Die Blue Box ist ein normaler Container, aber mit besonderem Inhalt. Anstelle von Frachtgut enthält sie Schläuche und Leitungen, mehrere Behälter und Messgeräte. Es ist offensichtlich eine technische Anlage. Doch zu welchem Zweck?

«Wir konzentrieren uns mit der Blue Box auf eine Nische in der Abwasserreinigung», sagt David Din, Firmenchef von Bluetector. Das vor anderthalb Jahren gegründete Start-up hat eine Technologie zur Behandlung von verschlammten und belasteten Abwässern entwickelt. Dazu gehören etwa die Abwässer von mobilen Toilettenkabinen. Sie sind derart zähfliessend, dass sie nicht in die Kanalisation eingeleitet werden können. Dort würden sie Leitungen und Röhren verstopfen. Daher werden problematische Abwässer mit Tanklastwagen eingesammelt und direkt in die Kläranlage befördert. Diese Entsorgungsfirmen sind potenzielle Kunden von Bluetector.

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Transport und Gebühren sparen

Das Jungunternehmen hat für diese Entsorgungsnische eine Lösung entwickelt, die in der Branche auf grosses Interesse stösst. Die neue Technologie könnte die umständliche Praxis ersetzen, die hohe Transportkosten und beträchtliche Abgabegebühren verursacht. Hinzu kommt, dass die zähen Flüssigkeiten stark mit Giftstoffen belastet sind und von den Betreibern von Kläranlagen wenig geschätzt werden. Die darin enthaltenen Chemikalien stören den Gärungsprozess im Klärschlamm, aus dem heute vielerorts Biogas produziert wird. Ähnliches gilt auch für das Sickerwasser in Kehrichtdeponien. Es ist so verschmutzt, dass es mit Tanklastwagen in die Kläranlagen gebracht werden muss.

Die von Bluetector entwickelte Blue Box ist eine kleine mobile Kläranlage. Diese kann an der «Quelle» oder auf dem Gelände der Entsorgungsfirma eingesetzt werden. Die Abwässer werden in der Anlage so gut gereinigt, dass sie in die Regenwasser-Kanalisation eingeleitet oder zum Autowaschen und als Spülwasser gebraucht werden köennen. Der Prozess im Container beruht auf einer mechanischen Behandlung, bei der das schlammige Abwasser ausgepresst wird, sowie auf drei biologischen Klärstufen. Beim Pressen fällt nur noch ein kompakter Klärschlamm an, der gerade noch 2 Prozent der ursprünglichen Menge ausmacht. «Weiteren Abfall erzeugen wir mit unserer Methode keinen», so Din.

Dahinter steckt eine komplexe Verfahrenstechnik, die Bluetector zur Patentierung angemeldet hat. In der Blue Box verbirgt sich Hightech. Sensoren und Messgeräte erlauben es, den Prozess im Container zu steuern und zu überwachen. Die grösste Herausforderung sei gewesen, in den Behältern das richtige biologische Klima zu erzeugen, lässt der Chef durchblicken.

Vermieten statt verkaufen

Im vergangenen Herbst hat das Start-up-Team innerhalb von drei Monaten die erste Pilotanlage installiert und im Dezember 2013 in Betrieb genommen. Seither läuft die Blue Box zuverlässig schon über 5000 Stunden. Sie bewährt sich im Alltag beim ersten Kunden des Jungunternehmens. Es handelt sich um die Firma Toitoi, mit über 100 Standorten in Europa Marktleader bei den mobilen Toilettenkabinen.

Die Ingenieure und Techniker optimieren gegenwärtig die Pilotanlage weiter, derweil Erstkunde Toitoi schon weitere Blue Boxes bestellt hat. Der Weg ist damit frei für die Fertigung einer Serie. Dazu hat das Jungunternehmen nochmals eine Finanzierungsrunde lanciert. Rund 2,2 Millionen Franken sollen generiert werden, unter anderem zur Vorfinanzierung der Anlagen. Diese werden nämlich nicht verkauft, sondern langfristig vermietet. Das soll den Markteinstieg beschleunigen. Mit der Vermietung hofft Din, auch Kunden zu gewinnen, die sonst nur vorsichtig in neue Lösungen investieren. Die Aussichten von Bluetector, bald den Break-even zu schaffen, stehen günstig. Mit sechs Anlagen wäre ein kostendeckender Betrieb möglich. In den nächsten drei bis fünf Jahren sollen mindestens 50 Blue Boxes im Einsatz stehen.

Allenfalls bleiben die blauen Container nicht das einzige Produkt von Bluetector. Im Rahmen eines KTI-Projektes befindet sich eine ganz andere Pilotanlage in der Pipeline. Sie zielt darauf, aus Klärschlamm Öl zu extrahieren. Dass das funktioniert, haben Versuche im Labor bewiesen. «Aus dem Klärschlamm, der jährlich in der Schweiz anfällt, liesse sich Öl im Wert von rund 30 Millionen Franken gewinnen und ohne grossen Zusatzaufwand in Diesel umwandeln», so Din. Vielleicht kann also eines Tages neben der Blue Box der Diesel Blues angestimmt werden.