Wie beurteilen Sie die konjunkturellen Aussichten für die Jahre 2008 und 2009?

Jean-Pierre Roth: Wir haben im Moment noch eine relativ komfortable Situation. Doch im 2. Halbjahr 2008 und im nächsten Jahr dürfte sich die Wirtschaft abschwächen. Damit haben wir aber gerechnet, als wir für 2008 ein Wachstum von 1,5 bis 2% veranschlagten.

Insgesamt also immer noch ein respektables Wachstum. Führt die Finanzkrise nicht zu einer stärkeren Wachstumsverlangsamung?

Roth: Die Finanzkrise hinterlässt in der Gesamtkonjunktur sicher negative Spuren, ebenso die globale Wachstumsverlangsamung, die an sich im Gang ist. Die Auswirkungen scheinen aber nicht so rasch einzutreten, wie vielerorts befürchtet.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Roth: Die Wirtschaft in Europa entwickelt sich nach wie vor besser als erwartet und die Investitionsbereitschaft der Unternehmen ist viel versprechend. Asien erweist sich als robust. Unklar ist noch, wie intensiv der Abschwung in den USA sein wird. Die Schweizer Wirtschaft wird zwar an Schwung verlieren, aber wir haben gute Gründe zu hoffen, dass die Konjunktur auch hierzulande widerstandsfähig bleibt. Die Aussichten für die Unternehmen sind besser, als viele glauben. Es gibt keinen Anlass, rabenschwarz ins Jahr 2009 zu blicken. Das Wachstumstempo nimmt ab, doch die Wirtschaft wird weiter wachsen.

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Haben wir die Kreditkrise überstanden?

Roth: Das Schlimmste dürfte überstanden sein. Auf dem Höhepunkt der Krise sahen alle schwarz. Jetzt sehen wir, dass die Konjunktur in Europa trotz Finanzkrise noch immer gut läuft. Das berechtigt uns auch in der Schweiz zu mehr Zuversicht.

Können wir, bezogen auf die Finanzkrise, Entwarnung geben?

Roth: Die Atmosphäre hat sich eindeutig geändert und ist zu Recht positiver geworden. Die Krise ist noch nicht ausgestanden. Aber man darf sich Hoffnung machen, dass das Schlimmste hinter uns liegt.

Sie hatten damals noch vor dem Ausbruch der Krise vor einem überhöhten Risikoappetit an den Finanzmärkten gewarnt: Wie beurteilen Sie heute den Risikoappetit der Investoren?

Roth: Anders als im Herbst 2006 und im 1. Halbjahr 2007 haben heute die meisten Investoren eine realistische Markteinschätzung. Es wird nicht mehr übertrie-ben. Die Euphorie ist durch die Krise weg. Wir sollten aber auch nicht in Pessimismus verfallen. Es bestehen noch Risiken aufgrund der Finanzkrise, aber die Märkte bieten auch Chancen.

Auf dem Höhepunkt der Krise hatten Sie darauf hingewiesen, dass sich die Kreditkonditionen in der Schweiz verschlechtern könnten. Gibt es Anzeichen dafür, dass dies eingetroffen ist?

Roth: Wir können dies nicht abschliessend sagen. Die Fakten, die uns bis jetzt vorliegen, sprechen jedenfalls nicht dafür. Wir haben keine Beweise, dass sich die Kreditkonditionen in der Schweiz verschlechtern. In der Kreditmarktentwicklung sehen wir im Moment kein Problem. Die Firmen sind auch sehr liquid. Die Finanzierung ist für Unternehmen und Privatpersonen kein Problem. Ich sehe keine Evidenz für höhere Risikoprämien im Schweizer Kreditmarkt als Folge der Kreditkrise.

Erwarten Sie unter den Banken keine weiteren Liquiditätsengpässe mehr?

Roth: Vorderhand erwarte ich keine neuen Engpässe im Interbankenmarkt. Allerdings funktioniert dieser Markt noch nicht optimal, es herrscht noch nicht der Courant normal. Es gibt immerhin eine Stabilisierung. Die Lage hat sich deutlich verbessert. Die Folgen der Finanzkrise machen mir heute deutlich weniger Sorgen.

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Mehr Sorgen dürfte Ihnen aber die Inflationsentwicklung bereiten, nicht zuletzt wegen des hohen Ölpreises.

Roth: Die hohen Ölnotierungen verschärfen eindeutig den Inflationsdruck in der Schweiz. Diese Entwicklung kommt für uns überraschend. Bei unseren letzten Lagebeurteilungen im Dezember 2007 und im März 2008 nahmen wir an, dass die Verlangsamung der Weltkonjunktur auch in der Schweiz einen stärkeren Dämpfungseffekt hinterlässt und den Preisanstieg beim Erdöl ebenfalls bremst. So weit ist es nicht gekommen. Die Wirtschaft ist robuster. Der Ölpreis steigt weiter an und schafft für alle Industrieländer ein Problem, weil die Inflation überall deutlich zunimmt. Auch bei uns hat die Teuerung die 2%-Grenze überschritten. Das ist eine neue Situation. Den Inflationsdruck nehmen wir ernst. Wir werden im Juni unsere neue Lagebeurteilung vornehmen.

