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Gespräch
Sepp Blatter: «Es wird schwierig für Infantino»

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Sepp Blatter: «Keinen Orden, keine Medaille habe ich zurückgekriegt.» Quelle: Daniel auf der Mauer/13photo

Ex-Fifa-Chef Sepp Blatter hält nichts von Gianni Infantinos Wachstumsplänen – und fände es gut, wenn Michel Platini 2019 kandidierte.

Von Stefan Barmettler
am 14.06.2018

Wo waren Sie am 12. Juni 2014?
Sepp Blatter: Auf der Ehrentribüne der Arena de São Paulo, WM-Eröffnungsspiel Brasilien gegen Kroatien.

Wo sitzen Sie am 14. Juni 2018?
Auf dem Sofa zu Hause in Zürich vor dem Wandbildschirm – oder auf der Tribüne im Luschniki-Stadion in Moskau. Auf Einladung von Putin. Es ist meine elfte WM.

Wer gewinnt?
Meine Favoriten sind Brasilien, Frankreich, Deutschland, Spanien. Auch Nigeria und Uruguay traue ich einiges zu. Der Angriffsfussball wird sich durchsetzen.

Sie waren 18 Jahre Mister Fifa. Ihr grösster Fehler in Ihrer Präsidialzeit?
Ich habe nicht gemerkt, dass meine Zeit abgelaufen war. Ich hätte 2014 nicht mehr fürs Präsidium kandidieren sollen. Meine Familie hat dringend abgeraten. Dann kam Michel Platini zu mir und sagte, er wolle doch noch nicht kandidieren. Dann baten mich die Konföderationen, eine Amtsperiode anzuhängen. Darauf habe ich mich eingelassen – mein Fehler.

Aus Sturheit, Fehlkalkulation, Eitelkeit?
Fehlkalkulation.

Ihr grösster Erfolg in Ihrer über vierzigjährigen Fifa-Karriere?
Dass mich die Fifa 1975 anstellte. Das war überhaupt keine klare Sache. Eine wichtige Voraussetzung fehlte mir.

Sie verstanden nichts vom Fussballgeschäft?
Ich konnte immerhin einen Corner mit links und rechts schiessen (lacht). Damals waren Leute aus dem Fussballbusiness gefragt – aber ich kam aus der Uhrenindustrie. Schliesslich hat mich der damalige Präsident João Havelange angestellt, als Projektleiter für Entwicklungsprogramme. Als ich kam, bestand die Fifa aus elf Leuten. Meine Personalnummer lautet 1012 – ich war Nummer zwölf, ohne eigenes Büro. Zu meiner Hauptaufgabe gehörte auch das Projekt Jugend-WM. Weil kein Geld vorhanden war, ging ich auf Sponsorensuche.

Wie?
Bei Longines hatte ich einiges im Marketing gelernt. Ich habe keine Uhr verkauft, sondern eine Botschaft: schöne Zeit. Nur: Diese Erfahrung nützte mir am Anfang wenig, denn die Fifa-Leute hatten längst bei den Banken, Versicherungen, Pharmafirmen und Foodkonzernen angeklopft – und waren abgeblitzt. Meine Leistung war trotz Erfahrung aus der Privatwirtschaft nach ein paar Wochen überschaubar: kein Vertrag, kein Geld – zéro virgule zéro.

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Wie kamen Sie dennoch zu Millionen?
Im Finalspiel des Europacups der Meister – 1975 in Paris – traf ich den Chef der Brauerei Guinness und erklärte ihm meine Jugendfussball-WM-Pläne. Der aber fand, irisches Bier sei nichts für den Fussballplatz, und stellte mich dem England-Chef von Coca-Cola vor. Über diesen Kontakt durfte ich am Hauptsitz in Atlanta präsentieren. Meine Botschaft: Die Fifa will weltweit wachsen – wie Cola.

