Es ist ein düsteres Szenario: Finanzkrise, Rezession und gigantische Rettungspakete haben die Verschuldungen der Euro-Länder bis an die Grenzen des Erträglichen aufgebläht. Die unabwendbare Folge davon sind Steuererhöhungen und Leistungskürzungen für die Bevölkerung - die Löcher müssen gestopft werden.

Das schnürt das herbeigesehnte Wachstum ab, und zwar nachhaltig - die Wachstumsraten werden flach bleiben, während Jahren.

Ein Mann, der mit diesem Szenario rechnet, ist Bo Risberg. Der CEO des Bauausrüsters Hilti erwartet, dass die solide wirtschaftliche Stellung Europas in den nächsten Jahren abbröckeln wird. «Es wird Überraschungen geben und manche Staaten dürften in sehr schwierige Situationen kommen. Massive Sanierungen werden nötig sein. Das wird dem Wirtschaftsraum Europa einen herben Dämpfer versetzen», sagt er (siehe auch «Handelszeitung» Nr. 18 vom 5. Mai 2010). «Ich sehe für den gesamten europäischen Wirtschaftsraum grosse wirtschaftliche Herausforderungen.»

Autobauer wandern ab

Beispiel Autoindustrie: Sie ist mit Grosskonzernen wie Volkswagen, Daimler, Fiat und Renault-Nissan eine der Schlüsselindustrien für die europäische Volkswirtschaft.

Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer prognostiziert für Westeuropa insgesamt sinkende Absatzahlen. Erst ab 2011 sei auf diesem gesättigten Markt Erholung zu erwarten. Die Marke von 14,8 Mio verkauften Autos wie im Jahr 2007 ist mittelfristig nicht in Sicht.

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«Damit stellt sich immer drängender die Frage, ob es nicht ein Problem ist, in erster Linien dort zu produzieren, wo die Nachfrage sinkt», sagt Stefan Bratzel, Leiter des deutschen Centers of Automotive in Bergisch Gladbach. Im Klartext: Wenn die Entwicklung so weitergeht, müssen die deutschen Autobauer weit mehr als bislang ihre Produktion in jene Länder verlagern, in denen sie zunehmend mehr Autos verkaufen.

Das hat Folgen für die Schweizer Zulieferer - rund 300 Unternehmen, die mit 30000 Angestellten in der Schweiz geschätzte 12 Mrd Fr. Umsatz erzielen. Wollen die Zulieferer die Autobauer weiter beliefern, müssen sie ihnen in die neuen Märkte folgen.

Die gute Nachricht: Viele Schweizer Firmen haben den Schritt bereits gemacht. Zum Beispiel Georg Fischer. Der Industriekonzern produziert neben Gussteilen für die Autoindustrie auch Fertigungsanlagen und Rohrleitungssysteme. GF arbeitet seit Jahren daran, seine Abhängigkeit von Europa zu verringern.

«Wir müssen dort präsent sein, wo das Wachstum ist, und die Musik spielt derzeit eben vor allem in Asien», sagte GF-CEO Yves Serra der «SonntagsZeitung». GF erzielte im vergangenen Jahr 16% des Umsatzes in Asien, dieses Jahr werden es schon 20% sein. Auch in den kommenden Jahren ortet Serra die Wachstumsimpulse in Asien. GF beschäftigt heute 18% der 12300 Mitarbeiter in Fernost.Unterwegs nach Übersee ist auch der Solarzulieferer Meyer Burger. Gut 250 Mio Fr. von insgesamt 420 Mio Fr. Konzernumsatz erzielt Meyer Burger bereits im Dollarraum Asien, vorwiegend in China. «Unsere Umsätze in Euro lagen 2009 unter 20%», sagt Sprecher Werner Buchholz. In diesem Jahr dürfte dieser Anteil noch weiter sinken. Den Turbulenzen im Euro-Raum versucht Meyer Burger zu begegnen, indem die Verkäufe noch konsequenter in Schweizer Franken getätigt werden. Will heissen: Der Konzern macht gegenüber Käufern aus dem Euro-Raum keine Preiskonzessionen.

