Einige Schweizer KMU kommen demnächst mächtig ins Schwitzen: Am Samstag reisen Vertreter von kleinen und mittelgrossen Betrieben nach Indien, um den «Elefanten» persönlich kennen zu lernen und mögliche Geschäfte auszuloten. «Sie machen es richtig», sagt Dominique Dreyer, der bis Ende 2008 Schweizer Botschafter in Delhi war: «Nichts ersetzt hier den persönlichen Kontakt. Schweizer Geschäftsleute müssen selber nach Indien kommen.»

Auf dem Subkontinent herrscht Goldgräberstimmung. «Für viele KMU ist die Flucht nach vorne ins Ausland eine prüfenswerte Alternative», sagt Thierry Volery. Er ist Professor für Unternehmensführung und Entrepreneurship sowie Leiter des Schweizerischen Instituts für Klein- und Mittelunternehmen an der Universität St. Gallen.

Der Sprung ins kalte Wasser

Wer aber auf das schnelle Geld hofft, wird meist enttäuscht. Das erfolgreiche Geschäften in Indien braucht Geduld, ein verlässliches Netzwerk und gute Vorbereitung: «Fehlschläge sind meistens auf Mängel bei der Planung zurückzuführen», sagt der KMU-Professor. Auch Ajay Sethi von der Beratungsfirma «Corporate Catalists India» in Delhi warnt vor blindem Aktivismus: «Geschäfte machen in Indien ist ein Sprung ins kalte Wasser. Der Dschungel von Gesetzen und Regeln ist dicht. Ohne Beratung bezahlt man teures Lehrgeld.»

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Die einwöchige Indienreise wird vom Swiss Venture Club (SVC) zum zweiten Mal organisiert. Sie führt nach Delhi, Bangalore, Pune und Mumbai. Auf dem Programm stehen unter anderem Besuche von Unternehmen und Networking mit Geschäftsleuten. Bei der Erstausgabe, die vor einem Jahr stattfand, war Initiator und SVC-Präsident Hans-Ulrich Müller persönlich dabei (siehe «Nachgefragt»). Das Ziel ist klar: «Wir wollen den KMU eine realistische Einschätzung der Lage ermöglichen, damit sie entscheiden können, ob eine Expansion in diese Märkte überhaupt in Frage kommt», sagt der Credit-Suisse-Manager. Er ist bei der Grossbank Leiter der Region Mittelland, und sein Herz schlägt für die Welt der KMU.

Manche Reiseteilnehmer wollen sich primär ein Bild über das viel gepriesene Boomland machen und zugleich etwas über die Umgangsformen und die Kultur lernen. Unterwegs entstehen dann Ideen, so wie letztes Jahr bei Andreas und Beatrix Marquis von der gleichnamigen Kanalreinigungsfirma. Sie haben den Umweltschutz im Auge. In der Schweiz baut und betreibt die Marquis AG neben dem Kerngeschäft auch Sortieranlagen für Abfall. Das Ehepaar ist zum ersten Mal in Indien. «Im Abfall stecken Unmengen an Energie», sagt er und stellt sich vor, wie es wäre, in ganz Indien Tankstellen, Garagen und Restaurants mit Ölabscheidern auszustatten und den Industrieabfall zu verwerten, statt in die Gewässer und ins Erdreich abzulassen.

Direkt an der Quelle einkaufen

Konkrete Ziele verfolgt hingegen Rainer Füchslin, Chef der Verpackungsfirma Mopac. Er weiss von Kunden, die Material zunehmend direkt in Indien einkaufen. An diese Quellen möchte er selber herankommen, um Verpackungen zu importieren und so konkurrenzfähig zu bleiben. Auch Kevin Kunz, Direktor des Hotels Mont Cervin Palace in Zermatt, ist nicht nur zum Vergnügen hier. Er weiss, dass indische Touristen viel Geld bringen, und möchte das Herkunftsland persönlich kennenlernen. Eher aus Neugier dabei ist der Investor Guido Fischler, der mit seiner Mericom AG auf die Finanzierung von Technologiefirmen im Telekombereich spezialisiert ist: «Wir wollen sehen, ob wir etwas verpassen - und wenn ja, was.»

