Sie sind die Giganten der Schweizer Pharma-Szene: Novartis-Chef Joe Jimenez und Roche-Chef Severin Schwan. Der eine lenkt die Geschicke am rechten Rheinufer, der andere dirigiert das Geschehen auf der gegenüberliegenden Seite. Zusammen bringen sie es auf eine Marktkapitalisierung von nahezu 430 Mil­liarden Franken.

Die Koexistenz der beiden Pillen- und Pulverkönige verläuft trotzdem weitestgehend friedlich. Während es in der Finanzbranche Usus ist, der Konkurrenz die Top-Manager auszuspannen, gibt es kaum Personalrochaden zwischen Novartis und Roche. Noch seltener zoffen sich die beiden Giganten vor Gericht. Und doch begegneten sich Novartis und Roche jüngst in Washington vor dem Supreme Court, dem obersten Gerichtshof der USA – unfreundlich.

Teurer Türöffner

Im Mittelpunkt steht der Diagnostikspezialist Ariosa. Die Firma gehört zum Reich von Severin Schwan. Das Unternehmen mit Sitz im kalifornischen San José stellt einen vorgeburtlichen Bluttest her, der das Risiko für ein Down-Syndrom und andere genetische Anomalien ermittelt.

Für die Übernahme liess Schwan über eine halbe Milliarde Dollar springen. Es war die teuerste Investition des Jahres 2015 in der Diagnostiksparte und gleichzeitig ein Türöffner für ein ­lukratives Geschäftsfeld.

Hartnäckiger Kläger mit prominenter Unterstützung

Das ist aber nur die eine Seite. Die neue Tochter hat Schwan mitten in ein juristisches Hickhack geführt. Zahlreiche Firmen haben Ariosa mit Patentklagen überzogen, darunter das Start­up Illumina, hinter dem finanzstarke Investoren wie Amazon-Gründer Jeff Bezos und Microsoft-Guru Bill Gates stecken.

Am meisten Staub wirbelte aber ein Streit mit der US-Firma ­Sequenom auf. Diese versuchte jahrelang, den Bluttest der Roche-Tochter gerichtlich zu verbieten. Mit diesem Unterfangen scheiterte Sequenom 2013 erstinstanzlich, 2015 folgte der zweite Rückschlag. Die Amerikaner blieben aber hartnäckig und zogen den Fall weiter vor den Supreme Court. Unterstützung erhielt der streitbare Schwan-Schreck ausgerechnet von Novartis.

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Novartis als Drittpartei

Es ist nicht das erste Mal, dass Schwan und Jimenez die Klingen vor Gericht kreuzen. In den USA ist es Courant normal, sich gegenseitig mit Klagen zu belästigen. Vor allem im ­relativ jungen Markt mit Biosimilars zieht jeder jeden vor Gericht. Novartis gehört in diesem Feld mit ihrer Tochterfirma Sandoz zu den führenden Unternehmen und wird von der Konkurrenz entsprechend oft vor die Richter gezerrt.

Zurzeit viel beachtet ist die Auseinandersetzung zwischen der US-Pharmafirma Amgen und Sandoz um das Blockbuster-Medikament En­brel. Roche tritt dabei als Nebenkläger gegen die Novartis-Tochter auf.

Alle gegen einen

Im Streit zwischen Sequenom und Ariosa wiederum teilt Novartis tüchtig aus. Der Konzern hat sich in einem sogenannten Amicus-Curiae-Schreiben an den obersten Gerichtshof ­gewandt. Dies ermöglicht dem Unternehmen, sich am Gerichtsverfahren zu beteiligen, ohne selbst Partei zu sein. Neben Novartis haben auch ­andere Grosskonzerne wie Eli Lilly, Pfizer oder Microsoft einen derartigen Brief eingereicht – alle prügeln sie auf den Konkurrenten Roche ein.