Der grosse Durchbruch?
Für mich schon, aber nicht für die Fifa. Im Exekutivkomitee schlug mir Opposition entgegen, auch Präsident Havelange war zuerst skeptisch. Dank den Vertretern aus Afrika kippte die Stimmung. Freunde, unsere Kasse ist leer und jetzt bringt endlich einer Geld – was soll da falsch sein? Ab 1976 war Coca-Cola Sponsor und kam dank der Fifa in Märkte, die für sie abgeschottet waren – nach Saudi-Arabien oder Russland. In der Folge brachten wir weitere Weltmarken zur Fifa.

Der Walliser

Name: Joseph Blatter

Funktion: ehemaliger Präsident Fifa, ehemaliges Mitglied IOC

Alter: 82

Familie: eine Tochter

Ausbildung: Wirtschaftsstudium Universität Lausanne

Karriere:

1959 bis 1964: Sekretär Walliser Verkehrsverband

1964 bis 1966: Generalsekretär Schweizerischer Eishockeyverband

1968 bis 1975: Direktor Longines

1975 bis 1981: Technischer Direktor Fifa

1981 bis 1998: Generalsekretär Fifa

1998 bis 2015: Präsident Fifa

2003 haben Sie den Rechnungslegungsstandard IFRS eingeführt. Ihre Idee?
Nein. Als ich 1998 Präsident wurde, lud ich zum Kongress nach Los Angeles. Der Verbandsvertreter von Mauritius, der Chef von KPMG in Mauritius war, riet zu IFRS, um so einem Unternehmen in Sachen Transparenz gerecht zu werden.

KPMG gab 2015 das Mandat nach 25 Jahren freiwillig zurück.
Dieser Schritt zu IFRS, der sich an Grosskonzerne anlehnte, hat uns viel Glaubwürdigkeit eingetragen. Als Sportverband waren wir damit anderen Verbänden voraus.

Und wie sind Sie auf das Thema Corporate Governance gekommen? Plötzlich wollten Sie sich zum Reformer aufschwingen.
Plötzlich? Wir haben immer wieder Reformen in Angriff genommen, dazu gehörte auch die Rechnungslegung. Der Ausbau der Corporate Governance war ein Trend, der in der Privatwirtschaft schon länger lief. Transparenz, Controlling und Compliance wurden immer wichtiger.

Jahrzehntelang war es bei Ihnen kein Thema.
Die Fifa ist keine börsenkotierte Firma. Als Verein hat sie ganz andere Anforderungen. 2011 habe ich mein Reformprogramm präsentiert, das grossmehrheitlich angenommen wurde. Nur die Durchleuchtung der Exekutivmitglieder wurde leider abgelehnt, von der Uefa. Die Europäer wollten nicht, dass ihre Mitglieder von einer Fifa-Behörde überprüft würden.

Sie schlugen den früheren US-Aussenminister Henry Kissinger als ersten Präsidenten der Ethikkommission vor. Nicht absurd?
Klar haben viele gesagt: Jetzt spinnt er. Aber Henry ist heute noch absolut fit im Kopf und hat viel Erfahrung und ein gutes Urteilsvermögen – mehr, als die meisten Mitglieder der Reformkommission es je hatten.

Sie lancierten stattdessen den forschen Antikorruptionsexperten Mark Pieth als Fifa-Reformer. Das konnte nicht gut gehen.
Ich dachte: Ein Bündner und ein Walliser, das passt. Leider merkte ich zu spät, dass er und die Mitglieder seiner Reformkommission nicht zur Fifa passten. Das waren in der Mehrheit Gegner der Fifa, die sich immer selbstherrlicher aufführten und meinten, alles bestimmen zu können.

