Graupapageien gelten wegen ihrer Intelligenz und Sprachbegabung zu den bedeutenden Tierarten in der Kognitionsforschung. Ein solcher ­Vogel ziert seit November letzten Jahres die Hecks der Flugzeuge der neuen afri­kanischen Low-Cost-Airline Fastjet. Der Graupapagei sei die Personifizierung des Firmenmottos «intelligentes Reisen», sagte Geschäftsführer Ed Winter bei der Präsentation des Logos.

Doch die Airline will nicht so richtig abheben, Verluste und Rechtsstreitigkeiten machen Winter, einem ehemaligen Easyjet-Manager, zu schaffen. «Protektionismus und Korruption» seien dafür verantwortlich, sagte Winter dem britischen Magazin «The Economist». Fastjet operiert nur innerhalb des ostafrikanischen Staates Tansania. Die Bewilligung, das Nachbarland Kenia anzufliegen, fehlt noch immer. In Ghana und Angola schreibt die Fluggesellschaft Verluste. In Südafrika gab es negative Presse, weil Fastjet gemeinsam mit dem dortigen Präsidentensohn Edward Zuma eine bankrotte lokale Airline übernehmen wollte.

Über diese Probleme und viele mehr werden künftig zwei Schweizer brüten. Fastjet ist Teil des britischen Konglomerats Lonrho, an dem der Industrielle Thomas Schmidheiny und der frühere Hedgefonds-Manager und UBS-Verwaltungsrat Rainer-Marc Frey reges Interesse haben. Die beiden Investoren halten zusammen schon fast 20 Prozent der Lonrho-Aktien. Nun haben sie den anderen Aktionären über ihr gemeinsames Investmentvehikel namens FS Africa angeboten, deren An­teile zu übernehmen und damit Lonrho für 175 Millionen Pfund zu kaufen. Der Verwaltungsrat hat die Annahme dieser Offerte bereits empfohlen. 18 Prozent der Aktionäre haben bereits unwiderruflich zugesagt. Die Offerte der Schweizer gilt bis Ende Oktober.

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«Hässliche Fratze des Kapitalismus»

Frey und Schmidheiny investieren in eine Weltregion, der für die nächsten Jahre ein sagenhaftes Wachstum prognostiziert wird. Laut einem gemeinsamen Bericht von OECD, Afrikanischer Entwicklungsbank, Afrikanischer Wirtschaftskommis­sion und Uno wird die Wirtschaftsleistung in den Ländern auf dem afrikanischen Kontinent durchschnittlich um 4,8 Prozent wachsen. 2014 soll das Wachstum nochmals 5 Prozent betragen.

Sechs der zehn zwischen 2001 und 2010 wachstumsstärksten Staaten liegen im südlichen Afrika. Das rohstoffreiche Angola liegt gar an der Spitze. Laut Interna­tionalem Währungsfonds werden zwischen 2011 und 2015 sogar sieben der zehn am schnellsten wachsenden Länder aus Afrika stammen.

Mit dem Kauf von Lonrho investieren Schmidheiny und Frey in ein schillerndes Konglomerat. Die Firmengruppe umfasst neben der Beteiligung am Billigflieger Fastjet eine Agrargeschäftssparte, eine Infrastruktur­abteilung sowie mehrere ­Luxushotels in Afrika. In der Geschichte von Lonrho taucht auch der Diktator mit der Leopardenmütze auf, Joseph-Désiré Mobutu Sese Seko, der das frühere Zaire während 30 Jahren mit eiserner Faust regiert hatte. In der Firmengeschichte spielen ebenso die früher offen rassistischen Länder Südafrika und Simbabwe eine gros­se Rolle. Dies bewog Anfang der 1970er-Jahre den damaligen britischen Premierminister Edward Heath dazu, Lonrho und den damaligen Geschäftsführer als «die hässliche Fratze des Kapitalismus» zu bezeichnen. Grund für diesen undiplomatischen Ausspruch waren fragwürdige Kooperationen im damaligen Rhodesien und in Südafrika zu Zeiten der Apartheid.

