Wo bestehen für Sie als Klimaforscher zurzeit die grössten Defizite in der weltweiten Klimapolitik?

Thomas Stocker: Das weitaus grösste Defizit besteht darin, dass wir heute noch nicht wissen, wie es nach dem Ablauf des Kyoto-Protokolls in der Klimapolitik weitergeht. Derzeit ist die Vereinbarung von Kopenhagen auf dem Tisch. Das ist aus meiner Sicht zwar ein wichtiges Dokument, doch hat es in allen Bereichen noch Lücken. Die grösste besteht darin, dass es noch kein verbindliches Dokument ist.

Und worin bestehen für Sie in der Zukunft die grössten Herausforderungen in der Klimapolitik?

Stocker: In der Klimapolitik geht es primär darum, zunächst weltweit zu entscheiden, welches Klimaziel erreicht werden soll. Die 2-Grad-Celsius-Vereinbarung ist ein mögliches Ziel. Dann müssen die harten Verhandlungen bezüglich des Fahrplans zu dessen Durchsetzung folgen.

Wie lauten die Zielvorgaben in Zahlen für die Staatengemeinschaft?

Stocker: Diese würden eine Reduktion der weltweiten CO2-Emissionen um mindestens 20% bis zum Jahr 2020 und um 80% bis 2050 erfordern. Dabei ist es unabdingbar, dass künftig auch die Entwicklungsländer an diesen Tisch der Zielvereinbarungen geholt werden müssen.

Bedeutet der aktuelle Klimawandel aber nicht auch eine echte Chance für die Volkswirtschaften der Staatengemeinschaft und deren Unternehmen?

Stocker: Absolut. Ich plädiere schon seit vielen Jahren für diesen positiven Effekt einer Zielvereinbarung bei den CO2-Emissionen. Die Menschheit befindet sich tatsächlich erstmals in der Situation, dass wir im Anblick eines grossen, weltweiten Problems so präzise in die Zukunft schauen und abschätzen können, welche Auswirkung unsere heutigen Entscheidungen haben. Wir wären also heute in der komfortablen Lage, auf wissenschaftlicher Basis langfristige Strategien zu entwickeln.

Welches sind dann die Konsequenzen aus dieser wichtigen Erkenntnis?

Stocker: Es ist klar, welche Produkte in den nächsten 10 bis 50 Jahren benötigt werden. Daher ist es aus heutiger Sicht grob fahrlässig, wenn man diese Produkte nicht entschlossen zu entwickeln und zu vermarkten beginnt. Das ist genauso, wie wenn jemand heute den Aktienkurs der UBS vom nächsten Jahr wüsste und jetzt nicht handeln würde.

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Im Rahmen der 3. Weltklimakonferenz in Genf haben Sie von der Schweiz ambitiösere Ziele beim Schadstoffausstoss gefordert. Haben Sie diesbezüglich in Bern inzwischen ein Echo gefunden?

Stocker: Ich habe keine solche Forderung aufgestellt. Aber ich habe gesagt, dass die Schweiz sehr wohl eine ehrgeizigere Klimapolitik betreiben könnte. Und dazu stehe ich heute nach wie vor. Hier besteht für unser Land die grosse Chance, eine Leaderrolle zu übernehmen und somit neue Technologien am Arbeitsplatz Schweiz zu entwickeln. Dafür wäre eigentlich alles parat: Die Universitäten, die Hochschulen, die KMU und die Industrie.

Weshalb tut sich die Politik weltweit so schwer damit, auf den augenfälligen Klimawandel mit Klimaerwärmung, Überschwemmungen, Gletscherschmelze etc. zu reagieren?

Stocker: Die Politik tut sich generell schwer mit Zeithorizonten von 30, 50 oder 100 Jahren. Einschränkungen des Klimawandels erfordern aber fundamentale Veränderungen im Energiebereich, von der Nutzung bis hin zur Bereitstellung. Das bedeutet aber nicht, die individuelle Mobilität abzustellen, sondern diese in der Zukunft anders und intelligenter zu gestalten. Ob ich mit 2,5 t oder 800 kg individuell mobil bin, hat dieselbe wirtschaftliche Bedeutung. Und genau diese Feststellung trifft für alle Bereiche des industrialisierten Lebens zu. Das bedeutet aber, dass etablierte Märkte und deren Anbieter sich bewegen müssen. Sich bewegen heisst aber immer auch verändern und investieren.

Wurde von der Politik bei der Weltklimakonferenz in Kopenhagen nicht die grosse Chance für einen eigentlichen Durchbruch in der Klimapolitik verpasst?

Stocker: Nein, wer den Prozess verfolgt hat, wie das Kyoto-Protokoll und die Nachfolge-Dokumente zustande gekommen sind, weiss, dass dafür sehr viel Zeit erforderlich ist. Denken wir nur, wie viel Zeit für eine neue Gesetzgebung allein in der kleinen Schweiz benötigt wird. In der Klimapolitik sind wir in einer völlig anderen Situation, gilt es doch 192 Teilnehmerstaaten zu einem Konsens zu bringen, der Wirkung erzielen kann.

Wie ist es heute weltweit um die Klimaforschung bestellt?

Stocker: Die Klimaforschung bewegt sich, wie jede andere naturwissenschaftliche Forschung, nach vorne. Das heisst, sie bearbeitet Fragen, die noch nicht geklärt sind. Obwohl es auch in der Klimaforschung noch Wichtiges zu entdecken gibt, haben sich in den letzten 30 Jahren eine enorme Zahl von Fakten und Resultaten entwickelt. Diese sollten bei Weitem genügen, um rationale und zukunftsorientierte Entscheidungen zu treffen.