Ein Eigentor?
Ja. Pieth brachte auch Domenico Scala als Präsident der Audit- und Compliance-Kommission. Der schwärmte mir stundenlang vor, wie oft und gerne er früher Fussball gespielt hatte. Als die Probleme mit der US-Justiz begannen, war er einer der Ersten, die mir den Rücktritt nahelegten, weil er selber Fifa-Präsident werden wollte. Das jedenfalls war schwer mein Eindruck. Aber es ist leider so: Ich habe in meiner Gutgläubigkeit oft auf die falschen Leute gesetzt.

Gutgläubig? Wer sich Jahrzehnte an der Spitze des Weltfussballs hält, muss in erster Linie ein Schlitzohr sein.
Eher ein guter Manager. Ich habe am Anfang geglaubt, ich könne die Reformkommission etwas steuern, aber das war ein Irrtum: Nach kurzer Zeit wussten sie alles besser. Nachdem wir 2013 die Reformkommission aufgelöst hatten, weil das Reformkonzept stand und die Arbeit erledigt war, traten dieselben Leute, die von der Fifa sehr viel Geld kassiert hatten, eine Negativkampagne los – gegen mich und gegen die Fifa.

Sie lieferten die Munition: In Ihrem Umfeld gabs zwielichtige Figuren – der Katarer Bin Hammam, der Argentinier Julio Grondona, der Trinidader Jack Warner, der Amerikaner Chuck Blazer und viele mehr.
Ihr Wirken hatte mit meiner Person nichts zu tun. Das waren die gewählten Vertreter der Konföderationen. Um auszusieben, wollten wir im Reformprozess die Gewährsprüfung für Exekutivmitglieder einführen. Diese wurde – wie gesagt – von den Europäern abgelehnt.

Sie waren umgeben von Opportunisten und Korrupten.
Das muss ich relativieren. Erstens hatten wir im Management in Zürich Profis. Für sie legte ich die Hand ins Feuer. Zweitens waren die Problemfälle aus den nationalen und kontinentalen Verbänden ins Exekutivkomitee delegiert worden. Grondona, den ich gut kannte, konnte man keine Korruption nachweisen, zudem hat er mich stets unterstützt, auch als mich die Uefa 1998 als Generalsekretär nicht mehr wollte.

Uefa-Präsident Michel Platini riss Sie im September 2015 in den Abgrund, weil Sie ihm – ohne Vertrag – 2 Millionen ausgezahlt hatten. Deswegen wurden Sie und Platini von der Fifa für sechs Jahre gesperrt.
Die Bundesanwaltschaft (BA) hat den Fall untersucht und Platini kürzlich mitgeteilt, dass gegen ihn nicht ermittelt werde.

Ein Etappensieg?
Absolut. Ich bin ja nicht mit allem einverstanden, was Platini über mich gesagt hat. Aber den Entscheid begrüsse ich.

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Sepp Blatter: «Ich habe nie einen Bonus verlangt.»
Quelle: Daniel auf der Mauer/13photo

Wird es ein Comeback von Platini im Weltfussball geben?
Nicht ausgeschlossen. Seine Anwälte wollen, dass die Fifa die Sperre gegen ihn aufhebt. Das macht Sinn: Wenn die BA einstellt, fällt der Grund der Sperre weg. Wenn das die Fifa einsieht, wird Platini 2019 fürs Präsidium kandidieren. Er hätte Chancen. Infantino, der ehemalige Uefa-Generalsekretär, hat Platini versprochen, nur als sein Statthalter zu kandidieren.

Gegen Sie wird weiter wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung ermittelt?
Ich wurde einmal einvernommen – im September 2015, als der Fall eröffnet wurde.

Wann hörten Sie letztmals von der BA?
Bewegung gab es, als Platini vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ging. Damals wurden seine Leute befragt, auch mein Anwalt war anwesend. Schliesslich merkte die Bundesanwaltschaft, dass die Zahlung der 2 Millionen rechtens gewesen war und auf alte Dienste respektive Forderungen zurückging.

Es bestand kein schriftlicher Vertrag wie im Geschäftsleben üblich.
Ich kenne Platini seit Jahrzehnten. Es gab eine mündliche Abmachung, diese gilt wie ein Vertrag. Platini hat später Rechnung gestellt und das Geld im Kanton Waadt korrekt versteuert.

