Die Bezeichnung «systemrelevant» hat Swissgrid ohne Wenn und Aber verdient. Seit Anfang Jahr betreibt das Unternehmen das Schweizer Übertragungsnetz und ist damit für die Zuverlässigkeit der Stromversorgung und des Stromhandels verantwortlich. Im Zuge der Marktliberalisierung wird Swissgrid bis spätestens 2013 das Eigentum an diesem Netz von den Schweizer Stromwerken übernehmen. Der Firma stellen sich dabei enorme Herausforderungen: Das Stromnetz muss erneuert und ausgebaut werden, neue Technologien sind einzuführen (Smart Grid), und die Schweizer Stromversorger möchten das Netz auch weiter für den internationalen Stromhandel nutzen. Denn mit der sogenannten Stromveredelung - dem Speichern günstiger Energie in Speicherseen - verdient die Branche jährlich 1 Mrd Fr.

Die Stromwerke befürchten, dass der Geldsegen aus dem Stromhandel versiegt, wenn sie ihr Netz 2013 an die Swissgrid abgeben müssen.

Pierre-Alain Graf: Unser Interesse ist, den Stromhandel auch weiterhin zu ermöglichen. Unsere Pläne zum Ausbau unseres Stromnetzes sind absolut kongruent mit der Stromwirtschaft.

Aus linken und grünen Kreisen kommt eine andere Forderung: Für sie ist die Stromveredelung verwerflich.

Graf: Klar, die Schweiz macht mit diesem Geschäft Gewinn. Aber das ist wie in der Maschinenindustrie: Wenn man gut ist in einem Geschäftsfeld, dann kann und soll man dort Gewinn machen. Die Schweiz hat im Stromhandel eine Wettbewerbsposition, die sie sich bewahren sollte.

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Überlässt uns Europa diese Rolle?

Graf: Davon bin ich überzeugt. Die Klimaziele, die sich die EU gesetzt hat, werden nur mit Windkraft erreichbar sein. Und Energie aus Windkraft muss man speichern können. Die effizienteste Speichermassnahme ist heute die Wasserkraft, und an ihr hat die EU eminentes Interesse.

Aber Fakt ist: Wenn die Swissgrid das Netz kontrolliert, wird sie eine grössere Sicherheitsmarge einbauen, als es heute die Stromversorger tun.

Graf: Es stimmt, dass es bei den heutigen Eigentümern zu einem Verlust an Autonomie kommt. Unser Auftrag ist aber die Versorgungssicherheit. Der Stromhandel ist die eine Interessengruppe, die Endkonsumenten die andere.

Wie wird das Geschäftsmodell der Stromveredelung künftig aussehen?

Graf: Momentan finden massive Investitionen in Offshore-Windanlagen statt. Weil Deutschland Windenergie aus diesen Anlagen zwingend ins Netz einspeisen muss, führt das teilweise zu hochkritischen Situationen im Netz. Das Schweizer Geschäftsmodell der Zukunft könnte künftig damit ergänzt werden, dass wir einen Teil dieses Stroms abnehmen. Die gleiche Überlegung gilt, wenn man sich Solarprojekte wie Desertec anschaut. Auch für die Sonnenenergie böte die Schweiz eine Speichermöglichkeit.

Nur: Es fehlen die Stromleitungen.

Graf: Selbstverständlich gibt es heute zu wenig Leitungen. Das ist ein Problem, das aber die ganze EU hat. Nur: Dieses Problem muss gelöst werden, weil der Ausbau erneuerbarer Energien untrennbar mit einem Ausbau der Netze verknüpft ist. In Europa entsteht deswegen der sogenannte Supergrid-Plan. Man denkt darüber nach, mit einer Gleichstromleitung auf der Hochspannungsebene eine Nord-Süd-Achse aufzubauen, oder mittels Wechselstromtechnologie mehrere neue Leitungen zu bauen. Hier muss sich die Schweiz einbringen.

Wie?

Graf: Die Schweiz ist stark im Modell Stromtransit. Diese Karte können wir weiterhin spielen. Die politische Schweiz muss sich allerdings klar darüber werden, welch riesige Wertschöpfung hier möglich ist. Und wir müssen den Willen aufbringen, die dazu nötigen Investitionen zu tätigen.

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Soll sich die Schweiz auch bei ausländischen Stromnetzen engagieren?

Graf: Das ist eine politische Frage, aber grundsätzlich sollte sie sich im Ausland an Stromnetzen beteiligen.

Übernimmt Swissgrid diese Aufgabe?

Graf: Das ist abhängig vom politischen Willen, dem wir als Swissgrid unterliegen. Tatsache ist aber: Vor Kurzem hat der holländische Übertragungsnetzbetreiber ein Netz in Norddeutschland gekauft. Das war der Startschuss für die Internationalisierung der Stromnetze, und auch die Schweiz muss sich nun überlegen, wie sie sich positionieren will. Wenn wir Stromdrehscheibe bleiben wollen, müssen wir dafür sorgen, dass wir Zugang zu den Infrastrukturen haben. Denn die Schweiz könnte auch ausgelassen werden ...

... indem die neuen Leitungen an ihr vorbeigeführt werden?

Graf: Genau. In der Frage des Stromtransits herrscht Wettbewerb. In diesem müssen wir uns richtig positionieren.

