Auf den ersten Blick ist das Wagi-Areal in Schlieren bei Zürich ein Industriegebiet wie viele andere. Autohändler aller Preisklassen, das Wagi Shopping mit Aldi- und Vögele-Filiale und ein portugiesisches Clubhaus prägen das Bild, verlässlich beschallt von der Bahnlinie Zürich–Bern und der stark befahrenen Zürcherstrasse.

Ein zweites Hinschauen lohnt sich. Mitten in der original schweizerischen Agglo-Tristesse zwischen Zürich West und Spreitenbach Ost laufen millionenschwere Wetten auf die Zukunft. Hinter unscheinbaren Fassaden unprätentiöser Bürobauten verbirgt sich die schweizweit grösste Dichte an jungen, vielver­sprechenden Biotechnologiefirmen. Keimende Pflanzen wie Molecular Partners.

Der 37-jährige CEO Christian Zahnd schildert die Erfolge der Firma ruhig, aber mit Nachdruck. Dazu gehört der Aufbau einer neuen Technologie zur ­Entwicklung von Medikamenten, etwa gegen Krebsarten, die feste Tumore ausbilden. Eine Stärke liegt darin, dass die Arzneien gleichzeitig verschiedene Prozesse im Körper beeinflussen können. Dies macht sie besonders wirksam.

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Von 0 auf 150 Millionen Franken

Das Spin-off der Universität Zürich ist ein ­begehrter Partner für grosse Pharmafirmen, die nach neuen Medikamenten ­suchen. «Wir haben Kooperationsverträge mit Allergan und Janssen abgeschlossen, die uns über 100 Millionen Franken an Vorauszahlungen gebracht haben», erklärt Zahnd. Beim Erreichen von Meilensteinen können mehr als zweieinhalb Milliarden hinzukommen.

Schon sehr weit fortgeschritten ist die Entwicklung eines Wirkstoffs gegen altersbedingte Blindheit. Vorangetrieben wird sie vom Kooperationspartner ­Allergan.

Was Christian Zahnd in erster Linie motiviert, ist die Entwicklung solcher innovativer Medikamente. Doch die breite Anwendbarkeit der Technologie und die fortgeschrittene Entwicklung des Augenmedikaments machen das Unternehmen auch zu einer der am höchsten bewerteten Jungfirmen der Schweiz. Zahnd erwähnt den Preis, den der US-Augenpflegemittel-Konzern Alcon vor drei Jahren für die Schweizer Biotechfirma Esbatech bezahlt hat: 150 Millionen US-Dollar in bar und weitere 440 Millionen beim ­Erreichen bestimmter Ziele. «Ein solcher Preis liegt am unteren Rand dessen, was Molecular Partners heute wert ist», ist Zahnd überzeugt.

So wie Molecular Partners arbeiten im ganzen Land Start-up-Unternehmer an Projekten, die sie dereinst in die Gold-­BILANZ katapultieren könnten: «Jedes Jahr gibt es in der Schweiz ein oder zwei Exits in einer Grössenordnung, die prinzipiell ausreicht, um die Gründer in die Liste der 300 Reichsten zu bringen», sagt Beat Schillig. Als Business Angel und Chef des St. Galler Instituts für Jungunternehmer kennt er die Schweizer Start-up-Szene aus dem Effeff. 2012 hat sich Schilligs Aussage bewahrheitet. 330 Millionen Franken zahlte der indische IT-Konzern Infosys für die 2006 gegründete Beratungsfirma Lodestone Management Consultants aus Zürich.

Zwar zeigt sich die BILANZ-Liste der 300 Reichsten AHV-lastig. Weite Teile des Finanzadels gehören zur Geldgeriatrie. Grosse Dukatenvermehrer wie Robert Heuberger (90), Otto Beisheim und Karl-Heinz Kipp (beide 88) oder Ingvar Kamprad (86) wurden alle deutlich vor dem Zweiten Weltkrieg geboren. In den Top Ten sind einzig die Bertarellis unter 50. Doch von unten stossen Entrepreneurs nach, die all ihre Zeit und Mittel dran­geben, ihr Geschäft gross zu machen.

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Bei Molecular Partners sind neben fünf Investmentgesellschaften auch die sechs Gründer beteiligt. Ausserdem pro­fitieren sämtliche Mitarbeiter von einem ­abgestuften Optionsprogramm. Bei CEO Christian Zahnd sind Optionen sogar der wichtigste Lohnbestandteil. Dies wird sich eines Tages auszahlen: «Es stellt sich nicht die Frage, ob Molecular Partners an ein Grossunternehmen verkauft wird. Sondern nur, wann.»

