Bertarelli bleibt. Das ist die einzig wirklich neue Erkenntnis, die die Medienmitteilung der Genfer Biotechfirma Serono vom Montag brachte. Darin erklärte das Unternehmen, der Versuch eines Verkaufs sei aufgegeben worden, nun wolle man selber zum Akquisiteur werden. Aber nachdem Serono am 31. März angekündigt hatte, autorisiertes Kapital in der Höhe von 7,6 Mio Aktien schaffen zu wollen, war für die meisten Beobachter bereits klar: Der Verkauf ist fehlgeschlagen, jetzt tritt die Eigentümerfamilie die Flucht nach vorne an.

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Kapitalschaffung kein Bluff

Dass die Aktie am Montag um 8% abstürzte und am Dienstag erneut unter Druck kam, liegt in der Natur der Börse. Es gibt Investoren, die Wetten eingehen. Einige haben offenbar darauf gesetzt, dass die angekündigte Schaffung von zusätzlichem Kapital dazu dienen sollte, zögerliche Kaufinteressenten unter Druck zu setzen. Das war ein Irrtum. Nun dürfte Serono Ausschau nach einer mittelgrossen Pharmafirma halten (siehe «HZ» Nr. 14 vom 5. April). Ernesto Bertarelli werde am Steuer bleiben, teilte das Unternehmen mit. Die nachdem spekuliert worden war, Bertarelli könnte mit einer Akquisition auch gleich noch einen Manager an Bord holen, der ihn auf dem Chefsessel ablöst.

Der «Casus Serono» zeigt vor allem eines: Mittelgrosse Biopharmafirmen sind ein Auslaufmodell. Deshalb hat Crucell Berna Biotech übernommen und Bayer Schering. Wer Forschung, Entwicklung, Produktion und Vertrieb selber an die Hand nehmen will wie Serono, braucht eine kritische Grösse.

Denn dann muss man die teuren Firmenstrukturen mit immer neuen Medikamenten auslasten können. Und die Chancen, dass ein Medikament nachrückt, sind nun einmal verschwindend klein. Selbst wenn ein Wirkstoff einmal über die Tierversuchsphase hinauskommt, beträgt die Wahrscheinlichkeit immer noch 10:1, dass er in den klinischen Versuchen am Menschen versagt.

Pfizer-Forschungs-Chef Peter Corr sagte dieser Zeitung kürzlich: «Die Anzahl Schüsse aufs Tor sind entscheidend.» Pfizer, der grösste Pharmakonzern, habe derzeit 235 Programme in der Entwicklung und bringe Jahr für Jahr 45 Wirkstoffe in die Klinik. Bei so vielen Projekten kann man Ausfälle verkraften.

Mehr Arbeitsteilung

Künftig wird es zu einer noch klareren Arbeitsteilung kommen: Kleine Biopharmafirmen entdecken Wirkstoffe, testen sie und beginnen mit der Entwicklung. Spätestens vor der letzten Entwicklungsphase, wenn der Wirkstoff an einer grossen Zahl von Menschen getestet werden muss, ziehen sie «Big Pharma» bei. Novartis und Co. bringen Kapital ein, Produktions- und Entwicklungs-Know-how, das auch die besonders heiklen Beziehungen zu den Gesundheitsbehörden einschliesst. Für den Vertrieb können die Pharmakonzerne ihre schlagfertigen Marketingmaschinerien in Gang setzen. Die Zukunft wird zeigen, ob Serono zu den Grossen aufsteigen kann.