Das Schreiben von Novartis datiert auf April 2016 und trägt die Unterschrift des obersten Patentanwalts des Konzerns, Corey Salsberg. Die USA, so heisst es am Anfang der Eingabe an den US-Supreme Court, seien äussert wichtig für das Basler Unternehmen. Rund die Hälfte des Umsatzes stammt aus der Region Amerika, ein Grossteil davon aus den USA.

Das Land sei aber nicht nur der schieren Grösse wegen wichtig, sondern auch weil das Unternehmen mehrere Forschungseinrichtungen an der Ost- und der Westküste habe. «Keine Frage, die Stärke des US-Patentsystems ist einer der Schlüsselfaktoren für unseren Entscheid, die Forschungsaktivitäten hier anzusiedeln», schreibt Salsberg.

Standort in Gefahr

Das Verdikt der Richter im Rechtsstreit zwischen Ariosa und Sequenom werfe aber ein Schlaglicht auf den Standort, weswegen sich Novartis gezwungen sehe, dagegen vorzugehen. Salsberg spricht von einer «Systemkrise», von einem «gelähmten Patentrecht» und von einer «düsteren Zukunft».

Er lässt nichts unversucht: Im 23 Seiten langen Argumentarium wird mit der grossen Kelle angerührt. Der Novartis-Anwalt beruft sich auf zwei Ikonen der US-Geschichte: Schriftsteller Mark Twain und Gründervater Thomas Jefferson. Sollte der US-Supreme Court das Urteil der ­unteren Instanzen stützen, bliebe ­Novartis nur die Option, Personal aus den USA abzuziehen oder gewisse Forschungsaktivitäten ganz aufzu­geben, so Salsberg.

Verband warnt vor Folgen

Die Drohung blieb ohne Gehör. Der US-Supreme Court entschied trotz dem Lärm, sich nicht weiter mit dem Fall zu befassen. Damit bestätigt das oberste Gericht das Urteil der unteren Instanzen – ein Sieg für Severin Schwan, eine Niederlage für Joe Jimenez. «Wir begrüssen die Entscheidung des US-Supreme Court», sagt denn auch Roche-Sprecherin Ulrike Engels. «Dieser Entscheid ist extrem problematisch», sagt dagegen Novartis-Anwalt Corey Salsberg. «Wir sorgen uns um das gesamte Innovations-Ökosystem.»

Unzufrieden mit dem Verdikt aus Washington ist auch der Branchenverband Swiss Biotech Association. Deren Geschäftsführer Nic Alexakis hat sich ebenfalls an das oberste US-Gericht gewandt.

Zusammen mit Organisationen aus der EU, Australien, Japan und Kanada drängte Alexakis darauf, dass der US-Supreme Court das Urteil der beiden unteren Instanzen kippt – und ist ebenso ab­geblitzt wie Novartis. «Kein guter Entscheid», sagt er zur Einschätzung der US-Richter und fügt warnend an: «Es wird zu einer Aushöhlung der Patentrechte in den USA kommen. Forschungsfirmen müssen in Zukunft vorsichtig sein.»

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Rechtlicher Weg soll helfen

Für Roche geht die Schlacht an der Justizfront derweil weiter. Sequenom hat Ariosa nicht nur in den USA, sondern auch in Grossbritannien und Australien mit Klagen eingedeckt. ­Roche-Sprecherin Engels: «Die Verfahren zielen auf die gleichen Fragen, die wir in den USA erfolgreich ver­teidigt haben.» Man sei zuversichtlich, dass man auch diese Fälle für sich entscheiden könne.

In der Zwischenzeit weibelt Novartis auf dem Kapitol für die eigene Sichtweise. Dort, nur wenige Meter vom US-Supreme Court entfernt, ­geben sich die Mitglieder des US-­Kongresses die Klinke in die Hand. Hier werden Gesetze gemacht. Und hier versuchen Novartis-Lobbyisten durchzusetzen, was gerichtlich nicht funktionierte. In informeller Atmosphäre hätten bereits einige Vertreter des US-Kongresses Sympathien für die Sichtweise von Novartis bekundet, sagt Salsberg.

Der Streit der Basler geht in die nächste Runde.