Mit der Übernahme von Frey und Schmidheiny würde Lonrho zum ersten Mal in der über hundertjährigen Geschichte nicht mehr in britischer Hand sein. Eine Ära ginge zu Ende.

1909 wurde Lonrho als «London and Rhodesia Mining and Land Company» ­gegründet. Seither wurden die Minenaktivitäten abgespalten, sie werden von der Firma Lonmin betrieben, die drittgrösster Platinproduzent der Welt ist. Der Rest des ursprünglichen Imperiums, das zeitweise 800 Unternehmen umfasste und 270 Mil­lionen Pfund Sterling Jahresgewinn abwarf, ist die heutige Lonrho.

Die goldenen Zeiten sind indes vorbei. 2012 schrieb Lonrho vor Abzug der Steuern einen Verlust von 6,3 Millionen Pfund, das sind über 9 Millionen Franken. Im Vorjahr resultierte ein kleiner Gewinn von knapp über 1 Million Franken. Die Nettoverschuldung beläuft sich auf 87,2 Millionen Pfund, das Nettovermögen auf 174,2 Millionen Pfund.

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Zur bewegten Firmengeschichte passen auch die Luxushotels im Eigentum der Gruppe, die Zeugen vergangener glanzvoller Zeiten sind. Das Grand Hotel Kinshasa in der gleichnamigen Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo ist ein Beispiel dafür. Früher hiess die Fünf-Sterne-Unterkunft Intercontinental und wurde 1971 im Beisein des damaligen Staatschefs und Diktators eröffnet. Heute führt sie zwar noch fünf Sterne, und die Nacht kostet 350 Dollar. Besucher des einstigen Vorzeigebaus in der anarchischen Stadt berichten indes von maroden Nasszellen, kaputten Klimaanlagen, schlechtem Service.

In besserem Zustand ist das Lonrho-Hotel im südostafrikanischen Moçambique, das Hotel Cardoso in Maputo. Die Hauptstadt gilt als eine der hippsten Städte des Kontinents und hat den Beinamen «Havanna Afrikas». Weitere Lonrho-Luxushotels stehen im Osten der Demokratischen Republik Kongo und seit neustem in Gabuns Hauptstadt Libreville. In dem von Armut, Korruption und ­Hyperinflation gebeutelten Simbabwe betreibt Lonrho ein Hotel, das die Mutter der britischen Queen Elizabeth II. einst «den schönsten Platz in Afrika» bezeichnete.

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Allerdings hat Lonrho angefangen, am anderen Ende der Hotelpreisklassen zu investieren. In Südafrika und Moçambique gehören dem Konglomerat je ein Easy-Hotel – die Hotelkette wurde von der Airline Easyjet gegründet.

Meeresfrüchte bilden Haupteinnahmen

Zwei Drittel des Umsatzes jedoch erzielt das Konglomerat mit Agrarbusiness. In diesem Bereich verfügt Lonrho seit 2012 über eine komplette Kühlketten­logistik. Das Geschäft besteht in erster ­Linie aus Meeresfrüchten. Die dazu gehörige Marke ist Oceanfresh Seafoods.

Ein Grossteil der Produktion wird indes nicht unter dieser Marke verkauft, denn Lonrho produziert seine Ware auch für grosse Supermarktketten, welche die Produkte dann in ihren Verkaufsregalen als Eigenmarken verkaufen. Eines dieser belieferten Länder ist die Schweiz. Andere sind die USA, Kanada, England, Italien und Frankreich.

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In der bewegten Geschichte war Lonrho auch in aussergewöhnlichen und exotischen Geschäftsbereichen tätig. So war die Industriegruppe zwischendurch Verlegerin der englischen Zeitung «The Observer» – einer Sonntagspublikation, die inzwischen zur Gruppe der Tageszeitung «The Guardian» gehört.

