Die drei grossen Schweizer Stromkonzerne streiten darum, wer die zwei neuen Kernkraftwerke bauen darf. Axpo und BKW wollen ihre Anlagen in Beznau (fertiggestellt 1969/71) und Mühleberg (1972) erneuern. Doch Konkurrentin Alpiq spielt nicht mit: Sie will das Werk Gösgen ersetzen (fertiggestellt 1979), an dem sie mit 40% Hauptteilhaberin ist. BKW-CEO Kurt Rohrbach erklärt, warum BKW und Axpo zuerst an der Reihe sein müssen.

Wissen wir bis Ende 2009, an welchen zwei Standorten Alpiq, BKW und Axpo die zwei angekündigten Werke bauen werden?

Kurt Rohrbach: Dazu braucht es drei Parteien. Die BKW kann sich zusammen mit der Axpo sehr gut eine Lösung vorstellen. Im Vordergrund steht für uns das Argument der natürlichen Reihenfolge, also der Ersatz der bestehenden Kernkraftwerke gemäss ihrem Alter. Die BKW hat Ersatzbedarf und den Vorteil, dass sie Mitarbeitende vor Ort hat, die über das Wissen und das Können verfügen. Die Bevölkerung kann mit dem Projekt sehr gut umgehen. In Gösgen muss Alpiq das Kraftwerk noch längere Zeit nicht ersetzen.

Wäre es nicht besser, mit einem Standortentscheid zu warten, bis in Bern über die Volksinitiative «Bern erneuerbar» der Grünen abgestimmt ist? Ein Ja zu dieser Initiative wäre ja ein Nein zu Mühleberg.

Rohrbach: Die Schweizer Bevölkerung wird in einigen Jahren im Grundsatz über das Thema Kernenergie entscheiden. Die Strombranche sollte dem Stimmbürger möglichst rasch Klarheit darüber verschaffen, was sie will. Natürlich könnte man dafür plädieren, dass man sich alle Optionen offenhalten will. Nur: Man wird immer wieder einen Grund dafür finden, den Standortentscheid nicht zu fällen. Es gibt mehrere Kantone, deren Verfassung sich gegen Atomkraft ausspricht, es gibt weitere politische Vorstösse. Darum finde ich: Wir müssen jetzt sagen, was wir wollen.

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Also einen Entscheid für zwei Projekte?

Rohrbach: Das dritte Gesuch muss ja nicht zurückgezogen werden. Wir sollten uns auf die Reihenfolge der Bearbeitung einigen. So geben wir keinen Standort auf. Treten im Laufe der Projektierung an einem Standort unüberwindbare Hindernisse auf, kann man sich immer noch für ein anderes Projekt entscheiden. Aber jetzt weiterhin mit drei Gesuchen parallel zu arbeiten, ist aufwendig.

Sie wollen sich doch nur darum so rasch wie möglich entscheiden, weil Mühleberg im Vergleich zu Gösgen (Alpiq) und Beznau (Axpo) den geringsten Rückhalt in der Bevölkerung hat - und weil dieser Rückhalt am Bröckeln ist, wie etwa der Zickzackkurs der Berner Regierung beweist.

Rohrbach: Ich sehe das nicht so. Eine Umfrage in den Kantonen Bern, Freiburg und Neuenburg zeigte, dass die Bevölkerung einem Ersatz von Mühleberg positiv gegenübersteht. Und die Leute wollen auch nicht, dass das Ersatzwerk für Mühleberg an einem anderen Standort entsteht.

Dennoch gab es im Raum Mühleberg bereits einigen Aufruhr.

Rohrbach: Wir sprechen derzeit mit der Bevölkerung zu den Themen Erschliessung und Zugänge zum Ersatzkraftwerk. Natürlich gibt es intensive Diskussionen. Die Betroffenen betonen aber, dass sie nicht fundamental gegen einen Bau sind, sondern bei diesen Themen mitreden und mitgestalten wollen. Diesen Dialog führen wir. Das mag jetzt zwar Wellen werfen, hat aber einen Vorteil: Wir haben diese Erwartungen schon frühzeitig einbezogen.

Ein Vorteil gegenüber anderen Projekten?

