Bei den Covenants ist die Situation «angespannter als noch vor einem Jahr». Der das sagt, weiss, wovon er spricht: Barend Fruithof ist Leiter Firmenkunden bei der Credit Suisse Schweiz, einer der führenden Banken, wenn es um komplexe Kreditlinien an Schweizer Firmen geht.

Diese Kredite sind nun unter Druck. Mehrfach ist es wegen der Krise schon zu Verletzungen von Covenants - den von den Kredit nehmenden Unternehmen einzuhaltenden Finanzkennzahlen - gekommen. Gelingt es Schuldern und Gläubigern nicht, angemessen auf dieses Frühwarnsystem zu reagieren, muss im schlimmsten Fall mit einer steigenden Anzahl Konkursen gerechnet werden.

Hohe Dunkelziffer

Dies würde ins Bild passen, das sich derzeit für die Unternehmen weltweit abzeichnet. So sieht die Kreditrating-Agentur Moody’s im 4. Quartal dieses Jahres einen Höhepunkt bei den Firmeninsolvenzen. «Besorgt» zeigen sich auch die Kreditanalysten des US-Bankhauses Morgan Stanley. Ihnen bereitet die Tatsache Kopfzerbrechen, dass vor Beginn der Finanzkrise Kredite aggressiv an bereits hoch verschuldete Unternehmen vergeben wurden. Mit der Krise müssten nun die Covenants via «waiver» (siehe unten) ausgesetzt und anschliessend neu definiert werden, um den Ausfall von Krediten zu vermeiden. So hat sich in Europa die öffentlich bekannte Anzahl der Gesuche um einen «Waiver» zwischen März und Juni verdreifacht. Die Dunkelziffer, so die Analysten, liege vermutlich noch höher.

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Schweizer Firmen haben in dieser Situation den Vorteil, dass sie vor der Krise einen niedrigeren Verschuldungsgrad ausweisen als die ausländische Konkurrenz. Nick Bossart, als Leiter Investment Banking bei der Deutschen Bank in der Schweiz sowohl mit den hiesigen Verhältnissen wie auch jenen im Ausland bestens vertraut, relativiert jedoch: «Bekannterweise leiden auch viele Schweizer Firmen unter den weggebrochenen Erträgen. Deshalb kann es trotz relativ niedriger absoluter Verschuldung zu einem Bruch von Covenants kommen.»

Ein Fall für die Anwälte

Während dies bei Grosskonzernen wie Roche oder Nestlé wohl noch lange nicht geschehen wird, ist das Thema für multinational tätige Firmen von mittlerer Grösse ein Thema, das unter den Nägeln brennt. Das merken auch die Juristen, ohne deren Dienste bei den meist mit über 100 Seiten Regelwerk versehenen Kreditverträgen wenig gewagt wird. «Die Einhaltung von Financial Covenants ist im heutigen Umfeld für viele Kreditnehmer ein sehr aktuelles Thema», sagt Marcel Tranchet, Associate bei der Anwaltskanzlei Lenz & Staehelin. Viel hängt jetzt von diesem Umfeld ab. Sollte sich die Konjunktur nochmals verschlechtern, so seien zusätzliche Verletzungen von Covenants zu erwarten, sagt Christof Wolfer, Leiter Multinationals bei der UBS (siehe «Nachgefragt»). Bereits auf ein solches Szenario eingestellt hat sich die Credit Suisse. «Unser Ausblick ist vorsichtig, wir rechnen damit, dass in gewissen Industriesektoren 2010 ein herausforderndes Jahr wird.»

Angesichts der Zwangslage bei ihren Schuldnern sind Banken jetzt gezwungen, ihre Kreditpolitik genau zu überprüfen. Denn kündigen sie bei Verletzung der Covenants ihre Kreditlinien, müssen sie mit einem Konkurs und damit einem Abschreiber rechnen - dies auch deshalb, weil die Schweiz kein Chapter-11-Verfahren für den Gläubigerschutz kennt.

Die Risikobrille aufgesetzt

Die Kreditpolitik habe man nicht geändert, entgegnet dem Barend Fruithof von der Credit Suisse. Allerdings stehe man im sehr engen Kontakt mit den Firmen. «Bereits früh haben wir die Zusammenarbeit mit den Unternehmen intensiviert.» Gegenwärtig schaue man die Firmen verstärkt mit der Risikobrille an. Obwohl Fruithof mit einer Zunahme von Kreditausfällen bei Firmen rechnet, wurden die Rückstellungen nur leicht angehoben. Dieses Bild zeigt sich auch bei den anderen Leadbanken. Wenigstens das ist ein gutes Zeichen ? Insolvenzen sind sicher nicht im Interesse der Banken.