Die Openair-Saison ist eröffnet. Landauf, landab wird unter freiem Himmel «Die Herbstzeitlosen» vorgeführt. Der Kinohit des Jahres 2006 (siehe Kasten) ist eine Lokomotive für den Schweizer Film. So wie es sich Nicolas Bideau, Chef der Sektion Film beim Bundesamt für Kultur, vorgestellt hat. Doch eine solche neue Lokomotive fehlt bisher für 2007. Das wird nächste Woche am Filmfestival in Locarno zu heissen Köpfen führen.
Denn der Schweizer Film harzt dieses Jahr. Der Marktanteil ist 2007 mit 500000 Kinoeintritten auf 7% gesunken. Zum Vergleich: 2006 wurden im 1. Semester bereits 950000 Besucher in Schweizer Filmen registriert, was einem Marktanteil von 11% entsprach. Dies ergaben Recherchen der «Handelszeitung» bei ProCinema, dem Dachverband für Kino- und Filmverleih in der Schweiz.
Für das gesamte Jahr 2006 erreichte der Schweizer Film mit 1,621 Mio Eintritten einen Rekordmarktanteil von 9,62% am Kinofilm. Gleich vier Schweizer Spielfilme schafften es letztes Jahr in die Top 20. Nicht nur der Schweizer Film zog dieses Jahr weniger Publikum ins Kino. Insgesamt wurden mit 7 Mio Kinobesuchern im 1. Semester 2007 15% weniger Eintritte gezählt als ein Jahr zuvor.

*Keine neuen Publikumsrenner*
Ein Grund für die Flaute: Das Wetter lockte im Frühling, speziell im heissen April, weniger Publikum ins Kino. Ein anderer entscheidender Grund für das schwächere Schweizer Filmjahr: Die grossen neuen Publikumsmagnete blieben bisher aus. Schweizer Kinofilme, die bereits letztes Jahr gestartet sind, helfen immer noch mit, den Marktanteil des Schweizer Films auch dieses Jahr zu heben. Kino ist ein zyklisches Geschäft und stark abhängig von neuen Filmproduktionen.
Schweizer Spielfilme wie das Hiphop-Drama «Breakout» mit nur 64391 Besuchern oder der Mystery-Thriller «Marmorera» mit 13140 Zuschauern erwiesen sich heuer nicht als Lokomotiven. Und publikumsverdächtige Grossproduktionen kommen erst im Herbst ins Kino: Dazu gehören etwa «Tell», hergestellt von den erfolgreichen Machern von «Achtung, fertig Charlie», und der Puppentrickfilm «Max & Co.», der mit einem Budget von rund 30 Mio Fr. teuerste Schweizer Film, ist eine europäische Koproduktion.
Trotzdem wird in der OpenairSaison auf alte Schweizer Filme gesetzt. Dabei ziehen nach wie vor die Kassenschlager des Jahres 2006 am besten. OrangeCinema in Zürich, Bern und Basel präsentiert gleich vier bekannte Schweizer Spielfime. «Tickets für die älteren Schweizer Spielfilme wie etwa ‹Höhenfeuer› oder ‹Reise der Hoffnung› sind viel schwieriger zu verkaufen als Billette für die aktuellen Schweizer Filme wie ‹Die Herbstzeitlosen›, der im Nu praktisch ausverkauft war», erklärt Cinerent-Chef Peter Hürlimann, der in der Deutschschweiz die OrangeCinema betreibt.

*Die drei Filmförderer*
Der Schweizer Film ist auf die Filmförderung angewiesen (siehe «Nachgefragt»). Diese ruht auf drei Säulen: Der SRG, dem Bundesamt für Kultur und der Zürcher Filmstiftung. Die SRG gibt in drei Jahren 58 Mio Fr. für die Schweizer Filmförderung aus.
Das Bundesamt für Kultur hat pro Jahr 13 Mio Fr. für Spielfilme, Drehbücher oder Dokumentarfilme zur Vefügung. Dabei kann es maximal 1,5 Mio Fr. pro Spielfilm ausgeben oder 50% an die Gesamtkosten eines Spielfilms beitragen.
Die Zürcher Filmstiftung hat einen jährlichen Finanzierungspielraum von 10 Mio Fr., wobei Stadt und Kanton Zürich 7,5 Mio Fr. zahlen. Die Zürcher Filmstiftung bezahlt höchstens 750000 Fr. oder maximal die Hälfte an die Produktionskosten eines Spielfilms. Durchschnittlich kostet die Produktion eines Schweizer Spielfilms 2,5 bis 4 Mio Fr.
Für die bisherigen Lokomotiven des Schweizer Films war neben der SRG noch der Vorgänger von Filmchef Bideau im Bundesamt für Kultur verantwortlich. Nun steht der Chef der Sektion Film unter Bewährungsprobe: Er muss in Zukunft auf die richtigen Film-Lokomotiven setzen.

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