«Bis wir hier in der Schweiz das Vertrauen der Kunden zurückgewonnen haben, werden vermutlich schon zwei Jahre vergehen», räumt Raoul Weil, CEO Global Wealth Management & Business Banking bei der UBS, ein. Die Folgen der Krise zu spüren bekommen nicht mehr nur Finanzinstitute und Pensionskassen, sondern jetzt auch die Krankenkassen, wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen.

Kassen mit Abschreibern

Branchenweit rechnet die Groupe Mutuel mit einem Kapitalverlust von 230 Mio Fr. für das laufende Jahr. «Sollten weitere starke Kurseinbrüche erfolgen, müssen wir über die Bücher gehen, sagt Groupe-Mutuel-Sprecher Christian Feldhausen. Und Otto Bitterli, Chef der Sanitas, erklärt: «In diesen Wochen ist geschehen, was bis anhin unvorstellbar war: Das abrupte Abfallen von top bewerteten A-Papieren.» Die Sanitas werde ebenfalls Abschreiber vornehmen müssen. Geringere Anlageerträge erwartet auch die Helsana, wie Sprecher Rob Hartmanns einräumt: «Dieses Jahr sind wir schon mit einer blanken Null zufrieden.»

Offen ist, inwiefern die neuste Erholung an den Aktienmärkten die Resultate verbessert. Zur Vorsicht mahnt allerdings der Tessiner Financier Tito Tettamanti: «Meines Erachtens sind viele Aktien noch immer überbewertet.» Wenn die Wirtschaft in eine Rezession abgleite, würden die Firmengewinne stark zurückgehen.»

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Hoffnung für die Schweiz

Trotz Rezessionsängsten steht die Schweiz im internationalen Vergleich noch gut da. «Die harten Daten sind bisher anders als die Stimmung an den Börsen», betont Aymo Brunetti, Chefökonom des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco. Dies lasse eine gewisse Hoffnung offen. Die Exportvolumina in die wichtigsten Schwellenländer wie China und Indien seien bis August noch gut gewesen. Zudem gebe es in der Schweiz keine Immobilienkrise und keine Anzeichen für eine Kreditverknappung. Aber: «Eine Rezession in Europa zieht die Schweiz nach unten, da können die anderen Faktoren noch so stark sein.»

Zwar stellt Johann Schneider-Ammann, Unternehmer und Präsident des Industrieverbands Swissmem, eine Verlangsamung fest. «Noch sind die Auftragsbücher gut gefüllt», sagt er zwar, allerdings beobachte er eine «Erlahmung in allen Bereichen» bei den Bestellungseingängen. Von einem Einbruch will er aber nicht sprechen.

Tiefe Einschnitte bei den Firmen erwartet Schneider-Amman vorerst nicht: «In der Maschinenindustrie haben wir in den letzten Jahren 45000 Stellen geschaffen. Die wollen wir nicht wieder aufgeben», sagt er. «Dank unserem flexiblen Arbeitsmarkt werden wir Auswege finden.»

Etwas entspannt hat sich im Zuge der neuen Rettungspakete in Europa und den USA die Lage bei den Schweizer Grossbanken UBS und CS. Das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD) deutet an, dass die Schweizer Behörden zum Schluss gekommen sind, auf eine Rettungsaktion der Grossbanken vorerst verzichten zu können. «Momentan sieht die Lage im Schweizer Finanzsystem stabil aus», sagt EFD-Sprecher Roland Meier. «Keine wichtige Bank befindet sich heute in Schieflage.»

Härtere Lohngespräche

Beeinflussen wird die Finanzkrise auf jeden Fall die Lohnverhandlungen. Noch halten die Arbeitnehmervertreter zwar ihre Forderungen nach Lohnsteigerungen um 4 bis 5% aufrecht. Doch Unternehmer und FDP-Nationalrat Ruedi Noser bringt die Haltung vieler Arbeitgeber auf den Punkt: «Ich gehe davon aus, dass in den Verhandlungen die Arbeitsplatzsicherheit vor höheren Löhnen kommen wird.»

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