Es wird die vierte Visite innerhalb von drei Jahren sein: Die Lebensmittelkontrolleure der amerikanischen Behörde Food and Drug Administration (FDA) planen abermals in die Schweiz zu kommen. Die FDA-Beamten folgen dabei dem Text des Food Modernization Act auf Punkt und Komma. Dies ist eine Konsequenz im Kampf gegen den Bioterrorismus: Potenziell lebensbedrohliche Nahrungsmittel sollen nicht erst an der US-Grenze abgefangen werden, sondern gleich im Herkunftsland. Im Fall der Schweiz geht es dabei unter anderem um eingesäuerte Lebensmittel und Konserven.

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Die US-Behörde hat acht Schweizer Firmen im Visier. In der Branche kursieren unter anderen die Firmennamen Hügli und Hero. Beide Firmen wollen sich dazu nicht äussern. Primär geht es um Produkte wie eingelegtes Gemüse, eingesäuerte Konservendosen, Nahrungsergänzungsmittel und Haltbarprodukte, die direkt oder indirekt für den US-Markt bestimmt sind.

Vorerst müssen die Inspektoren aber wegen des US-Budgetstreits, der im Oktober viele Behörden lahmlegte, zu Hause bleiben. Das Reisegeld wurde von der Administration nicht rechtzeitig genehmigt. Der Besuch in den Schweizer Produktionen soll nun im Frühling 2014 über die Bühne gehen. Bis dahin kann sich noch einiges an der Liste der Unternehmen ändern, sagen Insider. Wo genau sich die Prüfer umsehen werden, bleibt geheim. Eine offizielle Bestätigung für die genannten Firmen gibt es nicht. Sicher ist aber, dass für die Waren Lebensmittelkontrollen hierzulande stattfinden werden.

Die FDA-Beamten sind mit Schweizer Exporteuren schon von früheren Besuchen vertraut. Sie öffnen Lieferkisten, messen Firmengebäude aus und kopieren Tätigkeitsbeschreibungen der Mitarbeiter. Sogar Umsatzzahlen und Rezepturen halten die Amerikaner fein säuberlich fest.

Verdacht auf Spionage

Schweizer Patrons empfinden das als lästig und äussern zudem den Verdacht auf Betriebsspionage. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hält die Sorgen der Patrons für unbegründet. Die Überprüfungen seien nur Routine. Spionageaktivitäten seien keine zu befürchten. «Die FDA hat uns versichert, dass die Inspektoren der Geheimhaltung unterliegen», sagt Michael Beer, Leiter der Abteilung Lebensmittelsicherheit beim BAG. Die Prüflinge wollen das in Zeiten der totalen US-Überwachung nicht so recht glauben.

Was bleibt, sind die Mühseligkeiten, mit denen sich Schweizer Exporteure für Lieferungen in die USA herumschlagen müssen. Im Jahr 2010 waren FDA-Inspektoren hier, um Milchverarbeiter zu kontrollieren. Zwei Jahre später befragten sie Schweizer Schokohersteller und Käsereien nach Produktionsdetails. Einem Schweizer Unternehmen schrieben die US-Beamten vor, seine Mitarbeiter aus Hygienegründen zu einem Bartschutz zu verpflichten.

Ein ehemaliger Sicherheitsexperte der Weltgesundheitsorganisation WHO erklärt den Zweck der Inspektionen so: «Die Präsenz der FDA in der Schweiz ist Teil einer grösser angelegten Aktion, die Inspektoren weltweit in Stellung zu bringen. Und zwar auch aus Sicherheitsgründen.»

