichols: Wir rechnen mit einem Verhandlungsbeginn ab Juni oder Juli. Beide Seiten hoffen, dass es schnell vorangeht.

Grossbritannien fordert von der Schweiz den automatischen Informationsaustausch. Das will die Schweiz nicht.

Nichols: Darüber muss man in der Tat diskutieren. Denn es wird auch kritisiert, es gebe beim automatischen Informationsaustausch zu viele Daten, die man gar nicht verarbeiten könne. Das klingt für mich persönlich ganz plausibel. Deshalb weiss ich nicht, ob der Informationsaustausch die beste Lösung ist.

Halten Sie das Bankgeheimnis für tot?

Nichols: Sicher in der Form, in der es bis heute existiert hat. Ob es eine Zukunft hat, hängt davon ab, wie man Bankgeheimnis definiert und den Grad der Privatsphäre umschreibt, die ein Bankkunde hat. Wir haben auch eine Privacy, aber die ist anders definiert als die schweizerische.

In Grossbritannien gibt es aber auch eine Konstruktion, die den Kunden schützt - die Trusts. Wird der Grundsatz «Know your client» auch für Trusts eingeführt?

Nichols: Ich bin sicher. Aber wann und in welcher Form, ist offen.

Schwächt man damit nicht den Finanzplatz London?

Nichols: Ja, aber so wie die Schweiz noch andere Trümpfe hat, wenn das Bankgeheimnis wegfällt, haben wir auch noch weitere Trumpfkarten in London. Wir haben noch anderes anzubieten als nur die Trusts.

Was sind denn die Trümpfe der Schweiz?

Nichols: Neben den beiden Grossbanken existiert in der Schweiz ein dichtes Netz von anderen Banken, zum Beispiel der Kantonalbanken oder der Raiffeisenbanken. Diese machen eher traditionelle Bankgeschäfte. Sie haben sich vor den Risiken des internationalen Marktes gehütet, sie kennen ihre Kunden, und sie haben ein engeres Verhältnis zu ihren Kunden als die international tätigen Grossbanken. Das ist eine grosse Trumpfkarte für die Schweiz. Darauf kann man vertrauen. Das Verhältnis zum Kunden scheint auf den ersten Blick altmodisch, dafür ist es auf Dauer angelegt.

Und die Stärken Londons?

Nichols: London ist im Vergleich dazu der grösste Finanzplatz Europas. Wir haben eine Menge Fachkräfte auf den unterschiedlichsten Gebieten, die anderswo nicht zu finden sind. Auf diese Stärken können wir uns auch künftig verlassen.

Muss sich die Schweiz von den internationalen Finanzplätzen zurückziehen?

Nichols: Nein! Das meine ich nicht. Sie müsste jedoch ihre traditionellen Werte einbringen. Wenn man davon spricht, die Banken müssten in Zukunft kleiner werden, um die Risiken nicht übergross werden zu lassen, steht die Schweiz in einer ganz guten Situation.

Die Schweiz beklagt sich, sie werde ungerecht behandelt von den G20 oder innerhalb der OECD. Hat sich die Schweiz falsch verhalten?

Nichols: Nein, ich glaube nicht. Aber vermutlich hat die Wahrnehmung nicht richtig gespielt. Ich habe schon von diesem ungeheuren politischen Druck gesprochen, und das nicht nur seitens von Grossbritannien. Die Schweiz und andere Länder haben dies unterschätzt. Man hatte hier das Gefühl, das gehe bald vorüber oder es werde doch wohl nicht so ernst sein und man werde sicher noch genügend Zeit haben. Diese Wahrnehmung war falsch, und dann war man überrascht. Probleme hat es auch in den Beziehungen zwischen der Schweiz und der OECD sowie den G20 gegeben. Welche Rolle die Schweiz in diesen Organisationen spielen wird, muss in nächster Zukunft genau debattiert werden.

Muss die Schweiz aktiver werden?

Nichols: Ich persönlich war ziemlich überrascht, als ich sah, dass die Schweiz ziemlich spät den Wechsel ihrer Politik bekannt gegeben hat. Also erst nach Andorra, Liechtenstein und Singapur. Die Schweiz hätte früher erkennen müssen, woher der Wind weht und dass der Druck immer stärker wird. Dann hätte man die Initiative ergreifen können, wenn man gesagt hätte, wir handeln jetzt und nicht erst, wenn der Druck zu gross wird. Politisch hätte man so eine positivere Wirkung erzielen können. Aber das ist meine persönliche Einschätzung.

Ist die Schweiz isoliert?

Nichols: Ich habe das Gefühl, die Schweiz braucht Partner. Aber wer sind sie? Wo sind sie?

Grossbritannien würde sich ja anbieten, weil Ihr Land historisch betrachtet hierzulande einen guten Ruf hat - denken wir nur daran, dass Churchill seine erste grosse Europa-Rede nach dem Zweiten Weltkrieg in Zürich hielt.

Nichols: Das ist so. Ich möchte eine neue Partnerschaft zwischen der Schweiz und Grossbritannien haben. Wenn wir hier etwas helfen können, würde ich das gerne tun. Es freut mich, dass wir die Verhandlungen mit der Schweiz bald beginnen, und ich hoffe, dass wir auf diese Weise die alte Partnerschaft wieder herstellen können.