Die Ethikkommission, die Sie installierten, hat Sie für sechs Jahre gesperrt. Wenn die BA Sie von der Angel lässt, werden Sie – wie Platini – Ihre Sperre anfechten?
Sofort. Ich weise auch darauf hin, dass ich immer noch der gewählte Präsident der Fifa bin, zumindest bis 2019.

Heisst der Präsident nicht Infantino?
Ich wurde 2015 auf vier Jahre gewählt, trat nie zurück, wurde nie abgewählt. Ich habe mein Mandat nur zur Verfügung gestellt, später bin ich wegen der Untersuchung der BA suspendiert worden. Gemäss Statuten muss man einen Präsidenten abwählen.

Sie würden auf Wiedereinsetzung pochen?
Nein, das wäre etwas viel verlangt (lacht). Ich will, dass die Sperre gegen mich aufgehoben wird. Die Juristin Sylvia Schenk, ehemalige Chefin von Transparency International in Deutschland, bestätigt in einem Gutachten meine Ansicht. Wenn ein Trainer für drei Spiele auf die Tribüne geschickt wird, bleibt er trotzdem der Trainer.

Infantino will einen 25-Milliarden-Dollar-Deal mit der japanischen Softbank, hinter dem Gelder aus Saudi-Arabien, den USA und China stecken. Eine gute Sache?
Diesen Vorschlag hätte ich nie gemacht. Man kann nicht den Fussball verkaufen, auch nicht an eine Bank oder einen Fonds. Schauen Sie die Finanzberichte der Fifa an, dann sehen Sie das Problem. Die Fifa braucht dringend Geld. Zudem ist viel Know-how verloren gegangen. Nach meiner Suspendierung mussten 61 Leute aus der Hierarchiestufe 1 und 2 gehen. Nur: Man kann nicht alle Manager durch Fussballer ersetzen. Und wenn man es tut, muss man sich nicht wundern.

Die Fifa schreibt seit 2016 rote Zahlen.
Die Sponsorengelder fehlen, die Reserven schrumpfen. Als ich ging, gabs Reserven in der Höhe von 1,4 Milliarden plus 1 Milliarde in Cash. Infantino braucht dringend Geld, weil er allen Nationalverbänden viel mehr Geld versprochen hat – 5 Millionen statt 1 Million. Es wird für ihn sehr schwierig werden, diese Gelder zusammenzubringen.

Der 25-Milliarden-Deal ist auch eine Kampfansage an die Uefa.
Das grosse Projekt im Deal ist die Club-Weltmeisterschaft. Nur: Die Fifa ist gar nicht mit den Clubs verbunden, sondern mit den nationalen Fussballverbänden. Uefa-Präsident Aleksander Ceferin gerieten diese Pläne in den falschen Hals und er schlägt zurück.

Wieder befehden sich die beiden Verbände.
Die Uefa wollte die Fifa mehrmals an die Wand spielen. Nun sollen die Champions-League-Spiele ab Viertelfinal am Wochenende abhalten werden – genau dann, wenn die Nationalteams spielen. Dieser Plan ist gegen die Fifa gerichtet.

Sie waren stolz, als Sie die WM 2010 nach Südafrika brachten – und kassierten dafür einen Bonus von 10 Millionen, ungerechtfertigterweise.
Sind Sie der Richter? Die Finanzkommission sprach mir – ohne mein Drängen oder Fordern – einen Bonus zu, weil ich den Mut hatte, die Weltmeisterschaft nach Südafrika zu bringen. Viele haben abgewinkt, ich habe es durchgezogen. Dieser Bonus ist übrigens der einzige, den ich für einen erfolgreichen Weltcup erhalten habe.