Viermal billiger als in Zürich

Dass es etwas zu verpassen gibt, haben Schweizer Grosskonzerne längst gemerkt. Investitionen in Indien sind zwar riskant, aber für die Grossen ist klar: Das Risiko, nicht dabei zu sein, ist noch grösser. Dies zeigt ein Besuch auf dem Campus des Center of Excellence der Credit Suisse in Pune, 220 km südöstlich von Mumbai. Ein Kostenvergleich macht deutlich, warum westliche Firmen möglichst viel nach Indien auslagern: Pune ist viermal billiger als Zürich. Hauptgrund sind die Löhne, die in Pune 70 bis 80% tiefer sind.

Ein Jahr nach der ersten Reise fällt die Bilanz positiv aus, wie Reiseleiter Bernhard Fischer, Regionenleiter SVC Nordschweiz und Credit-Suisse-Banker in Basel, sagt. Das Reiseprogramm wurde leicht angepasst: «Wir besuchen mehr Firmen und machen weniger Sightseeing.» Partner sind die Exportförderungsorganisation Osec und die Grossbank Credit Suisse. Zudem gewährt die Fluggesellschaft Swiss auf den Business-Class-Tickets rund 30% Rabatt.

Positiv fällt die Bilanz auch für Daniel Eicher aus. Der Geschäftsführer der Firma ABC-Karten importiert handgemachtes Papier. «Wir haben gerade letzte Woche die erste Lieferung erhalten», sagt er. Und er ist zufrieden: «In dieser raffinierten, geschmackvollen und farblich herausragenden Qualität habe ich sonst nirgendwo vergleichbares Papier gefunden.» Er will es als Träger für spezielle, exklusive Kunst- und Glückwunschkarten benutzen. Auf die Idee kam er vor einem Jahr, beim Besuch der Märkte in der Altstadt von Delhi.

 

 

NACHGEFRAGT Hans-Ulrich Müller, Präsident Swiss Venture Club (SVC)


«Stolpersteine aus dem Weg räumen»

Die einwöchige Indien-Reise des Swiss Venture Club kostet 9200 Fr. Ist dieser Preis gerechtfertigt?

Hans-Ulrich Müller: Eine selbst organisierte Reise wäre wohl teurer. Dank den Partnerschaften mit Swiss und der Osec können wir unseren SVC-Mitgliedern ein attraktives Angebot unterbreiten.

Hatten Sie viele Anmeldungen?

Müller: Vor der letzten Reise wurden wir von Anfragen überrannt und führten eine Warteliste. Jetzt gab es weniger Anmeldungen.

Warum?

Müller: Vielen kam der Zeitpunkt ungelegen, da die instabile Wirtschaftslage bei manchen Betrieben erst jetzt durchschlägt.

Ist der grosse und dynamische indische Markt für Schweizer KMU nicht ein paar Nummern zu gross?

Müller: Überhaupt nicht, denn mit zunehmender Globalisierung sind Schweizer Produkte mit ihrer hohen Qualität hoch willkommen. Gerade in Indien hat die Schweiz einen sehr guten Namen.

Wie realistisch ist es für ein KMU, in Indien Fuss zu fassen?

Müller: Uns geht es nicht nur darum, in Indien tätig zu werden, sondern den indischen Markt als Exportmarkt aufzuzeigen. Wir ermöglichen den KMU, sich vor Ort eine Meinung zu bilden und sich mit Firmen, die bereits vor Ort investiert haben, auszutauschen.

Was ist Ihr wichtigstes Anliegen?

Müller: Verhindern, dass sich Fehler wiederholen oder dass den Firmen immer die gleichen Stolpersteine im Wege liegen.

Auch China steht auf dem Reiseprogramm des SVC, bereits zum sechsten Mal. Ist China als Exportmarkt bessert geeignet als Indien?

Müller: Indien und China sind zunehmend nicht mehr nur komplementäre, sondern kompetitive Märkte: Indien wird zunehmend als attraktive Alternative und

Konkurrent zu China identifiziert, auch von unseren KMU.

Sind neue Reiseziele geplant?

Müller: Wir wollen flexibel auf die Bedürfnisse der KMU reagieren. Daher führen wir auf unserer Webpage eine Umfrage durch. Aufgrund der Ergebnisse werden wir die kommenden Reisen mit unseren Partnern thematisieren und auswählen.

In welche Richtung geht es?

Müller: Auf grösseres Interesse scheinen die Reiseziele Südkorea, Vietnam, Osteuropa und Brasilien zu stossen. Andere Ideen können aber selbstverständlich auch eingebracht werden.