Goldene Exits

Ebenfalls auf einen Exit hin arbeitet das Zürcher Start-up Get­YourGuide. «In zehn Jahren», sagt Co-Gründer und ­Finanzchef Pascal Mathis (32), «sind wir an der Börse kotiert oder werden von einem Big Player geschluckt worden sein.» Bis dahin steht noch einiges an ­Arbeit an. GetYourGuide vermittelt im Internet ­touristische Aktivitäten und Touren. Eine Schneemobilfahrt in Island, eine Vollmond-Schneeschuhtour im Berner Oberland und eine Akrobatikshow in Shanghai mit Privattransfer sind drei von 16 000 Angeboten auf der Website des Start-ups. Dank einem massgeschneiderten Administrationssystem für Anbieter sind die Zürcher attraktiv für touristische Leistungsträger; die Vermittlung lässt man sich mit einer Kommission von 20 Prozent der gebuchten Trips vergüten.

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Weltweit werden für touristische Aktivitäten und Touren geschätzte 80 Milliarden Dollar ausgegeben. GetYourGuide setzt aktuell zehn Millionen Franken um. Schnappen sich die Zürcher, die in Berlin ein Operations Center und in Las Vegas eine verlängerte Werkbank für den ­Support unterhalten, ein gutes Stück dieses Kuchens, macht sie das zum begehrten Übernahmeobjekt. In einer zweiten Finanzierungsrunde flossen der Jungfirma im Frühling zwei Millionen Franken zu. Die siebenstellige Summe, sagt Finanzchef Mathis, «sah ich nur kurz auf dem Konto – dann wurde sie sofort investiert». Mit einer nächsten Finanzierungsrunde soll mehr Brennstoff einfliessen, um das Wachstum zu beschleunigen. Und um die Unter-40-Truppe von Get­YourGuide schneller ans Ziel zu bringen.

Immer wieder schaffen hiesige Unter-40-Gründer spektakuläre Exits. Beispiele: Thomas Sterchi verkaufte seine Stellenplattform Jobs.ch 2007 mit 38 Jahren für über 100 Millionen. 235 Millionen Franken zahlte Roche 2005 für das Biotechunternehmen Glyc­Art. Der damals 34-jährige CEO und Mitgründer Joël Jean-Mairet lancierte kurz darauf in Barcelona die Investment­gesellschaft Ysios Capital. Aktuellster Showcase: Der Berner Alain Chuard (38), der sein Start-up Wildfire an Google verkaufen konnte.

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Einiges jünger als der ehemalige Snowboardprofi Chuard ist David Bachmann. In nur drei Jahren pushten der 24-jährige Aargauer und Co-Gründer Mathias Böhm (28) ihre Firma SuitArt zum Schweizer Marktführer für Mass­anzüge. Mit vier eigenen Standorten und zehn Lizenznehmern sind Bachmann und Böhm präsent im Land. Die Kundschaft – zu 40 Prozent geht es um Hochzeitsanzüge – lässt in der Schweiz Mass nehmen, produziert wird in Fernost. Nun wird das Geschäft höher skaliert: «Im September», sagt SuitArt-VR-Präsident Bachmann, «haben wir begonnen, den deutschen Markt zu beschreiten.» Man mietete sich am Berliner Kurfürstendamm mit Büro und Showroom ein, gleich über den Lokalen von Chanel, Chopard, Dolce & Gabbana und Prada. Mit ehrgeizigen Zielen: «In den nächsten vier Jahren», sagt Bachmann, «wollen wir international 200 Franchisenehmer aufbauen, das sollte einen Umsatz im dreistelligen Millionenbereich ergeben.»

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Gründen, verkaufen, reinvestieren

Ein nächstes Geschäftsmodell fährt Bachmann bereits hoch: Über die Firma Diamond Heels soll die Damenwelt High Heels nach Gusto selber konfigurieren und bestellen können. 2013 will man mit 100 Lizenznehmern in der Schweiz los­legen: «Diamond Heels wird zum ersten internationalen Systemgeber für individualisierte High Heels», sagt Bachmann selbstbewusst. Diamond Heels ergatterte bereits zwei Jungunternehmerpreise. Viele Vorschusslorbeeren für den jugendlichen Entrepreneur: «Mit Dreitagebart oder mit meiner Geschichte werde ich auf 30 geschätzt. Ohne auf 24.» Bei der letzten Finanzierung wurden SuitArt und Diamond Heels mit 16 Millionen Franken bewertet.

Was eine Firma wert ist, ist ein wichtiger Fieberstandsmesser für einen späteren Exit: «Grundsätzlich umfasst jede ­Bewertung zwei Aspekte», erläutert Jost Renggli von Venture Valuation. Das Zürcher Unternehmen beurteilt seit über zehn Jahren Start-ups für die Gründer oder für Investoren. Zum einen wird dabei überprüft, was am Markt für ähnliche Unternehmen bezahlt wird. Diese Daten stammen von kotierten Firmen, aus Übernahmen oder auch aus Finanzierungsrunden. Zum anderen werden die Assets der Firma bewertet. Dazu ­gehören bei Technologiefirmen zum ­Beispiel die Patente. Da das Team der wichtigste Erfolgsfaktor ist, legen Spezialisten wie Venture Valuation auch eine differenzierte Beurteilung der wichtigen Personen im Start-up vor, die ebenfalls in die Bewertung einfliesst.

