Querdenker Norbert Walter ist bekannt für provokante Prognosen. Doch seine letzten Vorhersagen als Chefökonom der Deutschen Bank weichen kaum vom Konsens ab. «2010 wird die Weltwirtschaft wieder 3% wachsen, allerdings weiterhin gestützt von der expansiven Geldpolitik und den Konjunkturprogrammen», sagt Norbert Walter im Gespräch mit der «Handelszeitung».

Nach dem Absturz der Weltwirtschaft hätten sich einige Volkswirtschaften viel schneller wieder aufgerappelt als andere, allen voran die asiatischen Länder. «Asien wird auch in diesem Jahr die Lokomotive der globalen Erholung sein», sagt Walter, der Ende 2009 als Chefvolkswirt der Deutschen Bank in den Ruhestand getreten ist. Am stärksten dürften China (+10%) und Indien (+8%) wachsen, die USA dagegen lediglich 2% und Europa 1 bis 2%. «Die Schweiz wird in diesem Jahr zu den schwächsten Ländern in Europa gehören», befürchtet der 65-Jährige. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) dürfte um höchstens 1% ansteigen. «Die Schweizer Wirtschaft schneidet 2010 schlecht ab, weil der schwache Finanzsektor und die spätzyklische Maschinen-industrie ein grosses Gewicht haben», begründet er. Zudem müssten die Schweizer Firmen einen Teil des Stellenabbaus nachholen, weil sie sich im letzten Jahr mit Entlassungen zurückgehalten hätten: «Die Arbeitslosigkeit wird 2010 in der Schweiz um mindes tens 10% steigen.»

Fed erhöht Zinsen im 2. Quartal

Während sich die Schweizerische Nationalbank (SNB) mit Zinserhöhungen vorerst zurückhält, haben verschiedene kleinere Zentralbanken vor allem in Asien die Zinsschraube bereits leicht angezogen. 2010 dürften auch die wichtigsten Notenbanken der Welt den Ausstieg aus der Krisenpolitik vornehmen. «Die US-Notenbank wird im 2. Quartal die Zinsen erhöhen», erwartet Walter. Die Europäische Zentralbank (EZB) werde aufgrund des starken Euro vermutlich erst im 4. Quartal nachziehen. Denn bis Ende 2010 könnte sich der Dollar auf 1.60 Euro abschwächen. Der Grund: «Die Russen, Araber und Chinesen haben mehr Dollar, als ihnen lieb ist. Sie werden einen Teil ihrer Dollarbestände in Euro umschichten.» Die Sorge vieler seiner Kollegen, dass die Notenbanken den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg verpassen könnten, teilt Walter nicht: «Die Lage ist zu ernst, als dass die Zentralbanken Spässe treiben würden.» Deshalb drohe 2010 keine Inflation, nicht einmal in den USA. Auch wenn die hochverschuldeten Staaten ein Interesse an Inflation hätten, «ist es angesichts der effizienten Märkte schlichtweg unmöglich, damit die Schuldenlast zu senken». Die «exzessiven Staatsausgaben» sieht er als wichtigste Debatte. So zeigten die Deutschen, die Engländer und die Österreicher heute mit den Fingern auf Griechenland, Ungarn und die baltischen Staaten. «Dabei sollten sie lieber zuerst vor der eigenen Haustüre kehren», so Walter.

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In diesem Jahr würden wohl weitere Staaten fast von ihrer Schuldenlast erdrückt und in Zahlungsnöte geraten. Diese Länderrisiken haben die meisten Ökonomen für 2010 auf ihrem Radar.

Dagegen würden die massiven Währungsungleichgewichte laut Walter noch unterschätzt. «Die Asiaten haben sich in den letzten Jahren mit gezielter Abwertung der heimischen Währung grosse Wettbewerbsvorteile gesichert - wenn der Yuan innerhalb von zehn Jahren gegenüber dem Euro um 40% abwertet, läuft etwas schief.»

Der Härtetest folgt erst 2011

Weitere Risiken ortet Walter bei den Staatshilfen. «Der Härtetest für die Wirtschaft folgt erst, wenn sie auf Entzug gesetzt wird.» 2010 würden die von den Staaten verabreichten «Drogen» noch wirken. Milliardenschwere Krisenmassnahmen halten die Volkswirtschaften rund um den Globus am Laufen. «Sorgen bereitet mir das Jahr 2011, wenn die Wirtschaft wieder auf eigenen Beinen gehen muss», sagt Walter. Dann könnte die Weltwirtschaft nochmals in Schieflage geraten und an den Finanzmärkten erneut Panik ausbrechen. Die Konjunktur und die Märkte hätten sich bis dahin aber wohl soweit stabilisiert, dass es wohl nicht mehr zu solchen Verwerfungen wie im Herbst 2008 kommen werde. Es wird Zeit brauchen, bis die Wirtschaft wieder das Niveau vor Ausbruch der Krise erreicht hat. «Das wird frühestens im Jahr 2012 der Fall sein», erwartet Walter. Zudem gehörten die hohen Wachstumsraten, die in den Jahren 2003 bis 2008 erzielt wurden, definitiv der Vergangenheit an. Denn die Wirtschaft werde in den nächsten Jahren längst nicht mehr von einer so grossen Kreditexpansion getrieben.

Werden wir gerade überholt?

Europa gerät aus Sicht von Walter zunehmend unter Druck. «Wenn wir Europäer jetzt nichts tun, werden wir in den nächsten Jahren von den Schwellenländern überholt.» Um den Anschluss nicht zu verpassen, «müssen wir uns endlich von der Politik der reinen Umverteilung verabschieden», fordert Walter. Die älteren Arbeitskräfte sollten sich weiterbilden und länger arbeiten. «Nur so kriegen wir wieder ein anständiges Wachstum hin.»

Walter selbst macht es vor. Zusammen mit seinen beiden Töchtern hat er das Beratungsunternehmen «Walter & Töchter Consult» gegründet. Er wird sich auch gesellschaftlichen Fragen widmen. Noch schonungsloser als in seinen 19 Jahren als Chefökonom wird sein Urteil aber nicht ausfallen: «Ich sagte immer, was ich dachte. Mein Arbeitgeber war Kummer mit mir gewohnt.» Warum er die Krise früher vorhergesehen hat als die meisten seiner Kollegen, erklärt Walter so: «Viele Ökonomen extrapolieren die Wachstumsraten in die Zukunft. Ich sage auch einfach mal, wenn ein Trend knickt.»

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