Die Einschaltquote ist die wichtigste Währung der Fernsehmacher. Doch seit Anfang dieses Jahres gibt es über den Fernsehkonsum in der Schweiz keine verlässlichen Zahlen. Probleme mit der Umstellung auf ein neues Messsystem sind offenbar der Grund.

Konnten die TV-Macher und auch die Werbekunden bis Ende 2012 jeweils schon am Tag danach die Quoten von Sendungen sekundengenau abfragen, herrscht nun seit 15 Tagen Blindflug in der so quotenfixierten Branche.

Die mit der Implementierung und Umsetzung der neuen Messmethode beauftrage Firma Mediapulse schreibt auf ihrer Homepage dazu: «Unerwartet traten dann in den ersten Januartagen vereinzelt technische Schwierigkeiten auf, die dazu geführt haben, dass Daten nachgerechnet werden mussten.»

Das Nachrechnen dauert weiter an, wie Nico Gurtner, Sprecher von Mediapulse auf Anfrage sagte: «Im Verlaufe dieser Woche werden wir klar sagen können, wie es weiter geht. Bis auf Weiteres wird es keine Zahlen geben.»

Angespannte Situation

Dies bedeutet für die Vermarkter der Schweizer TV-Sender, dass die Grundlage für die Preisgestaltung der Werbung fehlt - gerade im Verkauf von überregionalen Kampagnen für die Fernsehmacher ein enorm wichtiger Fakt.

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Für die Sender Tele Züri, Tele Bern und Tele M1 war 2012 ein Jahr mit Zusammenschluss und Neuausrichtung. Dieses Jahr wollten die drei Sender mit der gemeinsamen Vermarktung vor allem die Buchungen von grossen Kampagnen wie zum Beispiel jene von Autokonzernen oder solchen aus dem Bereich «Fast Moving Consumer Goods» steigern.

Viele Konzerne treffen ihre Entscheidungen über Werbebuchungen vor allem anhand von Einschaltquoten. Insider bei regionalen Fernsehsendern berichten über eine angespannte Situation. Denn mit der Zeit kann das Fehlen der Quoten teuer werden.

Giacobbo macht bereits Witze

Bei Branchenkennern werden die angeblichen technische Probleme bei der Auswertung der neuen Daten aber bezweifelt – hat das System doch bei Tests funktioniert. Vielmehr wird vermutet, dass die SRG das Veröffentlichen von schlechten Quoten ihrer SRF-TV Programme möglicherweise verzögern möchte. In SRF-Kreisen hiess es, die neuen Ergebnisse würden zuerst noch «plausibilisiert».

SRF-Mediensprecher Jonathan Engmann meinte gegenüber «Handelszeitung Online» zu diesen Spekulationen: «Diesen Vorwurf weisen wir entschieden von uns: Es gab keine Intervention der SRG oder einer SRG-Unternehmenseinheit. Im Gegenteil. Wir erwarten mit Ungeduld die Ergebnisse.»

Die Ungeduld muss riesig sein, im Leutschenbach kursieren bereits Witze - Satiriker Viktor Giacobbo twitterte: «Solange die Messmethode nicht funktioniert, ist bei SRF für die Quotenermittlung Hausastrologin Monica Kissling verantwortlich.»

Fakt ist: Alle Schweizer Programme stehen unter Druck - auch vom Internet. Christian Stärkle, Dozent an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Chur sagt: «Im letzten halben Jahr hat sich die Senderzahl in den Schweizer Haushalten um einen Schlag auf durchschnittlich 300 erhöht.»

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Grund ist der Konkurrenzkampf zwischen UPC Cablecom und Swisscom um die Gunst der Kunden. Die neuen Messgeräte, die auch die Internetnutzung messen, dürften für andere Ergebnisse sorgen, als in den vergangenen Jahrzehnten ausgewiesen wurde.

Goldbach Media: Betonte Gelassenheit

Beim Branchenprimus der TV-Vermarktung in der Schweiz, der Goldbach Media in Küsnacht, geben sich die Verantwortlichen betont gelassen. Fragen zu den ausbleibenden Quoten sollen die Mediapulse-Verantwortlichen beantworten. Interessant ist in diesem Zusammenhang: Der Goldbach-CEO sitzt im Verwaltungsrat der Mediapulse.

Die Schweizer Werbefenster von RTL & Co. werden mit «Erfolgsgarantie» vermarktet. Der Kunde bleibt so lange im entsprechenden Werbeblock, bis die gebuchte Einschaltquote erreicht ist. Da sind dann höchstens Nachschaltungen nötig, wenn die Quoten für die Schweiz nachgeliefert werden, heisst es auf Anfrage in Deutschland.

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Für die regionalen Sender geht es langsam aber sicher ans Eingemachte. Auch finanziell könnten sich die fehlenden Einschaltquoten für die Sender fatal auswirken, sind sich Insider sicher. Mit der neuen Messmethode sollte auch der Fernsehkonsum über Internet genau ausgewiesen werden. Doch anstelle von genaueren Zahlen gibt es bis jetzt nur Ärger und Stress.