Für Brasilien sollten Sie gar einen Bonus von 14 Millionen kriegen.
Jenen für Südafrika habe ich erhalten, den für Brasilien nicht. Ich habe weder einen Bonus für 2010 noch für 2014 verlangt.

Sie brachten die Spiele nach Südafrika, doch nachhaltig war das nicht. Die Stadien vergammeln, die Wirtschaft serbelt.
Es hat viele Touristen ins Land gebracht. Das war nicht nix. Aber klar hat das Land riesige Probleme. Man darf nicht vergessen, dass in Südafrika immer noch Apartheid herrscht. Wenn die südafrikanische Rugby-Nationalmannschaft die Fussballstadien brauchte, wäre das Problem gelöst.

Bonus hin oder her. Sie hatten ja schon ein reguläres Salär von über 3 Millionen.
Sind Sie neidisch? Früher war es tiefer. Die Ironie ist ja, dass ich den Lohnsprung auf 3 Millionen ausgerechnet Domenico Scala verdankte. Er hat einen Lohnvergleich gemacht mit Firmen, die ebenfalls Milliarden umsetzen. Und dann hat das Kompensations-Komitee unter Scala meinen Lohn von 1,5 auf 3,3 Millionen angehoben. Auch diese Anpassung habe ich nicht verlangt.

Die Kasse sprudelte auch, weil Sie die TV-Rechte immer teurer verkaufen konnten.
Die Hochzeit mit dem Fernsehen war finanziell das beste Geschäft. Ein Fussballspiel ist ein Zwei-Stunden-Produkt, das alles vereinigt: Dynamik, Unterhaltung, Spannung, Tragödie. Ab den 1980er Jahren durften die Öffentlich-Rechtlichen Werbung schalten, dann tauchten die Privaten auf. Dies hat die Preise für Übertragungsrechte in die Höhe schiessen lassen. Gerade die Privaten erkannten das Potenzial. Davon profitierte die Fifa gleich zweimal. Denn im Gegensatz zu den Olympischen Spielen war in den WM-Stadien Werbung erlaubt. Dank den Übertragungen konnten wir die Partnerschaften enorm ausbauen.

Alles haben Sie verkauft, überall haben Sie mitkassiert – beim Merchandising, beim Branding, beim Maskottchen, beim Bier.
Vor allem haben wir das Geld in den Fussball reinvestiert. Wir haben Hunderte von Millionen in die Fussballverbände gesteckt, haben neue Formate lanciert. Die Frauen-WM war nur eine davon. Wir haben den Fussball in jeden Winkel der Welt getragen. Ich wollte wachsen – für den Fussball.

Sport-Marketeer

Sepp Blatter trieb als Generalsekretär und Präsident das Sponsoring auf die Spitze. Er führte regionale und globale Partnerschaften ein, baute die TV-Übertragungsrechte aus und verlangte für Markenrechte hohe Summen. Unterstützt wurde er von Generalsekretär Jérôme Valcke.

2015 überschlugen sich die Ereignisse. Nachdem Uefa-Präsident Michel Platini auf eine Kandidatur verzichtet hatte, war der Weg frei für eine fünfte Präsidentschaft Blatters. Wochen später kündigte er den Rücktritt an. Mittlerweile ermittelte die US-Justiz wegen Schmiergeldzahlungen in Lateinamerika und den USA, zudem untersuchte die Bundesanwaltschaft den Fall. Die Fifa-Ethikkommission sperrte Blatter und Platini für je sechs Jahre.

Sepp Blatter, der begnadete Dealmaker, der sogar seine Grossmutter verkauft?
Ich bitte Sie, lassen Sie meine Grossmutter in Frieden ruhen. Tatsache ist: Als ich das Präsidium übernahm, wies die Fifa ein Defizit von 20 Millionen Franken aus. Als ich ging, hatten wir Reserven in Milliardenhöhe. Und dazwischen wars nicht immer einfach. Als ich 1991 Generalsekretär wurde, waren wir pleite. Im Oktober kam der Buchhalter zu mir und sagt: Sepp, wir haben kein Geld mehr für die Löhne. Zu zweit gingen wir zum Schweizerischen Bankverein und unterschrieben einen Kreditvertrag über 300 000 Franken zum Zinssatz von 12 Prozent. Auch 2002 gings drunter und drüber.

