Die Wirtschaftskrise bringt manche Säule des liberalen Wirtschaftscredos ins Wanken - so auch die Einheit, welche die letzten Jahrzehnte vornehmlich für internationale Wohlstandsvergleiche zwischen Ländern herangezogen wurde. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy will am G20-Gipfel vom 24. und 25. September in Pittsburgh für die Ablösung des Bruttoinlandprodukts (BIP) plädieren. Fundament für Diskussionen bietet ein Bericht der Stiglitz-Kommission unter Nobelpreisträger Joseph Stiglitz (siehe http://www.stiglitz-sen-fitoussi.fr).

Auch in der Schweiz wird das BIP als ausschlaggebender Wohlstandsindikator nicht mehr nur von Linken und Wissenschaftern hinterfragt. Der Chefökonom des Bundes, Aymo Brunetti, zeigt sich einverstanden damit, dass das BIP als Messgrösse Mängel hat: «Die BIP-Messung ist genau, weil sie von Technikern nach internationalen Standards gemacht wird, aber vereinfachend. Um zu eruieren, wie gut es einem Land geht, reichen das BIP und das BIP-Wachstum als alleiniger Indikator nicht aus.» Es brauche unbedingt ein Bündel von anderen Messgrössen, welche Aussagen über Aspekte wie Zufriedenheit, Umweltqualität, Verteilung oder soziopolitische Faktoren - also alle Aspekte, die gemeinsam das Wohlergehen oder das «Glück» ausmachten - erlauben, führt Brunetti aus.

Ersatz für das BIP ist schwierig

Für Brunetti ist es jedoch kein Zufall, dass die Stiglitz-Kommission keine konkreten Alternativen zum BIP aufzeigt: «Es dürfte schwierig sein, das BIP durch einen anderen gleich genauen und international vergleichbaren Wert zu ersetzen. Deshalb ist es umso wichtiger, klarzumachen, was das BIP kann und was es nicht kann.» Immerhin schnitten die meisten Länder mit einem hohen BIP auch in andern hier relevanten Bereichen gut ab, betont er.

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Der Stiglitz-Report empfiehlt den Ländern, neue Indikatoren zu suchen. Brunetti weist darauf hin, dass diesbezügliche Bestrebungen im Gange sind und Resultate bereits vorliegen. Als Beispiel nennt er die Umweltgesamtrechnung.

Der Chefökonom der BAK Basel, Urs Müller, hält das BIP zwar für ein vernünftiges Mass zur Messung der wirtschaftlichen Entwicklung. «Allerdings wird dieses Mass oft als Wohlstandsindikator missbraucht.» Für ihn ist klar: «Es braucht zusätzlich vernünftige Indikatoren, die den Wohlstand oder die Wohlfahrt messen. Danach soll die Allgemeinheit darüber entscheiden, welche Grösse(n) verwendet und beachtet werden.»

Noch steht viel Arbeit an

Auch der Chefökonom der Kof-ETH, Jan-Egbert Sturm, betont, dass es wichtig sei, die Grenzen der eindimensionalen BIP-Messgrösse zu realisieren, welche nur die Produktion einer Wirtschaft erfasst, nicht aber Wohlstand und Wohlbefinden. Für Letztere seien Elemente wie Umwelt oder soziale Sicherheit essenziell. «Die beste Vorwärtsstrategie ist es, die statistische Qualität von Indikatoren, welche solche Elemente erheben, zu verbessern.» Angesichts der Differenzen, die 50 Jahre nach der Harmonisierung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen beim BIP nach wie vor bestünden, stehe noch viel Arbeit an. Für Sturm hat die Erstellung von Statistiken immer eine politische Dimension. Dass es gerade den Franzosen so wichtig sei, das BIP abzulösen, überrasche nicht.

Die Stiglitz-Kommission will das BIP nicht aufgeben, sagt aber deutlich, die Zeit sei reif, verstärkt die Lebensqualität zu messen, und zwar im Kontext von Nachhaltigkeit. Ähnlich wie die Schweizer Ökonomen empfiehlt sie Faktoren wie Gesundheit, Bildung, soziale Beziehungen, Umwelt sowie Gefahren zu erheben.

Ein Wechsel sei eine Notwendigkeit: «Was gemessen wird, beeinflusst die Entscheide. Die Wahl zwischen BIP-Förderung und Umweltschutz wird eine falsche Wahl, wenn dereinst Umweltzerstörung im Massstab für wirtschaftliche Leistung enthalten ist.»