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Neben den wenigen spektakulären Fällen gibt es in der Schweiz im Monatstakt Verkäufe von Start-ups an Grossunternehmen. Zuletzt akquirierte die Ruag im November das IT-Security-Start-up Satorys. Die Firma hatte der heute 32-jährige Marco Ricca 2006 gegründet. Über den Kaufpreis wurde wie meistens in solchen Fällen Stillschweigen ver­einbart. Doch Transaktionen wie diese können Gründer durchaus zu Millionären machen.

Einen lukrativen Exit hinter sich hat auch Dominik Grolimund. Die von ihm mitgegründete Wuala wurde 2009 vom französischen Speicherhersteller LaCie übernommen. Der damals 28-Jährige hatte plötzlich einen Betrag auf dem Konto, der ihm die finanzielle Unabhängigkeit sicherte: «Mein erster Gedanke war damals: Wow, jetzt kann ich die nächste Firma starten!»

Das Geld investiert Grolimund derzeit in den Aufbau von Silp. Silp gleicht offene Stellen mit den Interessen und dem ­sozialen Netzwerk der Nutzer ab, um die besten Angebote zu finden. Man muss nicht nach Jobs suchen, sondern wird im Idealfall vom Traumjob gefunden.

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Seit August kann man sich bei Silp ­registrieren – der Ansturm ist gewaltig. Drei Wochen nach dem Start zählte man bereits eine Million registrierte Nutzer. Allein die Daten dieser User verleihen dem Internet-Start-up einen Wert von mehr als zehn Millionen Franken.

Mehr Belohnung als Ziel

Ein untypisches Start-up ist die Dübendorfer QualySense. Die Firma ist in der Nahrungsmittelindustrie zu Hause. Die 2010 gegründete Firma verspricht etwas, das bisher ausserhalb der Vorstellungskraft der Branche war. «Unsere Sortiergeräte sind so schnell, dass sich zum ersten Mal Körner aller Art Stück für Stück sortieren lassen. Und dies nicht nur nach äusseren Kriterien wie Farbe oder Grösse, sondern auch nach biochemischen Merkmalen wie dem ­Proteingehalt», erklärt CEO Francesco Dell’Endice. Mit den Maschinen können Züchter schneller besonders ertragreiche oder widerstandsfähige Sorten heran­ziehen. Zudem wird die Qualitätskontrolle verbessert und beschleunigt.

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Im Moment verfügt Dell’Endice bereits über mehrere serienreife Prototypen. Um sein Sortiergerät zur Serienreife zu bringen, holte er sich Unterstützung vom ­international renommierten Schweizer Engineering-Unternehmen Helbling. Dies zeigt, dass der Gründer kein technikverliebter Tüftler ist. Auch gehe es ihm nicht darum, allein sein Einkommen zu optimieren. «Aber wenn ich durch den Firmenaufbau wohlhabend werde, ist dies natürlich die beste Belohnung», so Dell’Endice. In fünf bis sieben Jahren peilt er einen Exit an.

Einen längeren Atem müssen Christoph Gebald und Jan Wurzbacher haben. Die 29-Jährigen entwickeln ein Verfahren, das umweltfreundlichen Treibstoffen zum Durchbruch verhelfen kann. Ihre mit Niedertemperaturwärme betriebene Anlage kann der Luft CO2 entziehen. Das CO2 kann dann zu einem synthetischen Treibstoff weiterverarbeitet werden. Benutzt man für die Treibstoffherstellung Ökostrom, erhält man einen CO2-neutralen Treibstoff, der sich wie Benzin lagern, transportieren und benutzen lässt.

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Geld macht frei

Wie bahnbrechend die Technologie von Climeworks ist, zeigte sich, als es das ETH-Spin-off in das Finale der von Richard Branson und Al Gore lancierten Virgin Earth Challenge schaffte. Investoren steckten zwei Millionen in die Firma. Hinzu kommen Gelder von der Gebert Rüf Stiftung, aus einem EU-Programm und aus Preis­gewinnen: «Unser Verhältnis zum Geld hat sich dadurch nicht verändert», erklärt Gebald. Wurzbacher ergänzt schmunzelnd: «Neulich haben wir wieder mal festgestellt, dass wir es auch mit 29 Jahren noch nicht zum Besitz eines Autos gebracht haben.»

29 Jahre: Das ist für den SuitArt- und Diamond-Heels-Gründer David Bachmann fünf Jahre entfernt. Noch sechs Jahre dauert es bis zu seinem Zwischenziel: Mit 30 möchte er nur mehr aus Spass arbeiten. «Richtiges Unternehmertum wird erst spannend, wenn man sorgenfrei leben kann.»

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Erst mit einem passiven Grundeinkommen aus Dividenden oder Immobilien, sagt Start-up-Youngster Bachmann, «kann man sich auf Projekte konzentrieren, die andere für unmöglich halten».