Am 1. April trat Sven Weidemann seine Stelle als CEO der Ländergesellschaft Tetra Pak an, einen Tag zuvor äusserte er sich in der «Handelszeitung» zu seinen Zielen. «Wir möchten die Position des Getränkekartons als ökologisch vorteilhafter Verpackung in Zentraleuropa weiter ausbauen und das Recycling in der Schweiz vorantreiben», erklärte er damals - und diesen Worten lässt er nun Taten folgen. Zusammen mit der SIG Combibloc und der Elopak, den beiden anderen grossen Herstellern von Getränkekarton-Verpackungen in der Schweiz, hat die Tetra Pak die IG Getränkekarton-Recycling gegründet.

Sammeln ab 2011

Sinn und Zweck dieser Interessengemeinschaft: Der Aufbau eines Sammelsystems für Getränkekartons. «Es geht jetzt noch darum, alle Beteiligten mit an Bord zu holen, damit wir 2011 in der ganzen Schweiz flächendeckend starten können», bestätigt Katharina Schenk, Projektleiterin der IG Getränkekarton-Recycling, auf Anfrage der «Handelszeitung».

Die Getränkekartonhersteller stützen sich auf eine Ökoeffizienz-Studie, die sie bei der Basler Firma Carbotech in Auftrag gegeben haben. Die Studie kommt zum Schluss, dass ein Recycling von Getränkekartons ökologisch und ökonomisch sinnvoll ist. Eine Überraschung ist dieses Ergebnis nicht: In vielen Ländern, unter anderem auch in Deutschland und Österreich, ist das Recycling der Getränkekartons längst Realität. «Die damit gemachten Erfahrungen sind durchwegs positiv», bestätigt Recycling-Projektleiterin Katharina Schenk. Überraschend ist eher, dass die Schweiz, die sonst in so vielen Bereichen eine ökologische Führungsrolle spielt, in Sachen Recycling von Getränkekartons die Entwicklung so lange verschlafen hat. Bis heute landen bei uns die Getränkekartons im Abfallsack und werden in den Kehrichtverbrennungsanlagen verbrannt. Dort liefern sie Wärme und teils ein wenig Strom.

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Bei ökologisch sensiblen Konsumenten sind die Getränkekartons zusehends unter Beschuss geraten. Denn die meisten anderen Verpackungsmaterialien - Glas, PET, Karton, Aluminium, PE-Milchflaschen - werden bereits rezykliert, was mehr und mehr zu einem Wettbewerbsnachteil für die Kartonverpackungen wird. Tetra-Pak-Chef Sven Weidemann will mit dem Aufbau eines Entsorgungssystem diesen Nachteil nun mehr als wettmachen: «Der Getränkekarton ist die einzige Getränkeverpackung aus nachwachsenden Rohstoffen; das verschafft uns bei einer Wiederverwertung einen Wettbewerbsvorteil bei den Konsumenten», argumentiert er.

Kooperation mit Detailhändlern

Tatsächlich sind laut einer ersten Umfrage die Konsumenten gewillt, vermehrt Produkte in Getränkekartons einzukaufen, wenn diese Verpackungen wiederverwertet werden. «Unsere Befragungen zeigen weiter, dass wir auf eine hohe Sammelbereitschaft der Schweizer Konsumenten zählen können», so Schenk. Eine hohe Sammelquote ist eine der Voraussetzungen, dass das Recycling zum Erfolg wird. «Wichtig ist weiter, dass es gelingt, ein effizientes Sammelsystem aufzubauen», gibt Fredy Dinkel von der Carbotech zu bedenken. Er empfiehlt der IG Getränkekarton-Recycling, bei der Logistik mit einem bestehenden Entsorgungssystem - etwa für PET - zu kooperieren. Die Verpackungsbranche scheint diese Empfehlung aufzunehmen: «Wir versuchen nun, die Detailhändler mit ins Boot zu holen», verrät Recycling-Projektleiterin Schenk.

Die weltweit tätigen Getränkekartonhersteller können sich auf die Erfahrungen abstützen, die sie mit der Wiederaufbereitung in anderen Ländern gewonnen haben. «Die verschiedenen Bestandteile wie Karton, Polyethylen und Aluminium können fast vollständig zurückgewonnen und neu verwendet werden», betont Schenk. Das ist letztlich für die Hersteller günstiger als die Beschaffung von Neumaterial. Getränkekartons basieren zu rund 75% auf dem Rohstoff Holz. In der Schweiz werden jährlich 24 000 t Getränkekartons verkauft; jeder Schweizer wirft pro Jahr weit über 100 grössere oder kleinere Getränkekartons in den Müll.

Felix Meier, Head of Consumer and Business beim WWF Schweiz, begrüsst die Initiative der Getränkekartonindustrie. «Das Recycling ist von grossem Nutzen, sowohl für die Umwelt und den Klimaschutz als auch für den Verbraucher», sagt er.

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