Nach 9/11 wollte keine Versicherung mehr einen Mega-Event absichern.
2002, das Jahr der Weltmeisterschaft in Südkorea und Japan, war der Tiefpunkt: Mein Rücktritt wurde gefordert, unsere Vermarktungsgesellschaft ISL ging bankrott, der zweitwichtigste TV-Partner, die Kirch-Gruppe, rutschte in die Insolvenz. Dann stieg Axa als WM-Versicherer aus. Wir waren am Boden. Die europäischen Exko-Mitglieder schlugen vor, unsere Immobilien zu verscherbeln. Ich war dagegen.

Nun war Krisenmanager Blatter gefordert.
Wenn ich mit dem Rücken zur Wand stand, kämpfte ich mich durch. «So, das lösen wir jetzt», sagte ich meinen Leuten. Aufgeben war für mich nie eine Option. Als nach 9/11 keine Versicherung mehr die WM versichern wollte, kamen wir mit Warren Buffett ins Gespräch und zahlten 40 Millionen Dollar Prämie – und lancierten mit der Credit Suisse Cat Bonds. Und dann gründeten wir die Fifa Marketing and Television SA – damit hatten wir alle TV-Rechte unter Kontrolle. So verhandelten wir die Übertragungsrechte neu, zu unseren Gunsten. Diese Massnahmen retteten uns.

Sie sind Uhrensammler. Ihre Stücke seien in der Fifa-Zentrale blockiert, richtig?
Ein leidiges Kapitel. Als ich bei Longines arbeitete, begann ich mit dem Sammeln von Uhren. Auch mein Vater übergab mir ein paar Stück. Schliesslich bekam ich als Fifa-Präsident Uhren geschenkt. So kam eine Sammlung von 300 Stück zusammen.

Aber Sie haben keinen Zugriff?
Nein. Nach meiner Suspendierung kam Infantino zweimal bei mir vorbei. Wir tranken einen Chianti. Er notierte alles, was noch zu regeln war, auch die Uhren-Kollektion. Ich habe ihm in einer Liste nachgeschickt, wann ich welche Uhren gekauft oder gekriegt habe. Jetzt müsste ich noch die Kassenbelege nachreichen. Ich habe darauf gesagt: Nehmt die Uhren, die ihr wollt, und schickt mir den Rest. Leider habe ich seither nichts mehr gehört. Stattdessen wurde auf die Anwälte verwiesen.

Die Fifa ist unter Aufsicht der US-Justiz. Da will man nichts riskieren.
Es geht auch um meine persönlichen Auszeichnungen, um Medaillen. Nach der WM in Deutschland wurde mir das Bundesverdienstkreuz überreicht, dazu bin ich dreifacher Ehrenprofessor und siebenfacher Ehrendoktor. Keinen Orden, keine Urkunde habe ich zurückgekriegt, obwohl mir das versprochen wurde. Dahinter soll die US-Justiz stecken? Diese Art ist für mich sehr enttäuschend. Kein CEO dieser Welt, der über Jahrzehnte eine hochprofitable, globale Organisation aufgebaut hat, wird so behandelt. Ich habe nichts gestohlen, niemanden umgebracht, keine Frau belästigt, bin nie verurteilt worden, habe mein Leben lang für die Fifa gekämpft. Diesen Umgang habe ich nicht verdient.

Als Präsident waren Sie im Jahr 200 000 Kilometer im Flieger unterwegs. Heute?
6000 Kilometer im Auto, 70 000 Kilometer mit Zug und Tram. ZürichVisp und Zürich– Genf sind meine Paradestrecken.