Weshalb hält es der Bundesrat für notwendig, dem Tourismusstandort Schweiz eine Wachstumsstrategie zu verordnen? Diese Frage stellte Bundespräsidentin und Wirtschaftsministerin Doris Leuthard gleich selbst, als sie die künftige Tourismuspolitik an einer Konferenz präsentierte. «Schliesslich ist die Schweiz ja ein Ferienland par excellence.»

Nicht mehr, wenn es nach der Regierung geht, weil die Konkurrenz gewachsen ist und uns überholt hat: Lag die Schweiz im globalen Vergleich 1950 unter den Top Five und noch 1980 unter den Top Ten, so ist sie heute, gemessen an den ausländischen Gästen, zurückgefallen - bei den Ankünften auf den 27. Rang und bei den Einnahmen auf den 17. Rang (Stand 2008, Quelle Unwto). Jetzt soll die Schweiz zurück in die Weltspitze.

Erst wenig konkrete Absichten

Die Vorgabe von Doris Leuthard lautet: «Wir wollen das Feld von hinten aufrollen.» Der Schweizer Tourismus soll national seine volkswirtschaftliche Bedeutung behaupten und international im Alpenraum Marktanteile gewinnen können. Deshalb bedarf es einer Wachstumsstrategie. Diese hat das Ressort Tourismus des Staatssekretariates für Wirtschaft Seco im Auftrag des Bundesrates in einem 88-seitigen Bericht zusammengefasst, wobei die Themen «Vision/Leitsätze», «Zielsetzungen» sowie «Umsetzung» jeweils nicht mehr als eine Seite beanspruchen. Ausführlicher, nämlich auf 34 Seiten, werden die Themen «Strategien und Handlungsfelder» erläutert. Es handelt sich im Wesentlichen um diese vier Punkte:

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• Der Bund will mit einem Issue Management sicherstellen, dass Themen früh erkannt und aufgegriffen werden. Er unterstützt die Branche bei der Lösungssuche.

• Die Zusammenarbeit in der arg zersplitterten Branche sowie mit den Politikbereichen soll für Koordinations- und Querschnittsaufgaben intensiviert werden.

• Die Förderung von Innovationen für das touristische Angebot (Innotour) soll gesetzlich verankert werden, damit der Tourismusstandort wettbewerbsfähig bleibt.

• Der Marktauftritt (Schweiz Tourismus) muss stärker und besser mit anderen Standortförderungsinstrumenten (Osec oder Präsenz Schweiz) koordiniert werden.

Mit der neuen Wachstumsstrategie möchte der Bundesrat erreichen, dass der Schweizer Tourismus sein Potenzial noch besser ausschöpft, um unter Berücksichtigung der Grundsätze der nachhaltigen Entwicklung mehr Arbeitsplätze zu schaffen sowie Wertschöpfung und Einkommen zu steigern. Dazu sollen die Rahmenbedingungen für touristische Unternehmen verbessert sowie die Attraktivität des touristischen Angebotes gesteigert werden. Die Hauptaufgabe des Seco ist es, für die Implementierung dieser Tourismuspolitik Umsetzungsprogramme zu erarbeiten, das erste für die Legislatur 2012 bis 2015.

Skeptische Branchenvertreter

Um den Konsens für die neue Wachstumsstrategie zu unterstreichen, stellte Wirtschaftsministerin Doris Leuthard ihre Intentionen in Anwesenheit der gewichtigsten touristischen Organisationen des Landes vor: Schweizer Tourismus-Verband (STV), Verband Öffentlicher Verkehr (VÖV), Seilbahnen Schweiz (SBS), Hotelleriesuisse sowie Gastrosuisse. Sie alle konnten sich im Vorfeld aktiv in die Ausarbeitung einbringen und lobten die präsentierte Initiative des Bundesrates entsprechend.

Trotzdem mahnten sie auch: «Es darf nicht beim Papier bleiben, es müssen Taten folgen», so der Tenor der anwesenden Branchenvertreter. «Wir erachten das noch zu erarbeitende Massnahmenpaket als eigentlichen Prüfstein der vorliegenden Absichtserklärungen», konkretisierte Mario Lütolf, Direktor des STV, der Lobby-Organisation der Schweizer Tourismusbranchen und -betriebe gegenüber Politik, Behörden und Öffentlichkeit. Gleich offen wie die Umsetzungsprogramme sind die Finanzierungsfragen, so Peter Vollmer, Direktor des VÖV sowie SBS, der Lobby-Organisationen der Schweizer Transportunternehmen: «Bei allem Lob, die Nagelprobe der vorliegenden Wachstumsstrategie wird auch hier die Bereitstellung der dazu notwendigen Mittel sein.» Zu hohe Erwartungen dämpfte Bundespräsidentin Doris Leuthard, als sie ausführte: «Wir können das Tourismusbudget nicht erhöhen.»