Die Konzernbilanz und Ausblick von Nestlé stehen im Zeichen von neuer Ehrlichkeit und Demut. Denn das Unternehmen weist solide Zahlen aus angesichts des Franken-Schocks und des stagnierenden Wachstums in China. Es sind aber keine, die zu Euphorie verleiten. Doch im Vergleich zu durchzogenen Momenten der Vergangenheit benennt Konzernchef Paul Bulcke die Probleme deutlich und gibt sich bei den Zielen mit mehr Zurückhaltung.

Zunächst einmal die Zahlen: Der Umsatz sank 2014 um 0,6 Prozent auf 91,6 Milliarden Franken. Dass sich unter dem Strich ein Gewinnsprung um 4,4 Milliarden auf 14,5 Milliarden Franken ergab, war dem Verkauf der Beteiligung am französischen Kosmetikkonzern L'Oreal sowie der Neubewertung einer Beteiligung zu verdanken.

Nestlé bleibt zum zweiten Mal leicht unter Ziel

Das operative Ergebnis stagnierte bei 14 Milliarden Franken. Das organische Wachstum, das für den Konzern eine wichtige Kennzahl darstellt, sank auf 4,5 Prozent von 4,6 Prozent im Jahr zuvor. Nestlé blieb zum zweiten Mal in Folge hinter seinem Mittelfristziel von fünf bis sechs Prozent Wachstum zurück.

Der Ausblick ist darum verhaltener: Im laufenden Jahr peilt Konzernchef Bulcke ein organisches Wachstum von «rund fünf Prozent» an. Romano Monsch, Analyst bei der Credit Suisse, hält 4 bis 5 Prozent für realistisch.

Bulcke benennt in der Bilanzmedienkonferenz die zwei wichtigsten Herausforderungen mit offenen Worten. Er spricht klar von Problemen in China und den Belastungen durch den starken Franken. «Wir leben in einer neuen Realität», kommentierte er die Aufgabe des Euro-Franken-Mindestkurses vom Januar. «Der starke Schweizer Franken ist eine der Herausforderungen.»

Belastung durch den SNB-Entscheid

Nestlé ist dabei im Vergleich zu vielen anderen Schweizer Unternehmen gut aufgestellt. Nur zwei Prozent der Einnahmen fallen überhaupt in Franken an, das Unternehmen produziert nahezu auschliesslich vor Ort und damit in der Landeswährung. Das Risiko durch Wechselkursunsicherheiten ist also begrenzt. Analyst Jean-Philippe Bertschy schätzt es auf 10 Prozent. «Allerdings sind einige wichtige, exportorientierte Produktbereiche in der Schweiz angesiedelt – zum Beispiel Nespresso», so Bertschy. «Auch die Forschungs- und Entwicklungsabteilung ist grösstenteils in der Schweiz angesiedelt. Hier fallen entsprechend die Kosten in Franken an.»

Die Belastung durch den SNB-Entscheid hat sich nach Bertschys Einschätzung auch auf die Steigerung der Dividende ausgewirkt. Mit einer Erhöhung auf 2.20 Franken bleibt Nestlé hinter den Vorgaben der letzten Jahre zurück. In diesem Jahr lag das Plus bei 2 Prozent, in den Vorjahren waren es eher 4 bis 5 Prozent. «Ich hätte eine höhere Steigerung bei der Dividende erwartet. Hier hat wohl auch der SNB-Entscheid zu mehr Vorsicht geführt», sagt Bertschy.

Attraktive Rendite

Anleger reagierten heute zurückhaltend, die Aktie lag minimal im Plus bei weniger als einem halben Prozent bis zum Mittag. Der Titel bleibt aber nach wie vor attraktiv: Die Dividendenrendite liegt bei 3,1 Prozent. Ausserdem läuft nach wie vor das Aktienrückkaufprogramm, das Nestlé vergangenes Jahr gestartet hat. Bisher wurden Aktien im Wert von 2,5 Milliarden Franken zurückgekauft, das gesamte Programm umfasst acht Milliarden Franken.

Ein weitere Herausforderung für Nestlé ist das langsamere Wachstum in China. Viele grosse Konsumgüterkonzerne kämpfen damit, dass Abnehmer ihren Lagerbestand schmälern und entsprechend weniger Ware auf Vorrat kaufen. Das betrifft auch Nestlé. Konzernchef Bulcke bezeichnete die Division als die schwächste des Unternehmens im Jahr 2014. Der Absatz von Milchprodukten und Kaffee etwa entwickelten sich nicht so wie gewünscht.

Das liege auch an den veränderten Wünschen der Kunden. «Wir haben noch nie gesehen, dass sich Konsumwünsche so schnell geändert haben wie in China», sagt Bulcke. «Das haben wir nicht früh genug erkannt.»

5 bis 10 Prozent Wachstum in China möglich

Für 2015 gilt darum: «Wir müssen das Wachstum in China beschleunigen.» Die Aussichten dafür sind positiv. Zum einen habe Nestlé das Problem erkannt, so Analyst Monsch. Ausserdem stehe China besser da, als die Zahlen auf den ersten Blick zeigen. «Beispielsweise der Bereich Ernährung – eine wichtige Sparte mit grossem Potenzial – wächst dort nach wie vor gut, wird aber nicht für China spezifisch ausgewiesen.»

In Zukunft wird Nestlé das Wachstum in China erheblich steigern können, erwartet auch Vontobel-Analyst Bertschy. «Langfristig sind dort 5 bis 10 Prozent Wachstum durchaus realistisch.»

Mit Material von Reuters.

 

 

 

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