Wer Fieber hat, muss nicht sofort zur Ärztin gehen. Es reicht der Griff zum Telefon, um sein Problem einem Experten zu schildern. Medizinischer Rat ist auch aus der Ferne erhältlich.

Vor allem dank Medgate und Medi24 spielt Telemedizin in der Schweiz eine wichtige Rolle im Gesundheitswesen. ­Diese Unternehmen begannen um die Jahrtausendwende, Beratung durch Mediziner in Call-Centern anzubieten. Nun bringen die Pioniere ihre Fernbehandlungen ­un­abhängig voneinander auch nach Deutschland. Die Ambitionen reichen ­jedoch viel weiter. Medgate expandiert ­zugleich in Südostasien. Medi24 startet demnächst in Frankreich, Italien, Spanien und Österreich.

Medgate und Medi24 wollen die Gunst der Stunde nutzen: Telemedizin boomt weltweit. Im Zuge der Digitalisierung entstehen immer neue Möglichkeiten, medizinische Beratungen aus der Distanz durchzuführen. In Deutschland öffnet sich zudem eine Chance. Die Politik lockerte das Fernbehandlungsverbot. Auch Deutsche können sich seit kurzem via Telefon oder Internet von Fachpersonen helfen lassen.

Die Schweizer App-Doktoren

Wachstumsbranche In der Schweiz hat Telemedizin einen festen Platz im Gesundheitswesen. Dank der medizinischen Beratung auf Distanz lassen sich massiv Kosten sparen: Versicherte klären Gesundheitsprobleme zuerst per Telefon, Handy-App oder Internet ab, statt dass sie direkt zum Arzt oder ins Spital gehen. Nebst Medgate und Medi24 bieten Medphone, Eedoctors oder das Ärztetelefon entsprechende Dienstleistungen an. Daneben betreiben auch die Versicherer Swica und Concordia telemedizinische Zentren.

Medgate und Medi24 sind mit 300 beziehungsweise 120 Mitarbeitenden die grössten Telemediziner. Sie betreiben je ein telemedizinisches Zentrum und überweisen Patienten wenn nötig an Ärzte. Medgate baut auch ein Netz von 150 «Mini-Kliniken» in Apotheken auf, wo Praxisassistenten Abklärungen vornehmen.

Die Pionierrolle zahlt sich aus

Die Schweizer Anbieter haben das Know-how in der Telemedizin, das in Deutschland und anderen Ländern fehlt. «Nun ernten wir die Früchte der zwanzigjährigen Aufbauarbeit», sagt Medi24-Chef Angelo Eggli. In Deutschland gebe es in der Telemedizin derzeit nur Startups. «Wir haben bereits mehrere Millionen von telefonischen Beratungen durchgeführt. Diese Erfahrung haben wir Start­ups voraus», sagt Eggli.

AngeloEggli

Angelo Eggli: Der Medi24-Chef expandiert mit dem Unternehmen europaweit.

Quelle: ZVG

In Deutschland trifft der Medi24-Chef jedoch auf Medgate. Und auch die Basler Konkurrenten geben sich bezüglich ihrer Pläne selbstbewusst. Sie haben mit Rhön-Klinikum einen starken Partner gefunden. Die Gruppe betreibt fünf Spitäler und ist eine wichtige Akteurin im Gesundheitswesen. Das gemeinsame Unternehmen soll zur Nummer eins in der Telemedizin aufsteigen. «Es wird einfach für uns werden, Ärzte zu rekrutieren und Verträge mit privaten Krankenver­sicherern zu schliessen», sagt Medgate-Chef Andy Fischer.

Medgate expandiert in Deutschland mit einem ­Partner, Medi24 operiert in Eigenregie. Das unterschiedliche Vorgehen kommt nicht von ungefähr. Medi24 ist kein eigenständiges Unternehmen, sondern Teil des Versicherungskonzerns Al­lianz. Medgate gehört zur Mehrheit immer noch den Gründern Andy Fischer und Lorenz Fitzi.

Andy Fischer, CEO Medgate AG und Vizepraesident des Buendnises Freiheitliches Gesundheitswesen, an einer Medienkonferenz ueber die Einheitskasse, am Montag, 26. Mai 2014, in Bern. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Andy Fischer: Der Basler Arzt hat Medgate mit Geschäftspartnern aufgebaut.

Quelle: Keystone
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Das Unternehmen verschreibt sich ­immer das gleiche Rezept: Es sucht einen lokalen Partner. In der Schweiz ist es die Swisscom, in Deutschland Rhön-Klinikum. In Abu Dhabi arbeitet Medgate mit der Staatsholding Mubdala zusammen. Über die Partner erhält Medgate einfacher Zugang zum Gesundheitssystem.

Erste Erfahrungen im Ausland sammelte Medgate 2014 mit dem Joint Venture in Abu Dhabi. Später kamen Ableger in Australien dazu, in den Philippinen und in der Slowakei. Jetzt forciert Medgate das Auslandgeschäft mit dem Gang nach Deutschland, Indonesien und Malaysia. Später möchte das Unternehmen auch in Vietnam und Thailand das Geschäft aufnehmen.

Eine Goldgräberstimmung

Für Medgate-Chef Andy Fischer drängt die Zeit. «Regionale Player werden mittelfristig grosse Probleme haben.» Immer mehr Branchen entdeckten Synergien mit telemedizinischen Dienstleistungen. «In den Markt stossen Tech-Konzerne, Spitäler, Versicherer und Retailer vor», sagt der Medgate-CEO. Ein mittelgrosses Unternehmen wie Medgate werde nicht lange die Chance haben, einfach international Fuss zu fassen. «Es herrscht eine Goldgräberstimmung. Wir gehen aber sorgfältig vor», betont der Medgate-Chef. Alle Ländergesellschaften schrieben schwarze Zahlen.

Durch die Expansion tragen Medgate und Medi24 ihren Wettstreit nun verstärkt jenseits der Landesgrenze aus. Auch der Allianz-Konzern wächst mit Medi24 und anderen Gesellschaften international. «Sie konkurrenzieren uns in jedem Land», sagt Medgate-Chef Fischer.

Geht Medgate dereinst an die Börse?

Die Auslandstrategie kostet viel Geld. Fischer und Fitzi spielen deshalb mit dem Gedanken, ihre Holding für weitere Investoren zu öffnen. Zu 40 Prozent ist bereits die Schweizer Spitalgruppe Aevis Victoria beteiligt. Der deutsche Partner Rhön-Klinikum hat Interesse an einem Engagement bekundet. Noch sind die Gründer unschlüssig, ob sie die Mehrheit abgeben wollen. «Denkbar» ist für Andy Fischer auch ein Börsengang. «Im Moment ist das aber nicht nötig.»