Ein steifer Scirocco pfeift über die Ebene. Unter stahlblauem Himmel flattern vier Fahnen: Je eine für Europa, für Italien, die Schweiz und die örtliche Calenia Energia S.p.A. Sie zieren den Eingang zum Gas-Kombikraftwerk in Sparanise, einem Flecken, 50 km vor den Toren Neapels. Luigi Cacciapuoti blickt stolz auf die blitzblanke Anlage. «Natürlich hatten wir zu Beginn auch ein paar Probleme, die typischen Kinderkrankheiten eben, die jedes neue Kraftwerk hat. Sie waren aber rasch ausgeräumt. Inzwischen hat das Kraftwerk eine Verfügbarkeit von 99%», erklärt Kraftwerksleiter Cacciapuoti.

Diese erste von drei Anlagen der italienischen Tochter der Schweizer EGL ist mit 760 Megawatt Leistung immerhin halb so gross wie ein Kernkraftwerk. Sie leistet einen wichtigen Beitrag an die Stromversorgung von Kampanien.

Trotz Kehrrichtproblemen, Camorra und eigenwilliger politischer Zustände «entwickeln sich im Hinterland von Neapel moderne Industriebetriebe, die Elektronik, Higtech, ja sogar Flugzeuge herstellen», erzählt Paolo Ghelfi, Kommunikationschef der EGL Italia mit Büros in Genua. Doch der industrielle Aufschwung produziere nicht nur erfolgreiche Produkte, sondern auch ein kräftiges regionales Stromdefizit: «70% der Energie müssen aus den angrenzenden Regionen importiert werden», ergänzt Cacciapuoti. Er muss es wissen. Früher stand er bei der staatlichen Stromversorgerin Edison im Sold.

EGL tritt bei italiener ein

Die Calenia Energia S.p.A. wurde für den Bau dieses Gas-Kombikraftwerks gegründet. Die Schweizer EGL hält 85% und die italienische Stromversorgerin Hera die restlichen 15% der Aktien. Im April 2002 wurde die Baubewilligung für das Kraftwerk beantragt, und zwei Jahre später war Baubeginn. «Für die EGL war es das erste Kraftwerk, das sie selber geplant, entwickelt und gebaut hat - und das sie jetzt über die Betriebsgesellschaft Calenia auch selber betreibt», würdigt Cacciapuoti den Eintritt der EGL in die Riege der Stromproduzenten. Dass der Bauauftrag nicht an den französisch-schweizerischen Kraftwerksbauer Alstom, sondern an den italienischen Staatsbetrieb Ansaldo Energia ging, führte im Mai 2005 in der Schweiz zu einer regionalen politischen Verstimmung. Dabei bewährte sich auch der italienische Realisationspartner.

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Für südeuropäische Verhältnisse waren die vier Wochen Verspätung nach vertraglich fixierten 29 Monaten Bauzeit schon fast ein Treppenhauswitz. Zumal die Arbeiter während der Bauarbeiten zum eigenen Entsetzen altrömische Ruinen freibaggerten. Sie der Nachwelt zu erhalten, kostete Zeit, Nerven und auch Geld.

Neustes Gas-Kombikraftwerk

«Dieses Kraftwerk bündelt die Kraft einer Gasturbine und einer Dampfturbine», zeigt Cacciapuoti auf die überdimensionale Kiste im Innern des Betriebsgebäudes. Zwei Drittel der Kraftwerksleistung stammen von der Gasturbine, die ein Gemisch aus verdichteter Luft und Gas in Heissgase wandelt und die Turbine sowie den Generator antreibt. Das restliche Drittel der elektrischen Kraftwerksleistung liefert eine Dampfturbine.

Der Dampf wird in einem Abhitzekessel von den Heissgasen der Gasturbine erzeugt. «Dieses System hat den respektablen Wirkungsgrad von rund 56%», bestätigt Cacciapuoti selbstbewusst. Das Kraftwerk leistet mit seinen zwei Blöcken 760 Megawatt. Solche Kombikraftwerke stehen ökologisch besser da als Kohle- und Schwerölkraftwerke. Just solche sind in Italien aber dutzendweise im Einsatz: 15 Steinkohle- und zusätzlich 21 Schweröl-Kraftwerke erzeugen ein Viertel des Stroms. 54% der Elektrizität stammen derweil aus 45 Gaskraftwerken, die restlichen 14% kommen aus Wasserkraft.