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Meyer Burger hat bereits vor sieben Jahren begonnen, eine starke Präsenz auf dem asiatischen Markt aufzubauen. «Das hilft uns momentan sehr stark. Zudem diskutieren wir Konzepte, um einfachere Komponenten von Maschinen lokal in der Nähe der Kunden zu fertigen», so Buchholz.

Sika: Hausaufgaben gemacht

Relativ gelassen gibt sich der Spezialitätenchemiekonzern Sika. «Die gröberen Verwerfungen werden die Erholung der Realwirtschaft im Euroraum zwar verzögern», sagt Sprecher Rainer Weihofen. Aber für Sika sei die gegenwärtige Situation kein Grund zur Panik. Das Unternehmen habe alle Massnahmen umgesetzt, mit denen auf die Schwäche im Euro-Raum reagiert werden könne.

«Währungsseitig sind wir bei unseren Transaktionen mit natürlichen Absicherungen im Gleichgewicht. Wir kaufen da, wo wir produzieren und auch verkaufen, und die internen Finanzierungen sind weitgehend gehedged», erklärt Weihofen.

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Straumann: Reingewinn schmilzt

Besorgter klingt Straumann. Der Zahnimplantate-Hersteller hängt nach wie vor stark vom europäischen Wirtschaftsraum ab. «Der schwache Euro trifft uns, weil wir in Schweizer Franken rapportieren», erklärt Konzernsprecher Mark Hill. Straumann tätigt im Euro-Raum rund die Hälfte seines Umsatzes, während lediglich ein Viertel der Kosten dort anfallen.

«Jeder Cent, den der Euro gegenüber dem Schweizer Franken verliert, schmälert unseren Reingewinn um 3 Mio Fr.», sagt Hill.

Hinzu kommt, dass die Umsätze in Europa stagnieren. «Bei den Zahnimplantaten, die in den meisten Ländern von den Patienten aus der eigenen Tasche zu bezahlen sind, haben die Leute seit Beginn der Krise gespart, und in Europa sind sie bis heute weiterhin zurückhaltend», erklärt Hill. Die hohe Arbeitslosigkeit in vielen Ländern, die auf die Konsumentenstimmung drückt, ist Gift für die Nachfrage nach den teuren Implantaten. Straumann rechnet für das ganze restliche Jahr mit einem steifen Gegenwind aus dem Euro-Raum.

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Sorgenvoll gibt sich auch Alpiq-Finanzchef Kurt Baumgartner. «Wir exportieren Strom und Dienstleistungen und sind darum direkt von der Entwicklung des Euro-Kurses betroffen.» Die heutige Situation und vor allem die Perspektiven seien beunruhigend. «Wir haben unsere gesamte Politik gegenüber dem Euro überprüft und angepasst. Wir sichern seit einiger Zeit stärker ab als früher und werden künftig sukzessive weitere Beträge absichern. Zudem versuchen wir, Erträge und Kosten so zu lenken, dass sich eine natürliche Absicherung zum Euro ergibt.» Den abrupten Euro-Absturz wird Alpiq aber nicht auffangen können. «Er wird unser Jahresergebnis belasten, das wissen wir.»

Auch beim Fahrzeugbauer Stadler Rail, der hauptsächlich in der Schweiz produziert und zwei Drittel in den Euro-Raum exportiert, hinterlässt die Euro-Schwäche Spuren, besonders bei den schon vor längerer Zeit vereinbarten Aufträge. «Dort schmelzen jetzt die Margen weg, und bei aktuellen Ausschreibungen wird es preislich immer enger», erklärt Mediensprecher Tim Büchele.

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Banken schichten Portfolien um

Wie Ernst die Lage ist, zeigt ein Blick auf das Verhalten der Banken. Als Reaktion auf die jüngsten Entwicklungen im Euro-Raum haben zum Beispiel die Anlagestrategen der Bank Pictet in den letzten Tagen verschiedene Portfolien umgeschichtet.