Gleichzeitig mit der Publikation der Offerte von Schmidheiny und Frey kündigte Lonrho auch an, wohin die Firmenreise gehen wird. Dank der beiden Schweizer werde es in Zukunft einfacher sein, ­Kapital für das Agrar- und Logistikgeschäft zu besorgen.

Schmidheiny liess über einen Sprecher ausrichten, er wolle sich erst detailliert zur Übernahme äussern, wenn die Angebotsfrist abgelaufen sei. Frey hat auf Anfragen ebenso wenig reagiert wie die Lonrho-Pressestelle.

Wenige Tage nach Bekanntgabe des ­Interesses der Schweizer trat bei der Lonrho-Beteiligung Fastjet der bisherige Verwaltungsratspräsident zurück. Nun kommt mit Schmidheiny ein Airline-Kenner an Bord. Als Ex-Swissair-Verwaltungsrat bringt er die Fluggesellschaft mit dem Graupapagei am Heck vielleicht endlich richtig zum Fliegen.

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Investoren Schmidheiny und Frey: Zwei Milliardäre vom Zürichsee

Holcim-Grossaktionär
Thomas Schmidheiny (67) ist Sohn des Unternehmers Max und Bruder von Stephan Schmidheiny. Nachdem er viele Jahre Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident des Zementkonzerns Holcim war, ist er nun noch einfaches Mitglied des Aufsichtsgremiums. Zudem gehören ihm 20 Prozent an Holcim. Neben seinem Unternehmertum machte er sich einen Namen als Kunstsammler. Im Zuge der Asbest-Prozesse in Italien gegen Bruder Stephan eröffneten die Behörden auch eine Untersuchung gegen Thomas Schmidheiny. Das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» schätzt sein Vermögen auf über vier Milliarden Franken.

Hedgefonds
Rainer-Marc Frey (50) war 1992 Gründer des Hedgefonds RMF, eines der ersten Hedgefonds überhaupt in Europa. 2002 verkaufte er RMF an die Man Group. 2004 gründete er dann die Investment-Gruppe Horizon21, der er bis heute als Präsident vorsitzt. Zudem ist Frey Verwaltungsrat der Grossbank UBS und des Schweizer Dienstleistungs- und Handelskonzerns DKSH, der vorwiegend in Asien tätig ist. Die «Bilanz» schätzte sein Vermögen zuletzt auf 900 Millionen bis 1 Milliarde Franken.

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Investitionen
Erstmals als gemeinsame Investoren sind Schmidheiny und Frey 2010 aufgetreten. Damals stiegen sie gleichzeitig bei Siegfried ein, dem traditionsreichen Pharmazeutik- und Chemieunternehmen mit Hauptsitz in Zofingen AG. Heute noch besitzt Frey rund 10 Prozent am Pharmaunternehmen, Schmidheinys Anteil war bereits 2011 unter 3 Prozent gefallen. Nun haben sie in England gemeinsam das Investmentvehikel FS Africa gegründet für die Übernahme von Lonrho. FS-Africa-Vorsitzender ist Frey.

Lonrho
Gerade die Geschichte der Familie Schmidheiny weist Parallelen zu jener von Lonrho aus, dem Konglomerat, das die beiden Schweizer Investoren kaufen wollen. Wie Lonrho gerieten die Schmidheinys wegen ihrer Geschäftstätigkeiten in Südafrika und dem damaligen Rhodesien in die Schlagzeilen. Den Schmidheinys wurde vorgeworfen, ihren dunkelhäutigen Angestellten bei der Holcim in Südafrika während der Apartheid 40–70 Prozent weniger Lohn bezahlt zu haben als den Weissen. Holcim wies die Vorwürfe zurück und sagte, man sei ein vorbildlicher Arbeitgeber gewesen.

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