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Finanzplatz
Schweizer Bankkunden sind offen gegenüber Tech-Giganten

Mobile Banking ist nicht der einzige Weg für Banken, dem veränderten Kundenbedürfnis durch die Digitalisierung gerecht zu werden.
Mobile Banking ist nicht der einzige Weg für Banken, dem veränderten Kundenbedürfnis durch die Digitalisierung gerecht zu werden. Quelle: Keystone

Bei den Schweizer Retailbanken findet eine stille Abwanderung statt: Rund die Hälfte aller Kunden nutzt bereits heute Angebote von Wettbewerbern.

Von David Torcasso
am 20.12.2017

Jeder dritte Bankkunde in der Schweiz würde von Tech-Konzernen wie Google, Amazon oder Apple Finanzprodukte erwerben. Jeder zweite Bankkunde wird seiner Hausbank untreu und  nutzt auch Finanzangebote von anderen Anbietern. Bei Fintech-Startups sind die Schweizer skeptischer; nur ein Viertel könnte sich vorstellen, ihnen ihr Geld anzubieten. 

Das zeigt eine Studie der Managementberatung Bain & Company, an der rund 133'000 Bankkunden aus 22 Ländern teilgenommen haben. 1900 davon in der Schweiz. Die Disruption scheint in der Schweizer Bankenbranche nun tatsächlich angekommen zu sein. 

Tech-Konzerne sind attraktiver als Fintech-Startups

Die Schweizer Hausbanken scheinen dabei immer mehr zum «Grundversorger» für einfache Finanzprodukte, allen voran, einem Bankkonto zu werden. Sie stellen die Basisdienste bereit, während sie bei anderen Finanzprodukten mit digitalen Vorreitern mit margenstarken Produkten konkurrenzieren. Jüngstes Beispiel ist die Überweisung von Geld via App. Schweizer Fintech-Startups waren den Banken um Meilen voraus, bis diese die Technik durch Übernahmen einverleibten. Gerade bei höhermargigen Produkten wie Krediten und Versicherungen nutzen Schweizer Kunden die Transparenz im Internet und wählen das beste Angebot im Markt. 

Bislang profitieren von dieser stillen Abwanderung Kreditinstitute und Finanzanbieter, die nicht an Schweizer Traditionsbanken gekoppelt sind. Die Studie zeigt aber auch auf: 35 Prozent der befragten Schweizer Bankkunden sind offen dafür, Finanzprodukte von grossen Tech-Konzernen wie Amazon, Apple oder Google zu nutzen. Bei Fintech-Startups hingegen sind die Schweizer skeptisch: Nur 22 Prozent würden ihr Geld Startups anvertrauen. Dabei sinkt die Bereitschaft mit zunehmenden Alter der Befragten. 

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Google wird zur Bank

In den USA sind Anträge auf Banklizenzen von den grossen Tech-Konzernen hängig. Dirk Vater, Partner bei Bain & Company betrachtet den Einstieg von Konzernen wie Apple, Amazon und Co. ins Retail-Banking als nächsten logischen Schritt: «Die Voraussetzungen für Tech-Konzerne sind gut. Sie verfügen über eingespielte digitale Prozesse und haben sich als Marken mit anderen Dienstleistungen etabliert.  Schon heute vertrauen ihnen Kunden persönliche Daten an.» Zwar wenden sich bisher nur wenige Kunden komplett von ihrer Hausbank ab, doch die Herausforderungen mit der Digitalisierung sind da. «Gerade die Filialbanken müssen alles daransetzen, ihre Kunden stärker als bisher über alle Kanäle hinweg zu begeistern», sagt Vater.

Die Konkurrenz aus dem Silicon Valley schläft nicht: Die Tech-Riesen geniessen hohes Vertrauen bei Wohlhabenden. In einer Umfrage unter Millionären für den Weltvermögensreport von Capgemini sagten 56 Prozent der Reichen, dass sie eine Geldanlage bei einer der grossen Tech-Firmen erwägen würden, sollte diese solche Dienstleistungen anbieten. 

Mobile-Banking bei den Jungen

Noch wichtiger wird laut der Studie der Ausbau des Mobile-Bankings: Knapp zwei Drittel der bis 34-Jährigen nutzen bereits das Smartphone für ihre Bankgeschäfte. Auch ältere Kunden beginnen langsam aber sicher mitzuziehen.

Dabei gehe es nicht darum, alle Bankdienstleistungen nur noch digital anzubieten, sondern die Zusammenführung der verschiedenen Bedürfnisse der Kunden auf verschiedenen Services: «Die Zeiten ausschliesslich analoger und digitaler Banken gehen zu Ende», sagt Bankenexperte Matthias Memmiger von Bain & Company. «Die Zukunft gehört dem Omnikanal.» Dieser Transformationsprozess stelle die Banken vor grosse Herausforderungen, viele würden davor zurückschrecken, so Memmiger

Die Banken könnten die Produkte selbst auch lancieren

Stattdessen würden die Banken die Prozesse innerhalb der einzelnen Kanäle ständig optimieren anstatt neue Kanäle zu schaffen. «Wer den Omnikanal-Gedanken nicht lebt, öffnet Tür und Tor für Wettbewerber innerhalb und ausserhalb der Branche», schreibt Bain & Company in der Studie.

Dabei werden aber Hausbanken in mittelfristig nicht ersetzt werden, sondern die künftigen Angebote von den Tech-Unternehmen als Ergänzung im täglichen Umgang mit Geld dienen. Aber auch hier stellt sich die Frage, warum die Banken nicht selbst solche Angebote entwickeln, sondern sich diese von Google, Amazon und Apple aus der Hand nehmen lassen.

Übrigens: Die höchsten Loyalitätswerte bei Schweizer Kunden erreicht die zurzeit in den Schlagzeilen stehende Raiffeisenbank. Wie im Vorjahr übersteigt ihr NPS (Abkürzung für Net Promoter Score, eine Kennzahl, die mit dem Unternehmenserfolg korreliert und von Bain & Company mitentwickelt wurde) mit 51 Prozent den Wert aller anderen untersuchten Institute in der Schweiz