Allem Gejammer zum Trotz gehts dem Schweizer Arbeitsmarkt gut. Die Arbeitslosigkeit ist unter 3% gesunken, was faktisch einer Vollbeschäftigung gleichkommt. Dennoch wäre es falsch zu glauben, es bestehe kein Reformbedarf.

Vor allem die nach wie vor bestehende Sockelarbeitslosigkeit lässt sich nicht mit simplen Rezepten wegradieren. «Weder eine Senkung der Leitzinsen noch die Beeinflussung der Frankenstärke können diese strukturelle Arbeitslosigkeit mindern», ist George Sheldon überzeugt. Er ist Leiter der Forschungsstelle für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomik an der Universität Basel.
Sheldon weiter: Genauso falsch sei es, fatalistisch zu glauben, aufgrund der steigenden Automatisierung und der Verlagerung von Produktionen in Billiglohnländer gehe den Schweizern die Arbeit aus. «In der Schweiz gibt es nicht zu wenig Arbeit», findet Sheldon.

Mehr Geld in die Re-Integration

Die Ursache für die Langzeitarbeitslosigkeit sieht der Ökonom im strukturellen Wandel: «Am Fliessband entscheidet in erster Linie die Intensität des Maschineneinsatzes über den Lohn. In Dienstleistungsberufen hängt die Produktivität des Einzelnen dagegen vielmehr von der Ausbildung ab.» Im Klartext: Weniger Ausbildung heisst heute weniger Marktwert. «Für die schlecht Qualifizierten besteht deshalb zunehmend nur die Wahl zwischen anhaltender Arbeitslosigkeit oder schmerzlichen Einkommenseinschnitten», so Sheldon.
Seine Lösung ist radikal. Statt langfristigem Taggeldbezug schlägt er vor, die knappen Mittel der Arbeitslosenversicherung stärker in die Re-Integration zu investieren. Hierbei legt er einen verstärkten Einsatz von Zwischenverdiensten nahe. Das sind Arbeiten, die unter dem Taggeldsatz entgeltet werden. Die Arbeitslosenversicherung ersetzt einen Grossteil der Differenz gegenüber dem früheren Lohn. Zwischenverdienste haben zum Ziel, die Chancen auf Wiedereingliederung zu erhöhen.
Um eine allfälligen Erwerbsarmut zu bekämpfen, schlägt Sheldon vor, Steuerkredite einzuführen. Diese sind in den USA und Grossbritannien bereits verbreitet. Dabei zahlt der Staat denjenigen Geld aus, deren Erwerbseinkommen unter einem bestimmten Niveau liegt.
Mit diesem Vorgehen erhofft sich der Wissenschaftler, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Nämlich zusätzlich auch die steigende Invalidenquote in den Griff zu bekommen.
Denn gar nichts hält der Amerikaner von der These, immer mehr Menschen würden invalid, weil der Arbeitsdruck zunimmt. Die seit Anfang der 1990er Jahre in allen Industrieländern stark ansteigende Zahl der psychisch Invaliden sieht Sheldon nicht als Folge einer zunehmenden Überforderung der Menschen, sondern vielmehr als Konsequenz des schrumpfenden Angebots an anspruchslosen Tätigkeiten. «Die Hälfte der Invaliden sind niedrig qualifiziert. Zudem sind auffällig viele Ausländer arbeitsunfähig. Das korreliert mit ihrem bisher niedrigen durchschnittlichen Bildungsstand», sagt er.
Im Jahr 2005 wurden denn auch 24% der Neurenten Ausländern in der Schweiz und 15% Ausländern im Ausland zugesprochen. «Nicht wenige dieser Leute dürften erst durch schwindende Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt psychisch krank geworden sein», glaubt Sheldon. Verstärkte Eingliederungsanstrengungen sollen nach seiner Meinung diesbezüglich Abhilfe schaffen.

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Die Altersarbeit kommt sowieso

Eher gelassen sieht er dagegen dem drohenden Arbeitskräftemangel entgegen. Die Panikmache von Rudolf Stämpfli – seines Zeichens Präsident des Arbeitgeberverbandes – wiegelt Sheldon ab. Stämpfli warnt regelmässig, ab dem Jahr 2015 würden in der Schweiz als Folge der Überalterung zu wenige Menschen arbeiten, um die Volkswirtschaft in Schwung zu halten. Als Gegenmassnahme fordert der Arbeitgeberverband eine stärkere Förderung der Altersarbeit.
«Solche Appelle sind gut gemeint, aber treffen oft auf taube Ohren. Die Personalpolitik der Firmen ist ohnehin nicht stark altersorientiert», ist Sheldon überzeugt. «Die Statistik zeigt, dass die Arbeitgeber immer die Altersstruktur beschäftigt haben, die sie vorfanden.» Gäbe es dereinst mehr alte Arbeitskräfte, würden Unternehmen auch vermehrt auf sie zurückgreifen.
Der Staat solle allerdings versicherungstechnisch keine Anreize für einen frühzeitigen Rückzug aus dem Erwerbsleben schaffen, sondern längeres Arbeiten belohnen. Für vielversprechend hält Sheldon ein Lebensarbeitszeitmodell. Bei Lebensarbeitszeitmodellen wird statt eines festen Pensionsalters eine bestimmte Anzahl Jahre Erwerbstätigkeit vorgegeben. Personen mit kürzerer Ausbildung können früher in den Ruhestand treten.

Statistik lässt hoffen

«Eine solche Flexibilisierung des Pensionsalters funktioniert und wird nicht zu einer Arbeitslosenfalle für Ältere», glaubt Sheldon. Die Statistik lässt Hoffnung zu: Immerhin sind schon heute – entgegen allen Unkenrufen – Menschen mit steigendem Alter am wenigsten gefährdet, arbeitslos zu werden. Das Risiko für Arbeitslosigkeit sinkt von 0,4% für die Altersklasse 20 bis 44 Jahre auf unter 0,25% für die über Fünfzigjährigen.

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Fakten

Zur Person

George Sheldon Der 59-jährige Leiter der Forschungsstelle für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomik an der Universität Basel ist Autor diverser Studien, etwa von «Arbeit in der alternden Gesellschaft: Der Arbeitsmarkt für ältere Menschen in der Schweiz», «Der berufsstrukturelle Wandel der Beschäftigung in der Schweiz, 1970–2000», «Die Langzeitarbeitslosigkeit in der Schweiz» oder «Die berufliche Flexibilität im Spiegel der Zeit».

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Arbeitsmarkt

Die Probleme
Einerseits bleibt in der Schweiz trotz sinkender Arbeitslosigkeit eine Sockelarbeitslosigkeit bestehen. Andererseits führt die demographische Entwicklung in den kommenden Jahrzehnten zu einer Abnahme der Arbeitskräfte, die nicht allein durch neu in den Markt eintretende junge Erwerbstätige kompensiert werden kann.

Sheldons Lösungen
• Langfristige Taggeldbezugsrechte vermeiden.
• Zwischenverdienste fördern.
• Gezielte Vermittlungsbemühungen bei arbeitsmarktlichen Problemgruppen.
• Steuerkredite einführen.
• Pensionsalter durch Lebensarbeitszeitmodell flexibilisieren.

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Bereits erschienen sind die Reformideen von Walter Wittmann, emeritierter Professor («Handelszeitung» Nr. 27). Nächste Woche erscheinen die Reformideen von Heinrich Brändli, emeritierter Professor für Verkehrsingenieurwesen der ETH Zürich.