Noch immer produzieren viele Firmen am Ende des Tages letztlich physische Dinge wie Badewannen, Pillen und Handys. Und doch kommt kein Unternehmen, kein Konzern buchhalterisch über die Runden ohne die immateriellen Werte. Markenwert, Technologieentwicklung oder Hoffnungen auf Synergien: Alles schlägt sich in den schwer fassbaren und noch schwerer zu bewertenden immateriellen Anlagen nieder.

So staubtrocken die buchhalterische Seite von ­immateriellen Werten ist, so wichtig sind sie für das Topmanagement. Gerade bei Übernahmen spielen sie eine wichtige Rolle. Vor allem der König aller ­immateriellen Werte: der Goodwill. Einfach gesagt, umfasst er bei Akquisitionen die Prämie, die ein Unternehmen für ein anderes zu bezahlen bereit ist. Im Goodwill landet alles, was nicht durch harte Zahlen in der ­Bilanz der übernommenen Firma verankert ist.

Nur keine Abschreiber

Ein Blick auf die an der SIX kotierten Unter­nehmen zeigt: Meistens wollen die Manager den Goodwill nach Übernahmen so rasch wie möglich loswerden. 75 Prozent der an der SIX kotierten Unternehmen mit Swiss GAAP FER als Rechnungslegungsstandard buchen den Goodwill sofort gegen das Eigenkapital aus, anstatt diesen über mehrere Jahre verteilt der Erfolgsrechnung zu belasten. Das zeigt eine Analyse von KPMG.

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Die sofortige Ausbuchung ist dank einem Wahlrecht des Schweizer Rechnungslegungsstandards Swiss GAAP FER möglich. «Mit diesem Wahlrecht wird man den unliebsamen Goodwill auf ein­fache Weise los – im Fokus liegt dabei insbesondere auch die Darstellung von Schlüsselkennzahlen wie zum Beispiel Gewinn oder Ebit», sagt Daniel Haas, Head Accounting Advisory Services bei KPMG.

Kein CEO verkündet gerne selbst verursachte Abschreiber. Es wäre das Eingestehen des Scheiterns der eigenen Strategie.

Aber es gibt noch einen anderen Grund für den Trend in der C-Etage, nach Übernahmen möglichst wenig Goodwill in den eigenen Büchern zu verbuchen: die öffentliche Reputation. Denn wer viel Geld für eine Übernahme ausgibt und dies mit grossen Synergieeffekten und tollen Marktanteilgewinnen rechtfertigt, wird angreifbar.

«Da schaut nicht jeder ganz genau hin»

Bringt die Akquisition später nicht den erhofften und versprochenen Mehrwert, so müssen allenfalls Sonderabschreibungen auf dem Goodwill vorgenommen werden. Kein CEO verkündet gerne selbst verursachte Abschreiber. Es wäre das Eingestehen des Scheiterns der eigenen Strategie.

Dieses Risiko einer öffentlichen Diskussion wird deutlich kleiner, wenn der Goodwill gleich bei der Akquisition ausgebucht wird. Spätere Wertberichtigungen gibt es dann gar nicht. «Es ist richtig, dass es keinen unangenehmen Abschreiber in der Erfolgsrechnung geben kann, wenn der Goodwill gleich zu ­Beginn verrechnet wird», sagt Peter Leibfried, Professor für Audit und Accounting an der Universität St. Gallen. «Allerdings verschwindet auch unter Swiss GAAP FER ein allfälliger Abschreiber nicht vollständig.»

Im Anhang müsse ein solcher quasi in einer Schattenrechnung festgehalten werden. Klar sei aber auch, dass der Anhang deutlich weniger prominent als die eigent­liche Erfolgsrechnung ist. «Da schaut nicht jeder ganz genau hin», so Leibfried. Hinzu kommt noch eine weitere Motivation für das Verrechnen des Goodwill: Wenn das Eigenkapital kleiner wird, steigt die Eigenkapitalrendite automatisch an. Meistens ist das im Sinne der Unternehmensführung, wird diese Kennzahl gerade in Investorenkreisen weitherum beachtet.

Die eigene Leistung zeigen

Den Goodwill bei Übernahmen loswerden wurde erst durch Änderungen bei der Rechnungslegung möglich. Swiss GAAP FER geht auf eine Initiative aus den 1980er Jahren zurück, aber vor allem in den letzten Jahren wechselten zahlreiche Unternehmen auf den Schweizer Rechnungslegungsstandard. Auch 2019 ging der Trend weiter. Der Grund: Swiss GAAP FER vereinfacht viele Regeln und gibt den Firmen mehr Spielraum als der sonst gerade bei Konzernen weitverbreitete internationale Standard IFRS.

Mehr Freiheit gibt es eben auch beim Goodwill nach Akquisitionen. Unter IFRS kommt der Goodwill in die Bilanz und muss jährlich auf seine Werthaltigkeit überprüft werden. Unter Swiss GAAP FER darf gewählt werden, ob man ihn in die Bilanz nehmen oder gegen Eigenkapital verrechnen und ausbuchen will.

Ausdruck der eigenen Leistung

Dass die Firmen nicht darauf erpicht sind, nach ­einer Übernahme möglichst viele neue immaterielle Werte in die Bilanz aufzunehmen, zeigt nicht nur die Ausbuchungsquote, sondern das zeigen auch andere Zahlen: Eigentlich können im Rahmen einer Übernahme gewisse immaterielle Werte wie etwa der Markenname aktiviert werden, auch wenn sie bei der übernommenen Firma noch nicht in der Bilanz standen. Doch davon wollen die Unternehmensführer nichts wissen: Nur rund jeder zehnte FER-Anwender an der SIX macht laut KPMG von diesem Wahlrecht Gebrauch.

So richtig begehrt sind immaterielle Werte dann, wenn ein Unternehmen sie selber neu schafft. Zum Beispiel bei der Entwicklung eines neuen Designs, von Software oder auch bei Patenten. Das Wahlrecht, selbst erstellte immaterielle Werte in der Bilanz anzusetzen, setzen 50 Prozent der FER-Unternehmen an der SIX um. Sie sind in solchen Situationen Ausdruck der eigenen Leistung und auch der potenziellen Leistungsfähigkeit, zukünftige Geldflüsse zu erzielen.

Viel Goodwill in der Bilanz: Das führt oftmals zu unliebsamen Fragen von Investoren.

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