Welche Resultate meinen Sie damit konkret?

Stocker: Ich meine die drei grundlegenden Erkenntnisse der Klimaforschung. Erstens: Die Treibhausgaskonzentrationen steigen rasant an und sind heute höher als je in den letzten 800000 Jahren. Zweitens: Die weltweiten Temperaturen sind seit 1900 um 0,74 Grad Celsius gestiegen. Drittens: Die beiden Fakten hängen kausal zusammen, das heisst, der Anstieg von CO2 hat die Erwärmung zum grossen Teil verursacht. Diese Erkenntnisse sind in den Grundzügen seit 20 Jahren bekannt. Mein Fazit: Die Politik hätte also schon vor 20 Jahren wichtige Weichen stellen können.

Welche Rolle spielt der Weltklimarat in der Klimaforschung?

Stocker: Der Weltklimarat IPCC hat eine klar umrissene Aufgabe: Er soll objektiv und transparent wissenschaftlich basierte Informationen zuhanden der politischen Entscheidungsträger beurteilen. Diese Aufgabe wurde ihm vom Panel, das heisst der Vereinigung jener Länder, welche in diesem Gremium mitmachen, erteilt. Das IPPC betreibt selber keine Forschung, sondern beurteilt in einer kritischen Gesamtschau die weltweit erarbeiteten Forschungsresultate von Tausenden von Wissenschaftlern und erstellt dazu einen Zustandsbericht.

Und wie entsteht dieser Zustandsbericht?

Stocker: Mit der so ermittelten Datensammlung wird alle fünf bis sechs Jahre ein umfassender Forschungsbericht zuhanden der Mitgliedländer erstellt. Diese Arbeit wird vollumfänglich ehrenamtlich geleistet. Natürlich bedarf dieses Unterfangen einer kleinen Infrastruktur in Form von drei Arbeitsgruppen. Zusammen mit einem Chinesen leite ich als Co-Präsident die Arbeitgruppe 3, jene der Wissenschaft. Wir haben dazu ein kleines Sekretariat an der Uni Bern, bestehend aus sieben Personen, zur Verfügung.

Welche finanziellen Mittel stehen der Arbeitsgruppe bereit?

Stocker: Die Spesen der einzelnen Arbeitsgruppen werden von den Ländern beziehungsweise im Fall von Entwicklungsländern durch den IPCC «Trust Fund» getragen. Die Mittel für unser Sekretariat hat der Bundesrat 2008 gesprochen.

Welches sind denn heute die wesentlichsten Quellen zur Bildung der Treib-hausgase weltweit und speziell in der Schweiz?

Stocker: Das wichtigste Treibhausgas ist, neben dem natürlichen Wasserdampf, das CO2. Seine Konzentration nimmt durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Kohle, Erdöl und Erdgas kontinuierlich zu. Eine weitere wichtige Quelle für CO2 ist die Abholzung der tropischen Regenwälder in Brasilien und Indonesien. Diese allein macht heute einen Fünftel der gesamten CO2-Emissionen aus. Das ist wichtig zu erkennen. Die beiden genannten Länder haben daher einen grossen Hebel, um die Emissionen zu reduzieren.

Einzelne Staaten der EU visieren eine CO2-Reduktion von 30% bis zum Jahr 2020 an. Wie realistisch ist diese Zielvorgabe?

Stocker: Diese Zielvorgabe ist im Grundsatz realistisch. Sie ist aber hinfällig, wenn wir effektiv nicht mehr machen und weiterhin Zeit vertrödeln, um die notwendigen Massnahmen zu ergreifen. Vielmehr müssen wir uns auf den Pfad eines konsequenten technologischen Wandels und damit des Fortschritts begeben. Solange wir dies nicht tun, lassen sich auch die Zielsetzungen nicht erreichen.

Die Schweiz begnügt sich bislang mit einer Reduktion um 20% bis 2020. Ist das nicht ein zu bescheidenes Ziel?

Stocker: Als Bürger dieses Landes meine ich, dass wir eine grosse Chance verpassen. Wir könnten, wie einzelne Länder, ehrgeizigere Ziele verfolgen. Ich bin überzeugt, dass wir mit unseren Möglichkeiten dazu in der Lage wären und dass wir uns daraus mittel- bis langfristig auch einen klaren Vorteil als Wirtschafts- und Innovationsstandort erarbeiten könnten. Diese grosse Chance gilt es zu nutzen. Das würde aber klare Entscheidungen erfordern, und zwar heute.

Richten Sie Ihren Blick auch verstärkt nach Bern, wo wir eine neue Energie- und Umweltministerin haben? Sie könnte die Weichen in der Klimapolitik neu stellen.

Stocker: Ich werde aufgrund meines Uno- Mandats sicher mit Bundesrätin Doris Leuthard in engem Kontakt bleiben. Wir hatten schon in ihrer bisherigen Funktion Kontakte, weil sie sich sehr für die Problematik des Klimawandels interessierte. Ihre Aufmerksamkeit galt insbesondere der regionalen Verfügbarkeit von Ressourcen wie Strom und Wasser sowie den Infrastrukturen. Ich bin überzeugt, dass ihr Interesse mit der neuen Aufgabe wachsen wird und bin gespannt, welche Akzente sie in der Energie- und Klimapolitik setzen wird.