Rohrbach: Jedenfalls ist der Zeitfaktor nicht zu unterschätzen. Kernkraftwerke haben eine enorm lange Realisierungszeit. Die Schweiz gerät bei der Stromproduktion aber zunehmend in eine Auslandsabhängigkeit. Die Lieferverträge mit Frankreich beginnen ab 2018/19 auszulaufen, Beznau und Mühleberg werden wenig später 50 Jahre alt. Bis dann müssen wir mehr haben als nur Pläne.

Und das spricht gegen Alpiq und Gösgen, weil die BKW schon weiter ist?

Rohrbach: Unser Druck ist grösser, weil wir Mühleberg früher ersetzen müssen.

Was, wenn der Standortentscheid auf Beznau und Gösgen fällt und nicht auf Mühleberg? Was würde das für die BKW bedeuten?

Rohrbach: Es kommt auf die Ausgestaltung der Verträge an. Werden Partnerwerke gebaut, kann sich die BKW weiter versorgen. Wenn wir die natürliche Reihenfolge umgehen, würden wir aber mutwillig einen KKW- Standort aufgeben, was sehr ungeschickt wäre.

Der Stromhandel ist eine Perle der Stromwirtschaft. Bleibt das so, wenn das Höchstspannungsnetz an die Swissgrid übergeht?

Rohrbach: Wenn es Einschränkungen gibt, dann haben wir die bereits heute, denn Betrieb und Organisation dieses Netzes liegen schon bei der Swissgrid, die Überwachung beim Regulator, der ElCom. Der Handel eines Unternehmens entwickelt sich grundsätzlich unabhängig davon, ob ihm das Netz gehört oder nicht. Mehr Sorgen machen mir die Regeln der geplanten Eigentumsübertragung.

Warum?

Rohrbach: Ich frage mich: Kann der Übergang so gestaltet werden, dass wir nach der Eigentumsübertragung noch Gewähr haben, dass beim Netz nicht plötzlich nur noch das absolute Minimum ausgebaut wird? Und dass nicht plötzlich nur regionale Interessen im Vordergrund stehen?

Sie fürchten doch einfach um die Position der BKW im Stromhandel.

Rohrbach: Natürlich interessiert mich auch das Resultat unseres Unternehmens. Aber es geht um mehr. In den letzten zehn, zwanzig Jahren hat uns die Rolle der Schweiz als Stromdrehscheibe Europas auch punkto Versorgungssicherheit sehr viel gebracht. Weil in die Schweiz viele Leitungen führen, konnten Reservehaltung und Verfügbarkeit gut gewährleistet werden. Die Strategie hat sich bewährt. Doch dieser Aspekt der Versorgungssicherheit gerät in der Diskussion um das Netz sehr stark in den Hintergrund.

Fürchten Sie um den Einfluss der Strombranche in der Swissgrid?

Rohrbach: Wir sind ja als Netzeigentümer schon heute in der Minderheit im Swissgrid-Verwaltungsrat. Wir müssen uns deshalb richtig positionieren und den Verwaltungsrat von diesen Anliegen überzeugen. Wir müssen sicherstellen, dass wir genug ins Netz investieren. Und es geht ja nicht nur um den Einfluss bei Swissgrid. Wenn vom Regulator jede einzelne neue Leitung genehmigt werden muss, zusätzlich zu all den Bewilligungen, die heute schon nötig sind, geht der Ausbau des Netzes noch länger und der Versorgungssicherheit wird ein Bärendienst erwiesen.

Die BKW hat 1 Mrd Fr. für Zukäufe zur Verfügung. Wo schlagen Sie zu?

Rohrbach: Wir wollen die Mittel nicht primär in Zukäufe investieren, sondern in die Produktion und ins Netz. Sehr viele Stromversorger wird es in der nächsten Zeit ohnehin nicht zu kaufen geben. Denn selbst wenn Gemeinden über keine eigene Produktion verfügen, ist ihnen sehr wichtig, ein eigenes Netz zu besitzen.

Sie kündigten Anfang Geschäftsjahr einen Umsatz im Rahmen des Vorjahres und einen höheren Reingewinn an. Können Sie die Guidance bestätigen?

Rohrbach: Wir haben die Guidance nicht geändert.