Nach einem ersten Protesttag im Tessin haben am Dienstag gemäss Schätzungen der Gewerkschaften rund 3000 Bauarbeiter hunderte Baustellen in der Deutschschweiz lahmgelegt. Sie forderten einen neuen GAV, Rente mit 60 sowie Schutz bei Schlechtwetter und vor Lohndumping.

Im zentralen Kundgebungsort Zürich versammelten sich am Morgen hunderte Bauarbeiter in einer Seitenstrasse des Helvetiaplatzes und zogen unter Fahnengeschwenke und Krach aus Trillerpfeifen bei Sonnenschein und frühlingshaften Temperaturen in einer Demonstration zum Hauptbahnhof. Andere Bauarbeiter wurden aus verschiedenen Regionen der Deutschschweiz direkt mit Cars zum Hauptbahnhof gefahren.

300 Baustellen stehen still

Dort trafen sie sich zum gemeinsamen Mittagessen. Laut den Gewerkschaften Unia und Syna fanden sich rund 2000 Bauarbeiter in der Bahnhofshalle unter der grossen Anzeigetafel ein - gemäss einer Zählung der Nachrichtenagentur sda waren es rund 1500. Die Reisenden mussten kleine Umwege in Kauf nehmen.

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Aktionen der Gewerkschaften gab es auch in Bern und Basel. Insgesamt dürften rund 300 Baustellen stillstehen, sagte Unia-Sprecher Mischa von Arb auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Davon seien über 100 im Grossraum Zürich, darunter auch Grossbaustellen wie das Zollfreilager oder die Europaallee, die neben den Bahngleisen liegt.

Auftakt im Tessin

Erst am Vortag hatten 3000 Bauarbeiter im Tessin ihre Arbeit auf den Baustellen ruhen lassen. Der Protesttag der Gewerkschaften Unia und Syna in Bellinzona war der Auftakt einer Reihe von Protesten in der Schweiz im Arbeitskampf um den Gesamtarbeitsvertrag der Branche, der Landesmantelvertrag (LMV) genannt wird.

Am Mittwoch sind Aktionen in der Westschweiz geplant. In Genf würden rund 2000 Demonstranten erwartet, in Neuenburg 500, sagte Unia-Sprecher Lucas Dubuis. In beiden Kantonen sollen sämtliche Baustellen stillstehen.

«stocksauer und wütend»

«Die Bauarbeiter sind stocksauer und wütend», sagte Nico Lutz, Sektorleiter Bau bei der Unia, am Dienstag vor den Medien in Zürich. Die Arbeit auf den Baustellen sei anstrengend und auch gefährlich. «Darum brauchen die Bauarbeiter einen Gesamtarbeitsvertrag mit mehr Schutz.» Mehr Schutz insbesondere bei schlechtem Wetter und vor Lohndumping.

In einer Medienerklärung von Unia und Syna warfen die Bauarbeiter dem Baumeisterverband vor, die Probleme der Bauarbeiter nicht ernst zu nehmen und Lösungen zu blockieren.

Fronten verhärtet

Die Fronten im Schweizer Baugewerbe sind seit Monaten verhärtet. Die Baumeister wollen den bisherigen Landesmantelvertrag (LMV) verlängern, für Unia und Syna dagegen kommen nur Verhandlungen über einen neuen LMV in Frage - und dies zusammen im Paket mit der Lohnrunde, der Finanzierung des Rentenalters 60 sowie Massnahmen gegen Lohndumping und für besseren Gesundheitsschutz.

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Der Baumeisterverband verweigert inhaltliche Verhandlungen über den Landesmantelvertrag wegen der Fachstelle «Risikoanalyse» der Gewerkschaft Unia. Diese Fachstelle prüft für Baufirmen, ob deren Subunternehmen Lohndumping begehen. Die Baumeister argumentieren, diese einseitige Überprüfung sei nicht zulässig.

Unia und Syna werfen den Baumeistern derweil Verhandlungsverweigerung vor. Kommt es bis Ende Jahr nicht zu einer Einigung, droht ein vertragsloser Zustand. Einen solchen wollen gemäss eigenen Angaben beide Seiten verhindern. Bei einem vertragslosen Zustand könnte es ab Januar zu spontanen Streiks kommen, sagte Unia-Mann Lutz.

Die nächsten Verhandlungen soll es am 20. und 27. November geben. Dort wollen die Baumeister aber nur über die Löhne für 2016 und den frühzeitigen Altersrücktritt sprechen - nicht aber über den Landesmantelvertrag.

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Streit um Rente mit 60

Der frühzeitige Altersrücktritt ist ein zweiter Streitpunkt zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern. Damit die Bauarbeiter wegen der körperlichen anstrengenden Arbeit ab 60 in Pension gehen können, gibt es die Stiftung flexibler Altersrücktritt (FAR). Sie zahlt eine Überbrückungsrente bis zum ordentlichen Pensionsalter mit 65.

Nun drohen der Stiftung aber Finanzierungsprobleme. Den Baumeistern zufolge ist das ein demographisches und damit ein systematisches Problem. Sie wollen es lösen, indem zum einen die Leistungen gekürzt, zum andern die Lohnprozente erhöht werden.

Dies lehnen die Gewerkschaften strikt ab. Heute betrage die durchschnittliche Rente 4400 Franken, sagte Lutz. Mit den von den Baumeistern vorgeschlagenen Kürzungen wären es noch 3600 Franken. "Wie wollen sie damit in der Schweiz leben?", fragte er. Faktisch werde die Kürzung dazu führen, dass kein Bauarbeiter mehr mit 60 in Rente gehe, weil es sich die meisten nicht mehr leisten könnten.

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(sda/dbe)