Die Schwellenländer gelten bereits seit mehreren Jahren als attraktives Anlagethema. Aber hält dieser positive Trend auch an? Ein Kurssturz an der Börse in Schanghai hat die weltweiten Aktienmärkte im vergangenen Februar vorübergehend ebenfalls in die Tiefe gerissen. Für Thomas Gerhardt, Fondsmanager und Leiter Emerging Markets bei DWS Investments in Frankfurt, war diese Korrektur nur ein lokales Phänomen. Scharf reagiert hätten in erster Linie die A-Aktien, die den chinesischen Anlegern vorbehalten sind. «Da geht es oft zu wie im Spielcasino», sagte Gerhardt an der DWS Investment-Konferenz in Interlaken.

In diesem Segment erreichen die Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) rasch Grössenordnungen von 50 und mehr. Die Überhitzung bei den A-Aktien hat seit dem kurzfristigen Einbruch vor einem halben Jahr zu einer Scherenbewegung gegenüber den in Hongkong gehandelten H-Aktien geführt. Während die innerchinesischen Titel rasch wieder in die Höhe schnellten, blieb die Aufwärtsbewegung bei den Aktien, die in der ehemaligen britischen Kronkolonie von Ausländern erworben werden, auffällig verhalten. Für Gerhardt ist klar: «Die internationalen Investoren haben rasch erkannt, dass diese lokalen Werte mit dem Rest der Welt praktisch nichts gemeinsam haben». Auch Alfred Roelli, Leiter Finanzanalyse Pictet & Cie, stuft die Schwellenländer als wichtiges Schwungrad für die Weltwirtschaft ein. Diese Nationen hätten enorme strukturelle Fortschritt erzielt, sagte er an einem Investorengespräch der Genfer Privatbank. «Viele der grossen Länder haben mittlerweile solide Überschüsse.»

Günstiger Zeitpunkt

Das Reich der Mitte ist ein gewichtiger Block innerhalb der BRIC-Länder (Brasilien, Russland, Indien, China), die bei Engagements in Emerging Marktes an der Spitze rangieren. Gerhardt ist überzeugt, dass diese Nationen das dominierende Thema an den weltweiten Märkten bleiben. Professor Heinz Zimmermann, Finanzmarktexperte der Universität Basel, sieht bei den Schwellenländern durchaus Potenzial, warnt aber vor den starken Kursschwankungen: «Da gilt es für den Investor im günstigen Moment einzusteigen, aber schnell auch wieder herauszugehen.» Er spricht damit die Möglichkeit an, solche Bewertungsschwankungen taktisch zu nutzen. Dafür notwendig sei eine rasche und flexible Umsetzung, die sich bei der Entscheidungsfindung auf quantitative Modelle abstütze.
Aufschlussreich sind die von Zimmermann angestellten Untersuchungen zum Value-Growth-Bewertungszyklus in den Schwellenländern. Der Wissenschafter geht von der Hypothese aus, dass sich der Reifegrad eines Marktes dadurch charakterisiere, dass mittels einer Value-Strategie (dem Kauf unterbewerteter Titel) eine höhere Rendite zu erwirtschaften sei als durch den Erwerb der übrigen Wachstumspapiere. Dabei ist die zu erzielende Prämie in einem «überverkauften» Markt Null oder negativ. Bei den BRIC-Ländern war die Prämie in den vergangenen sieben Jahren stets positiv, hat jedoch im laufenden Jahr in den negativen Bereich gedreht. Damit erscheinen diese Staaten derzeit aufgrund der quantitativen Modelle als wenig attraktiv.
Wesentlich schwieriger wird die zahlenmässige Beurteilung bei der nachfolgenden Gruppe, den sogenannten «The next 11» (siehe Kasten). Nur bei sechs der knapp Dutzend Länder (Indonesien,
Mexiko, Pakistan, Philippinen, Südkorea, Türkei) liegen weiter zurückreichende Datenreihen für den Aktienmarkt vor. Im Gegensatz zu den BRIC-Nationen schwanken die Prämien bei diesen Schwellenländern über die letzten sieben Jahre wesentlich stärker. Für das laufende Jahr liegen die Prämien im Fall der Philippinen, Südkorea, Indonesien und der Türkei im positiven Bereich. Daraus schliesst Zimmermann, dass die Aktienmärkte in diesen Ländern zumindest kurzfristig Chancen bieten.
Einen anderen Ansatz verfolgt Gerhardt. Er setzt bei den Schwellenländern auf eine themenorientierte Anlagestrategie. Mittels globaler Sektorteams, lokalen Researchbüros, Unternehmensbesuchen und Makroanalysen werden für die einzelnen Emerging Markets spezifische Themen eruiert, die als Wachstumstreiber fungieren.
Die Stichworte Konsum und Infrastruktur dominieren für ihn die nächste Dekade. Als Triebfeder für den Inlandkonsum wird die demografische Entwicklung betrachtet, mit einer Alterspyramide, die im Gegensatz zu den reifen Industrieländern nicht nach oben ausgebuchtet ist. Dazu kommt der Trend in die Städte (Urbanisierung), der steigende Wohlstand und damit verbunden ein Einkommenszuwachs, der sich in höheren Haushaltsausgaben niederschlägt. Gebhardt ist überzeugt, dass es ohne nachhaltige Investitionen in die Infrastruktur eines Schwellenlandes keinen nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg gibt. Entsprechend haben diese Regierungen das Ausgabenbudget massiv angehoben. Allein in den BRIC-Ländern werden in den nächsten fünf Jahren geschätzte Investitionen von rund 380 Mrd Dollar, oder etwa 8,5% des Bruttoinlandproduktes, getätigt. Im Vergleich dazu geben die gewichtigen Industrieländer (G-6) im gleichen Zeitraum lediglich 260 Mrd Dollar aus. Bei den Infrastrukturausgaben geht der Löwenanteil in den Strassenbau. Nebst diesen Megatrends macht Gerhardt noch zwei weitere The-
men aus, die für einen anhaltenden Wachstumsschub in den Schwellenländern sprechen: Zum
einen die Nachfrage nach Rohstoffen und für asiatische Staaten speziell die technologische Vorreiterrolle.

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Neue Kategorien definiert

The next 11
Die Anlagespezialisten haben im Universum der Schwellenländer eine neue Kategorie definiert, die nach den gewichtigen BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) ebenfalls vielversprechende Wachstumschancen bieten. Diese Ländergruppe wird als «The next 11» bezeichnet. Dazu gehören: Ägypten, Bangladesch, Indonesien, Iran, Mexiko, Nigeria, Pakistan, Philippinen, Südkorea, Türkei und Vietnam.