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Das bedeutet, dass Sie im Juni die Zinsen erhöhen?

Roth: Das werden wir dann sehen. Heute kann ich nur sagen, dass wir den Inflationsdruck genau im Auge behalten und geeignete Massnahmen ergreifen werden, wenn dies nötig sein sollte. Die Inflation macht mir Sorgen. Da bleiben wir sehr wachsam, und wir werden diese Entwicklung in unserer nächsten Lagebeurteilung berücksichtigen.

Nochmals: Ist die Geldwertstabilität gefährdet?

Roth: Es gibt im Markt eine solche Wahrnehmung. Dafür habe ich Verständnis. Der Ölpreis ist nur ein Faktor. Für uns stellt sich die Frage, ob im Zuge des Inflationsdrucks auch die Löhne steigen und weitere Waren und Dienstleistungen teurer werden. Das wäre problematisch.

Erwarten Sie, dass die Obergrenze der Preisstabilität von 2% in diesem Jahr klar überschritten wird?

Roth: Das können wir heute noch nicht sagen. Sicher haben sich einige Faktoren in Richtung höhere Inflation verschoben. Der Inflationsdruck hat eindeutig zugenommen. Damit müssen wir umgehen.

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Die Aufgabe der Nationalbank ist es, Preisstabilität sicherzustellen. Was unternehmen Sie?

Roth: Unser Mandat ist in der Tat die Preisstabilität. Die Aussichten für die mittelfristige Preisstabilität und die Inflationsprognose werden zeigen, ob es für geldpolitische Massnahmen Handlungsbedarf gibt.

Müssen sich die Investoren auf weitere Korrekturen an den Devisenmärkten einstellen?

Roth: Viele waren wegen der Korrekturen beim Dollar alarmiert und sehen die Dollarschwäche als Übertreibung. Ich finde das nicht. Die Abschwächung des Dollar war für mich angesichts der Zinssenkungen der US-Notenbank keine Überraschung. Die Parität des Dollar zum Franken ist eine logische Konsequenz. Sofern es zu keiner neuen Katastrophe in Amerika kommt, rechne ich damit, dass wir eine rationale Wechelkursentwicklung und nicht einen dramatischen Dollarsturz erleben werden.

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Wie beurteilen Sie das Verhältnis des Frankens zum Euro?

Roth: Da gibt es etwas mehr Schwankungen und eine leichte Korrektur beim Franken. Das finden wir logisch und nicht problematisch. Wir sprechen weder beim Dollar noch beim Euro von irrationalen Bewegungen.

Nachdem sich die Turbulenzen als Folge der Kreditkrise etwas gelegt haben, rückt die Regulierungsdebatte stärker in den Vordergrund. Genügen die von den Grossbanken eingeleiteten Massnahmen zur Risikoüberwachung aus Ihrer Sicht?

Roth: Kurzfristig war es unser Ziel, die aufgetretenen Probleme als Folge der Kreditkrise, insbesondere die Liquiditätsengpässe, zu mindern. Nun muss man die für die Grossbankenaufsicht nötigen Massnahmen überprüfen.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Roth: Bei den Schweizer Grossbanken braucht es mehr Risikopuffer.

Das bedeutet?

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Roth: Die Vorschriften für das Eigenkapital, die Liquidität und den Verschuldungsgrad müssen verschärft werden. Die Grossbanken müssen deutlich mehr Eigenkapital haben, damit sie künftig unerwartete Rückschläge besser abfedern können. In der Schweiz sind die Risiken mit den zwei Grossbanken gemessen an ihrer Bedeutung für die gesamte Volkswirtschaft besonders gross. Auch in Zukunft kann es überraschende Entwicklungen geben. Die Grossbanken benötigen daher mehr Reserven, um selbst grosse Verluste besser verdauen zu können.

Sie verlangen strengere Vorschriften. Könnten die Banken die Probleme nicht im Rahmen der Selbstregulierung angehen?

Roth: Nein. Selbstregulierung genügt nicht. Während der Krise haben viele Leute nach den Notenbanken und selbst nach dem Staat gerufen. Jetzt, wo sich die Krise entspannt, wollen die Banken von schärferen Vorschriften bereits nichts mehr wissen. Stattdessen möchten sie nur noch Selbstregulierung. Machen wir uns keine Illusionen: Wenn die Behörden jetzt nicht härtere Gesetze für die international tätigen Banken durchsetzen, wird gar nichts passieren. Und spätestens in fünf Jahren haben wir wieder die gleichen Probleme wie im vergangenen März.

