Christoph Lieber ist Vorstandsvorsitzender der St. Galler Kantonalbank (SGKB) in Deutschland und Autor eines Artikels, der im «Private Banking Magazin» erschienen ist. Dessen Titel «Deutsche Kapitalanleger in der Bredouille» lässt zunächst die übliche Kritik an der Tiefzinspolitik der Notenbank erahnen – doch bei genauerem Hinsehen rechnet Lieber mit seinem Heimmarkt in einer Art Rundumschlag geradezu ab.

«Der scheinbar freundliche Staat (…) ist dem gegnerischen Staat gewichen», heisst es beispielsweise. Schon heute gäbe es kaum ein anderes Land, dass seine Bürger so sehr schröpfe wie die Bundesrepublik Deutschland. Und: «Der Staat wird repressiver.» Lieber zitiert den Management-Berater Reinhard K. Sprenger, der davon sprach, dass in Deutschland die Vorstellung herrsche, das Geld der Bürger «sei latent Staatsgeld».

Szenario: Auseinanderbrechen der Währungsunion

Den Euroraum bezeichnet der SGKB-Manager als «deutlich instabiler» als von der Politik behauptet und von der Öffentlichkeit wahrgenommen. «Die Gefahr eines Auseinanderbrechens der Währungsunion ist nicht vom Tisch», schreibt er – und hat die Lösung bereits parat: Anleger sollten sich ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen, ob sie ihr Vermögen nicht in einen anderen Rechtsraum domizilieren möchten. «Ein Aufruf an die Deutschen, ihr Geld in die Schweiz zu bringen», fragt das Finanzportal «finews.ch».

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Doch nicht nur die Politik muss für Liebers Abrechnung herhalten – die Anlagemisere sei auch hausgemacht: «Als gute Ingenieure geniessen die Deutschen einen vorzüglichen Ruf, aber leider steht das Land zugleich im Ruf, die Überschüsse, die im Ausland verdient werden, im Inland schlecht anzulegen.» Der ranghohe Banker erwähnt lobend Persönlichkeiten wie Werner von Siemens, Max Grundig, Gottlieb Daimler oder Heinz Nixdorf – und setzt handkehrum zum nächsten Tiefschlag an: «Ein Warren Buffett oder George Soros war bislang nicht dabei.»

Fehlende Fachkenntnisse bei deutschen Anlegern

In Phasen der Tiefzinspolitik sind bekanntlich Aktien mangels Renditealternativen besonders gefragt. «Die traurige Wahrheit ist jedoch, dass viele Deutsche die Aktie noch immer für eine Wette halten», konstatiert Lieber – und kritisiert weiter: «Aufgrund fehlender Fachkenntnisse schätzen Anleger die Aktienlandschaft völlig falsch ein.»

Im Detail heisst dies: «Viele Kunden fahren mit Stolz ein Produkt aus dem Hause Volkswagen, BMW oder Daimler, doch eine Aktie kaufen sie nicht.» Der SGKB-Chef führt ferner das Beispiel der Hausfrau an, die etwa auf ein Produkt der Firma Henkel schwöre, aber im Leben nicht daran denke, ein Beteilungspapier am Unternehmen zu kaufen. «Jugendliche liebe Adidas und Puma, aber eine Aktie wird zu Konfirmation nicht verschenkt», so Lieber.

Deutschland-Engagement in den roten Zahlen

Lieber lehnt sich weit aus dem Fenster, denn die SGKB schreibt mit ihrem im Jahr 2009 gestarteten Deutschland-Engagement bisher rote Zahlen. Damals lautete das Ziel, innert fünf Jahren – also bis Ende 2014 – die Gewinnschwelle zu erreichen. «Wir sind auf Zielkurs», hatte Lieber in einem Interview mit «finews.ch» im März noch leicht ausweichend geantwortet.

Der Artikel aus der Feder des Private Bankers dürfte diese Zielerreichung zumindest nicht vereinfacht haben.