Das wird noch lange so bleiben: Trotz der Nuklear-Allianz zwischen Italien und Frankreich mit einer Mitgift von vier Kernkraftwerken der jüngsten Generation stehen in Italien die Zeichen weiterhin auf Gas. Die Strommenge aus Gaskraftwerken hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht, und die internationale Beratungsgesellschaft AT Kearney erwartet bis 2020 neuerdings eine Zunahme um 40%, bei den Gas-Importen gar um 55%. Hierzu müsste Italien Investitionen von 25 bis 30 Mrd Euro stemmen - auch nach überlebter Finanzmarktkrise ein Ding der Unmöglichkeit.

Energieszene im Euro-Massstab

Darum geben sich die kontinentalen Energiekonzerne in Mailand und Rom die Klinke in die Hand. Die Electricité de France (EDF) hat sich am drittgrössten Energiekonzern des Landes, der Edison S.p.A., beteiligt, und die Gaz de France (GDF) engagiert sich beim römischen Stadtversorger Acea.

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Die russische Gazprom will zusammen mit dem italienischen Partner ENI den Markt aufmischen, während sich seit letztem Herbst der deutsche Energiekonzern EON im italienischen Endverbrauchermarkt festgekrallt und für 8,4 Mrd Euro die Endesa Italia übernommen hat. So ist EON zum fünftgrössten Player in Italien aufgestiegen - mithin in einer Branche, die jährlich rund 70 Mrd Euro umsetzt.

In dieser aufgewühlten Szene backen die Schweizer Stromversorger zwar kleinere, dafür aber schmackhafte Brötchen. Im Vergleich zu helvetischen Dimensionen sind die Beteiligungen am Kraftwerkpark in Italien wenig bescheiden. Die italienische Tochter der Berner BKW Energie AG bringt es mit sechs Beteiligungen an bestehenden sowie geplanten Gas- und Biomasse-Kraftwerken auf eine Leistung von knapp 1700 Megawatt - fünfmal mehr als das BKW-Kernkraftwerk Mühleberg.

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Wenige Kilometer neben der EGL-Anlage in Sparanise hat die Bündner Rätia Energie AG in Teverola im Dezember 2006 ein Gas-Kombikraftwerk mit 400 Megawatt Leistung gezündet. Die zusätzlichen 1,7 Mrd Kilowattstunden Strom bedeuten mehr als eine Verdoppelung der Strommenge des Bündner Stromerzeugers, womit für Mediensprecher Werner Steinmann «Italien zum Schlüsselmarkt für Rätia Energie» wird.

Im Konzert der Schweizer Strom-Söldner hat Alpiq - an der Mailänder Adresse nach wie vor als «Atel» geführt - die längste Erfahrung in Italien. Die Beteiligungen an rund einem Dutzend Gas- und Wasserkraftwerken entsprechen einer Leistung von rund 1800 Megawatt - deutlich mehr als das Kernkraftwerk Gösgen unter Volllast erbringt.

EGL in Nischen - und als Strategin

Die EGL Italia S.p.A. mit Sitz in Genua hat sich inzwischen als erfolgreiche Nischenanbieterin im italienischen Stromgeschäft etabliert - als Produzentin und Anbieterin hochwertiger Spitzenenergie. «Insgesamt wurden rund 1 Mrd Euro in den Bau von mehr als 2000 Megawatt Kraftwerksleistung aus modernen Gas-Kombikraftwerken investiert», rechnet Paolo Ghelfi auf. Seit Mai letzten Jahres produziert die EGL Strom in Sparanise, und wenig später ist im 760-Megawatt-Kraftwerk Rizziconi in Reggio Calabria die Erzeugung angelaufen. Fertig gestellt ist schliesslich das dritte Kraftwerk der 760-Megawatt-Klasse unter den Fittichen von EGL (49%) und Enipower (51%). Es steht nahe der schmucken Marmor-Stadt Ferrara.

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