In den vergangenen Wochen überraschte die Credit Suisse die Marktteilnehmer gleich zweimal: Zunächst vermeldete die krisengebeutelte Bank Ende Juli, dass sie das erste Halbjahr mit Gewinn beenden konnte. Dieser fiel mit 170 Millionen Franken zwar um 84 Prozent niedriger aus als im Vorjahr, wo zur selben Zeit bereits eine Milliarde Franken verdient worden ist, aber immerhin hatte die Bank die 302 Millionen Franken Verlust aus dem ersten Jahresviertel vergessen gemacht. Die Investoren atmeten auf und bescherten dem Valor eine kleine Kursrally: In den sechs Wochen, die folgten, ging es von 11 auf 13 Schweizer Franken bergauf.

Weiterer Paukenschlag

In dieser Woche kam ein weiterer Paukenschlag: Am Mittwoch teilte die Geschäftsleitung mit, dass Tim O’Hara, bis dato Chef der Handelssparte, mit sofortiger Wirkung seinen Job verliere. Mit dem Rausschmiss des langjährigen Top-Managers, für den die Bank keine Begründung lieferte, sendet Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam ein deutliches Signal. Thiam, der erst seit gut einem Jahr die Geschicke des Geldinstituts leitet, hat der Credit Suisse eine umfassende Restrukturierung verordnet. Kurzum: Die Bank spart, wo sie kann.

Das Investment Banking etwa wurde massiv zurückgefahren, allein in New York verloren gerade 1000 Credit-Suisse-Banker ihren Job. Zugleich hat die Bank Handelsrisiken in ihren Büchern massiv reduziert und das Eigenkapital erhöht. Gegenüber der «Neuen Zürcher Zeitung» meinte Thiam Anfang Juli zuversichtlich, dass seine Arbeit auf längere Sicht Früchte trage: Der Aktienkurs, damals im Rekordtief unter zehn Franken, sei «kein guter Indikator für die Befindlichkeit unserer Bank», sagte er.

Schweizer Bankensektor ist eine Grossbaustelle

Thiam nannte damals schon Anzeichen für einen möglichen Kursanstieg: Mehrere Grossinvestoren wollten Titel zukaufen, berichtete der Credit-Suisse-Chef. Inzwischen hat sich das bestätigt. Auch das dürfte dem Kurs zuletzt Auftrieb gegeben haben. Und schliesslich bleibt noch die Aussicht auf einen Börsengang des Schweiz-Geschäfts. Es soll Anfang des kommenden Jahres abgespaltet und als eigenständiger Valor gelistet werden.

Insgesamt bleibt der Schweizer Bankensektor eine Grossbaustelle. Auch die UBS baut um – und muss sparen. Anders als die Credit Suisse hat sich der Konkurrent zwar schon vor mehreren Jahren auf traditionelle Bankgeschäfte besonnen und das Investment Banking zurückgefahren, doch sind weitere Umwälzungen zu erwarten. Vor allem das Wealth Management, das Geschäft mit vermögenden Privatkunden, gerät zusehends unter Druck. Die Margen schwinden angesichts des Nullzinsumfelds.

Zudem erhöht der starke Franken die Kosten der Banken beim Geschäft mit ausländischen Kunden. Das schleichende Ende des Bankgeheimnisses belastet die Vermögensverwalter der Schweiz. Weiterhin laufen mehrere Klagen aus den USA – meist geht es dabei um Hypotheken-Geschäfte während der Finanzkrise. Und schliesslich sorgte der Brexit-Entscheid für neue politische Unsicherheit. Insbesondere für die Schweizer Banken, die von London aus ihr EU-Geschäft steuern, ist die Lage kritisch. Von der UBS heisst es bereits, das Wealth Management könnte von London nach Frankfurt verlagert werden. Bis zu 1500 von 5000 UBS-Stellen in London könnten wegfallen, bestätigte der Vorstand jüngst. Auch das kostet Geld.

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Ratings für Credit Suisse und UBS

In dieser Gemenge-Lage stufte die US-Investmentbank J.P. Morgan bereits ihre Ratings für Credit Suisse und UBS herab. Investoren sollten die europäischen Investmentbanken in der aktuellen politischen Lage grundsätzlich meiden, heisst es bei J.P. Morgan. Die französische Investmentbank Exane BNP Paribas rät Investoren ebenfalls von den Titeln ab. Credit Suisse und UBS seien angesichts enttäuschender Ergebnisse in der Vermögensverwaltung und auch im Kapitalmarktgeschäft nicht nur «Underperformer», sondern zwei der unattraktivsten Branchenwerte.

Zu diesem trüben Stimmungsbild passt, dass auch andere Vermögensverwalter an der Börse zuletzt schwächelten. Während die Credit-Suisse-Aktie im Jahresverlauf zwischenzeitlich die Hälfte ihres Börsenwerts eingebüsst hatte und die UBS in der schlechtesten Phase nach dem Brexit-Entscheid über einen Drittel verlor, brach auch der Valor der Fondsgesellschaft GAM um die Hälfte ein. Das Haus kämpft gegen hohe Mittelabflüsse seiner Kunden. Die Privatbank Julius Bär verlor ebenso in der Spitze einen Fünftel ihres Börsenwertes. Einzig die Regional- und Kantonalbanken konnten sich mit heimatnahem Geschäft zuletzt der branchenweit trüben Stimmung weitgehend entziehen. Sie sind auf kurze Sicht die einzigen Lichtblicke in der Branche.

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