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Sie fordern also eine Bankenaufsicht mit schärferen Zähnen?

Roth: Voilà. Ich glaube momentan nicht an den Selbstregulierungsappetit der Banken. Da wird nicht das kommen, was wir brauchen. Die Kapitalanforderungen müssen nach dieser Krise eindeutig erhöht werden. Nach den Erfahrungen der letzten Monate muss der Gesetzgeber korrigierend eingreifen. Den Markt allein spielen zu lassen und auf die Selbstregulierung zu vertrauen, wäre ein grosser Fehler. Die Schweizer Bankenaufsicht muss griffiger werden. Sie muss künftig mehr Zähne zeigen, strenger werden. Situationen wie in diesem Frühling möchte ich lieber nicht mehr erleben.

Wie bedrohlich war die Situation tatsächlich?

Roth: Die Lage war ernst.

Wie nahe am Abgrund waren die Finanzmärkte?

Roth: Man versucht jetzt seitens der Banken die Wogen zu glätten und den Eindruck zu erwecken, es sei alles nicht so schlimm gewesen. Tatsache ist, dass die UBS 40 Mrd Fr. abschreiben musste. Die öffentliche Hand hat den Märkten direkt und indirekt geholfen. Jetzt müssen die Banken ihre Solidität verbessern. Die Bürger der Strasse würden nicht verstehen, wenn man nun einfach nichts unternehmen würde und so täte, als sei nichts geschehen.

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Viele Bürger hatten im März Angst vor Bankenpleiten. Auch die Sicherheit der UBS wurde in Frage gestellt. Waren die Ängste übertrieben?

Roth: Wir haben keine Zweifel an der Solidität der UBS. Die Bank ist sehr gut kapitalisiert. Aber es ist nachvollziehbar, dass sich viele Leute Sorgen machten. Immerhin hat sich die UBS selbst gerettet und selbst neues Kapital beschafft. Dass dies angesichts der grossen Probleme der UBS möglich war, ist ein positives Zeichen für die Bank und für den Schweizer Finanzplatz.

Wird es künftig einen intensiveren Austausch mit dem VR von Grossbanken, dem Risk-Management und der Nationalbank geben?

Roth: Es braucht künftig einen intensiveren Dialog zwischen den Grossbanken und der Nationalbank. Wir suchen das Gespräch mit den Verwaltungsräten der Grossbanken, den Konzernleitungen und den Risk Managern, damit sie unsere Beurteilungen künftig besser verstehen.

Und wie kam Ihr Gesprächsangebot bei den Grossbanken an?

Roth: Wir haben unsere Absicht für Gespräche mit den obersten Gremien des Grossbanken kundgetan. Nun ist es an ihnen zu reagieren.

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Werden Sie mit den Verwaltungsräten der Grossbanken auch über die Löhne und die Anreizsysteme für das oberste Kader sprechen?

Roth: Ich gehe nicht in Details. Generell kann ich aber sagen: Die Entschädigungssysteme waren falsch. Die Banken haben inzwischen realisiert, dass sie dies ändern müssen. Die künftigen Anreizsysteme für die Bankkader müssen viel langfristiger ausgerichtet sein und die Kader nicht dazu verleiten, nur den  kurzfristigen Gewinn anzustreben. Es ist an den Verwaltungsräten der Banken, den Lohnexzessen jetzt ein Ende zu bereiten. Das muss eine Lehre aus der Krise sein.

Auch die Nationalbank hat im ersten Quartal einen Verlust geschrieben. Muss auch im zweiten Quartal mit einem negativen Ergebnis gerechnet werden?

Roth: Das negative Ergebnis resultierte aus den Kursverlusten auf Devisen. Der Franken hatte sich deutlich aufgewertet. Deshalb hatten wir Verluste auf unseren Devisen- und Goldpositionen. Nun haben wir bei den Devisen eine Gegenbewegung gesehen. Das wird sich positiv auf unser Ergebnis im zweiten Quartal auswirken. Wir werden daher kaum nochmals Verluste machen. Aber unsere Erträge können immer sehr stark schwanken.

In letzter Zeit gab es Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Libors, der auch für die Nationalbank als Referenzsatz dient. Ist für Sie der Libor nach wie vor ein sinnvoller Referenz-Satz?

Roth: Wir beobachten die Debatte um den Libor, der die Verankerung für sehr viele kommerzielle Zinsen ist, genau. Den Libor müssen wir im Griff haben. Aufgrund der Zweifel stellen wir uns schon die Frage, ob der Libor künftig noch der richtige Referenzsatz für uns ist..

Sehen Sie denn Alternativen?

Roth: Nein, die sehe ich im Moment nicht. Es gibt Notenbanken, die mit dem Repo-Satz operieren. Wir sind mit dem Libor bis jetzt nicht schlecht gefahren. Wir überprüfen das. Eine Entscheidung eilt aber nicht.

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