Sie reduzierten den Aktienanteil von Euro-Unternehmen um 5% und investierten umso mehr in US-Papiere. Kaum gross angerührt wurden hingegen die Schweizer Aktien. «Wir sind zuversichtlich, dass der Euro nicht unter 1.40 Fr. sinken wird», sagt Alfred Roelli, der Anlagestratege von Pictet im deutschsprachigen Raum. Das könnte Wunschdenken sein. Zwar hat das 750-Mrd-Euro-Rettungspaket für die taumelnden EU-Staaten den Eurozerfall gestoppt, womöglich aber nur vorübergehend. «Falls der Euro tiefer sinkt, kann es tatsächlich für viele exportorientierte Schweizer Firmen problematisch werden», räumt Roelli ein. Doch auch für diesen Fall bleibt er zuversichtlich. «Die meisten Unternehmen sind in den aussereuropäischen Wachstumsmärkten gut vertreten, und sie haben für die Entwicklung in Europa Krisenszenarien in ihre Strategien eingebaut.»

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Auswanderer-Kontinent Europa?

Beim Schaffhauser Industriekonzern Georg Fischer ist der Trend zu Investitionen im fernen Ausland in vollem Gang. GF eröffnet laufend neue Werke in Übersee. «Wir müssen die Produkte lokal entwickeln, um sie erfolgreich vermarkten zu können», erklärt CEO Yves Serra. Allein 2009 hat GF in Asien vier neue Fabriken eröffnet. 2010 kommt ein weiteres Werk in Peking dazu. «Die Grundlagenforschung für unsere Produkte bleibt jedoch in der Schweiz und in Europa. Dieses Know-how wollen wir nicht aus der Hand geben», betont der GF-Chef.

Was gut klingt, hat eine Kehrseite: Die Jobs in Europa richten sich je länger, je mehr an hochqualifizierte Angestellte. Das Stellenangebot für weniger gut ausgebildetes Personal dagegen sinkt. Langfristig gesehen könnte Europa, wie schon in vergangenen Jahrhunderten, wieder zu einem Auswandererkontinent werden.

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Ob das Schwarzmalerei ist, wird sich weisen. Gerold Bührer, Präsident des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse, gibt sich jedenfalls pessimistisch: Die massive Verschuldung der Euro-Länder werde zur Wachstumsbremse, was je nach Dauer massive Auswirkungen auf die Schweizer Exportindustrie habe, sagte er dem «Sonntag».

 
Der gigantische Rettungsschirm für Europa

Die EU-Finanzminister stützen die gemeinsame Währung, den Euro, mit mindestens 750 Mrd Euro. 500 Mrd Euro steuert die EU bei, bis zu 250 Mrd Euro der Internationale Währungsfonds (IWF). Der europäische Beitrag setzt sich aus mehreren Teilen zusammen: Ein Notfallfonds in der Höhe von 60 Mrd Euro wird von der EU-Kommission direkt gespeist. Diese Mittel sollen per Verordnung unmittelbar zur Verfügung stehen und sind zeitlich nicht begrenzt. Weitere 440 Mrd Euro steuern die Euro-Länder in Form von Garantien an eine Zweckgesellschaft bei. Die Kredite stehen drei Jahre lang zur Verfügung und werden zusätzlich zu den Griechenland-Hilfen gewährt. Der Anteil des IWF soll mindestens die Hälfte des EU-Beitrags umfassen.

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An der konzertierten Rettungsaktion ist auch die Europäische Zentralbank (EZB) beteiligt, die erstmals Staatsanleihen angeschlagener Euro-Länder aufkaufen könnte. Die Nothilfen sind an Bedingungen gekoppelt. Grundlage ist, dass bei IWF und EU Konsolidierungsprogramme vorgelegt werden, deren Umsetzung regelmässig überprüft wird. Alle EU-Mitgliedstaaten verpflichten sich, ihre Haushalte zu sanieren und ein dauerhaftes Krisenreaktionsprogramm aufzulegen. (red)