Europas Automobilhersteller schlagen Alarm: Sie rechnen damit, in diesem Jahr rund 20% weniger zu verkaufen, und kündigen an, ihre Produktion angesichts der anhaltenden Krise voraussichtlich um 25% zu drosseln.

Für die Schweizer Autozuliefererindustrie - eine Branche mit 300 Firmen und insgesamt 34000 Angestellten - eine Horrornachricht. Denn die Mehrheit der Unternehmen erzielt mit ihrem Automobilgeschäft einen signifikanten Umsatzanteil in Europa (siehe Grafiken), das zeigt eine Firmenumfrage der «Handelszeitung». Einzelne Firmen wie der Werkzeugmaschinenbauer Tornos und der Komponentenbauer Adval Tech setzen gar 90% des Automobilumsatzes in Europa um. Auch Europas wichtigster Autoproduktionsstandort, Deutschland, schwächelt. Der Auto-export sank im 4. Quartal 2008 um 20%, der Binnenmarkt ist ebenfalls rückläufig. Für manche Schweizer Zulieferer eine weitere Hiobsbotschaft - Konzerne wie Winterthur Technology, Georg Fischer und Mikron erzielen zwischen 60 und 70% ihres Automobilumsatzes allein mit deutschen Kunden. Immerhin vermochte die Abwrackprämie für deutsche Autobesitzer den Schrumpfprozess im Januar und Februar aufzufangen. Nach Schätzungen von Jan Dannenberg, Automobilexperte beim international tätigen Beratungskonzern Oliver Wyman, dürften in Deutschland 2009 noch knapp über 3 Mio Fahrzeuge verkauft werden. «Dass das oberhalb dieser Marke bleiben wird, ist psychologisch sehr wichtig», sagt Dannenberg.

«In allen Bereichen führend»

Während sich die Meldungen über insolvente deutsche Zulieferer häufen, blieben Schweizer Mitbewerber bisher vom Gang zum Konkursrichter verschont. «Die Schweizer Zulieferer sind sehr viel besser aufgestellt als vergleichbare Unternehmen aus Deutschland», argumentiert Branchenkenner Dannenberg. Zwar werde hüben wie drüben kein Lieferant um Restrukturierungen herumkommen - «aber der Unterschied machts, ob Firmen aus einer hervorragenden Positionen heraus in die Krise gehen oder nicht.» Europaweit sind laut Dannenberg 10 bis 15% aller Automobilzulieferer in ihrer Existenz bedroht - Schweizer Firmen gehören laut Dannenberg nicht dazu. «Die meisten Schweizer Betriebe sind geografisch und technologisch marktführend, sehr solide finanziert und in festen Aktionärshänden - das verschafft ihnen eine ausgezeichnete Position, um die Krise aus eigener Kraft zu meistern», meint Dannenberg. Zudem hätten die meisten frühzeitig auf die sich abzeichnende Krise reagiert. Das zeigt das Beispiel Rieter. CEO Hartmut Reuter bestätigt: «Wir haben bereits im letzten Sommer ein umfassendes Restrukturierungsprogramm gestartet, um uns an die neuen strukturellen und konjunkturellen Bedingungen des Marktes anzupassen.» Gleichwohl ist nun der Druck auf alle Lieferanten gewaltig - «so etwas haben wir noch nie erlebt», sagt etwa Ems-Chemie-Chefin Magdalena Martullo-Blocher. Aber auch die Hersteller stehen mit dem Rücken zur Wand. Das war nicht immer so: In den Boomjahren verlangten Autobauer von ihren Lieferanten jährliche Preissenkungen zwischen 3 und 5% - nur ein geringer Teil der Forderungen, denen die Lieferanten von Teilen, Systemen und Komponenten ausgeliefert waren. Mit oft brachialen Methoden bestimmten die Hersteller die Konditionen - meist ohne Rücksicht auf die Folgen für die betroffenen Zulieferer.

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Doch die Absatzflaute könnte ein neues Zeitalter der Harmonie beginnen lassen. «Die Kräfteverhältnisse haben sich nun eher zu Gunsten der Zulieferer verschoben», meint Dannenberg. Zulieferer wie Rieter, Feintool und Georg Fischer, die Teile in hohen Stückzahlen auf Abruf liefern und eine Schlüsselrolle für Autobauer oder deren Grosszulieferer einnehmen, hätten nun die Chance, Gegensteuer zu geben. Sie können härter als auch schon verhandeln, weil ihre Kunden Zusagen nicht mehr einhalten können. Damit ist in vielen Fällen die Grundlage von zuvor abgeschlossenen Verträgen dahin. «Lieferanten haben jetzt die Chance, auf weitere Preissenkungen zu verzichten», erklärt Dannenberg. «Oder sie können von den Herstellern verlangen, die teilweise millionenteuren Werkzeugkosten zu übernehmen; oder Zusagen für neue Modelle einfordern.»