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Droht die Gefahr, dass unsere Pumpspeicherkraftwerke überflüssig werden, wenn wir uns nicht in den Ausbau des Stromtransits einklinken?

Graf: Das Modell der Pumpspeicherkraftwerke wird meiner Meinung nach immer funktionieren. Die Anlagen sind ja nicht nur für den Stromhandel da, sondern dienen auch der Landesversorgung.

Die Schweizer Strombranche baut im Ausland bereits Kraftwerke. Soll sie nun noch in ausländische Netze investieren?

Graf: Nein, das wäre, wenn schon, unsere Aufgabe. Wir haben bereits ein Team, das sich explizit mit Europa-Fragen beschäftigt. Wir als Swissgrid werden aber nicht im Ausland investieren, solange dies das Gesetz nicht vorsieht.

Investitionen stehen aber auch im Inland an. Wie wollen Sie diese finanzieren? Ist Swissgrid überhaupt kapitalmarktfähig?

Graf: Daran arbeiten wir. Wir werden das Übertragungsnetz bis 2013 ins Eigentum übernehmen. Je nach Quelle ist dieses 1,5 bis 2 Mrd Fr. wert. Zusätzlich läuft die Planung für Projekte in den nächsten 10 bis 20 Jahren. So haben wir in der Schweiz im Moment vier bis fünf Leitungsengpässe, die zu beseitigen sind. Dazu sind weitere rund 6 Mrd Fr. nötig. Insgesamt beträgt der Kapitalbedarf also bis zu 8 Mrd Fr.

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Der Bau von neuen Stromleitungen stösst jedoch auf enorme Widerstände.

Graf: Das hängt auch vom Vorgehen ab. Einzelne Engpässe lassen sich so bereinigen, dass man Leitungen zusammenfasst und dafür anderswo aufstockt.

Wäre es auch möglich, Leitungen zu demontieren?

Graf: Es ist denkbar, dass man einzelne Leitungen demontiert. Vorerst wird es aber so sein, dass man Leitungen in bestehenden Trassen aufrüstet.

Woher also soll das Geld kommen?

Graf: Wir überlegen uns, ob wir das Geschäftsmodell Netz auch auf dem Kapitalmarkt anbieten könnten. Momentan ist unsere Vorstellung, eine «Obligation Swissgrid» herauszugeben. Natürlich müssen wir dazu mit der Politik in Gleichklang kommen.

Wer könnte diese Obligation kaufen?

Graf: Wir gehen davon aus, dass insbesondere Pensionskassen interessiert wären. Die Anlage würde bestens in ihr Portfolio passen. Unsere Obligation erhielte wohl ein Double A oder gar ein Triple A.

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Warum gehen Sie nicht an die Börse?

Graf: Dazu fehlt uns heute noch die gesetzliche Voraussetzung. Wenn man Swissgrid an die Börse bringen wollte, müsste das Parlament dies beschliessen. Eine Obligation ist weniger komplex, weil durch sie die Besitzverhältnisse nicht beeinflusst werden.

Aber ein Börsengang wäre denkbar?

Graf: Grundsätzlich ja, aber das muss die Politik entscheiden.

Der Aufbau der Schweizer Wasserkraft-Infrastruktur war eine Pioniertat. Stehen wir heute wieder an einem Scheidepunkt?

Graf: Absolut. Zum einen spielt beim Strommarkt das Marktmodell stärker. Zweitens verlagert sich die Produktion auf erneuerbare Quellen. Drittens gibt es nach Jahren des Stillstandes viele Innovationen im Stromnetz. IT und Strom wachsen zusammen, was ganz neue Möglichkeiten ergibt.

Sie sprechen das computergesteuerte System Smart Grid an. Ist unser Netz irgendwann so intelligent und sparsam, dass die Schweiz gar keine neuen Grosskraftwerke mehr braucht?

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Graf: Das Smart Grid ist eine wichtige Ergänzung. Unsere Zivilisation braucht jedoch immer mehr Strom. So findet eine Verlagerung zur elektrischen Mobilität statt. Ich glaube nicht daran, dass wir ohne neue Grosskraftwerke durchkommen.

Swissgrid hat also ein Interesse daran, dass in der Schweiz neue Kraftwerke gebaut werden?

Graf: Aus Sicht des Verantwortlichen für das Übertragungsnetz gesehen, braucht die Schweiz neue Grosskraftwerke. Man kann ein Netz nicht stabil halten, wenn die Produktionsquellen ausserhalb des Landes konzentriert sind. Und wenn man keine Produktion im Inland hat, bedeutet das einen massiven Netzausbau, um die Stabilität zu erhöhen.

Vereinfacht gesagt: Müssten wir mehr Leitungen bauen, wenn wir auch ohne neue Kraftwerke weiterhin ein stabiles Netz wollen?

Graf: Das ist verkürzt gesagt, aber im Grundsatz ist es richtig.

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Müssen sich Grossverbraucher trotz anlaufender Liberalisierung auch längerfristig auf steigende Preise einstellen?

Graf: Man muss davon ausgehen, dass sich das Schweizer Preisniveau immer mehr dem europäischen annähert, und das bedeutet, dass die Preise eher steigen.