Warum diesmal ausgerechnet etwa eingesäuerte Lebensmittel auf der Agenda stehen und davor Schokolade und Käse, bleibt allerdings ein Rätsel. «Wir haben keine kluge Antwort erhalten», sagt Beer. Die FDA schaut sich die Produkte möglicherweise nach Marktvolumina an und entscheidet demzufolge, welche Hersteller sie prüft. Der gesamte Schweizer Export von eingesäuerten Lebensmitteln schwankt laut Statistik seit Jahren um die Marke von 20 Millionen Franken. Wie viel davon in die USA gelangt, lässt sich daraus nicht entnehmen. Von einem exorbitanten Marktvolumen wagt keines der mittelgrossen Unternehmen zu sprechen, wenn es um Cornichons, Saucen und Antipasti geht. «Es handelt sich um einen Mechanismus, den wir nicht durchschauen», sagt Beer. Die FDA-Zentrale in Maryland wollte sich nicht äussern.

Aus Schweizer Sicht bleiben die Visiten mehr Schikane als Akte der Vernunft. «Die USA sind ein interessanter Markt für unsere Hersteller, aber wenn sie unsere Qualitätsanforderungen erfüllen, dann erfüllen sie auch jene der USA», sagt der oberste Schweizer Lebensmittelinspektor Beer. Die Firma Hügli etwa interessiert sich sehr für den US-Markt, insbesondere was Suppen, Saucen und Bouillonwürfel betrifft. «Der Markt ist so riesig, dass schon ein sehr kleiner Marktanteil grosse Umsatzzuwächse bedeuten kann», sagt ein Hügli-Manager. Wenn Firmen also in die USA exportieren und vermeiden wollen, auf einer Verbotsliste zu landen, tun sie gut daran, die Kontrollen mit Sportsgeist zu nehmen. Die US-Behörden sind besonders streng, ohne ihre Zustimmung ist kein Export möglich. Zumindest ein wenig konnten die Schweizer die Akribie der Amerikaner eindämmen. Die Liste der zu prüfenden Firmen ist deutlich kürzer geworden. Jene 39 Betriebe, die bereits letztes Jahr ein Audit hinnehmen mussten, werden im Rahmen der neuen Inspektionswelle nicht mehr besucht. Ein Leiter der Föderation der Schweizerischen Nahrungsmittel-Industrien (fial) regte an, das System der Schweizer Lebensmittelkontrolle zu überprüfen und nicht mehr in einzelne Betriebe zu gehen. «Man sollte festhalten, dass die Lebensmittelbestimmungen beider Länder kompatibel sind.» Es ist ein Vorschlag, den das BAG unterstützt.

Neues Gesetz für Auslandkontrollen

Für den Fall, dass die USA weiterhin Einzelprüfungen den Systemaudits vorziehen, feilen Schweizer Parlamentarier bereits an einem neuen Lebensmittelgesetz. Unter Parlamentariern ist auch von Retorsionsmassnahmen die Rede. Die offizielle Linie im Parlament klingt aber freundlicher. «Unser Lebensmittelgesetz wird an die Gesetzgebung der EU angeglichen», sagt Ständerätin Christine Egerszegi (FDP). Sie sieht darin weder die Möglichkeit, dass der Bundesrat der FDA Carte blanche gibt, noch dies als Bekämpfung gewisser Praktiken zu nutzen.

Die Parlamentsvorlage, welche in der Wintersession ab dem 25. November im Nationalrat zur Abstimmung gelangt, sieht dennoch eine «Rechtsgrundlage» vor, «die es Schweizer Behörden ermöglicht, sich an Kontrollen im Ausland zu beteiligen». Solche Kontrollen können stattfinden, wenn Zweifel bezogen auf die hiesigen Hygieneanforderungen bestehen. Dem BAG gefällt der neue Passus: «Es könnte durchaus in unserem Interesse sein, Produkte aus dem Ausland, die möglicherweise eine schlechte Qualität haben, vor Ort anzuschauen.» Sinnvoll werde es sein, das zusammen mit der EU zu machen, weil deren Marktmacht grösser ist. Die EU macht ihrerseits Inspektionen in den USA. «Es wäre daher gut, sich ab und zu an einem EU-Audit zu beteiligen», sagt Beer.