Der Begriff «SOA» («Service Oriented Architecture») beschäftigt seit einigen Jahren die Informatikstrategien der Grossunternehmen. Das typische KMU steht dem Kürzel demgegenüber einigermassen ratlos gegenüber, zumal die theoretischen Abhandlungen zum Thema meist wenig mit dem Alltag kleiner und mittlerer Betriebe zu tun haben. In ihrer strengen Definition ist die serviceorientierte IT-Architektur denn auch tatsächlich kein Thema für KMU. Ihre Umsetzung erfordert finanzielle und fachliche Ressourcen, über die sie schlicht nicht verfügen.

In Form von vorgefertigten Applikationspaketen, von Anwendungsvariationen des Service-Gedankens und der fundamentalen organisatorischen Prinzipien ist SOA aber durchaus auch für durchschnittliche Schweizer Unternehmen von Bedeutung. Denn SOA ist letztlich nichts anderes als die Umsetzung einer prozessorientierten Geschäftsführung auf der Ebene der Informatikinfrastruktur. Zudem gründen moderne Web-2.0-Technologien oder das SaaS-Modell (Software as a Service) – die Miete von Software über das Internet – auf den gleichen Prinzipien.

Mobile Ticketing per sofort

Wo der mögliche Nutzen einer serviceorientierten Architektur liegen kann, lässt sich am besten an einem Beispiel zeigen, das die meisten aus eigener Erfahrung kennen: Die SBB haben ihre unterschiedlichen Verkaufskanäle, von den Schaltern und Ticketautomaten in den Bahnhöfen über die Website bis zum Zugpersonal und den Reisebüros in einem System zusammengefasst, das jedem Channel die identischen Dienste in einer an seine Bedürfnisse angepassten Form zur Verfügung stellt. Dies wurde möglich, indem zwischen die Grundlagensysteme – wie Fahrplan, Pricing-Engine, Verkaufssystem, Bezahlungssysteme, Prepaid-Artikel- oder das SAP-System – und die Verkaufspunkte eine Service-Schicht gelegt wurde. In dieser wurden die einzelnen Dienste, die für den Erwerb von Fahrkarten benötigt werden, so definiert, dass sie für alle Verkaufskanäle Gültigkeit haben. Für den einheitlichen Zugriff durch die einzelnen Kanäle wurden Schnittstellen geschaffen, die auf SOA-Standards beruhen.
Der grosse Vorteil dieser Architektur wird dann offensichtlich, wenn ein neuer Channel erschlossen werden soll. So konnten die SBB den Ticketkauf per Handy, das sogenannte Mobile Ticketing, in kürzester Zeit realisieren, denn die nötigen Services standen bereits alle allgemeingültig zur Verfügung. Die Handy-Plattform musste nur noch über die standardisierten Schnittstellen angeschlossen werden. In einer herkömmlichen IT-Infrastruktur hätten die Verbindungen des mobilen Verkaufskanals aufwendig an jedes einzelne Grundsystem über dessen individuelle und meist auf unterschiedlichen Technologien beruhenden Schnittstellen programmiert werden müssen.
Was für die SBB Sinn macht, nützt auch vielen KMU. So kann grundsätzlich jeder Handelsbetrieb durch eine vergleichbare Architektur seine Flexibilität bezüglich neuer oder sich wandelnder Verkaufskanäle erhöhen. Dafür muss er sich aber nicht zwangsläufig selber mit der SOA-Technologie auseinandersetzen. Dies ist im KMU-Umfeld vielmehr die Aufgabe des ERP-(Enterprise Resource Planning-)Herstellers, sagt auch Marcel Siegenthaler, Dozent am Institut für Business Engineering der Fachhochschule Nordwestschweiz und Mitveranstalter der Business-Software-Messe Topsoft. Der Software-Hersteller muss in der Architektur seiner Applikationen die im jeweiligen Umfeld des Kunden benötigte Flexibilität sicherstellen. Dass heute viele Anwendungshersteller ihre Produkte in Richtung SOA umbauen, hat aber, laut Siegenthaler, noch einen anderen Grund: Die Definition von zentralen Diensten, auf die alle Progammteile zugreifen, ist für sie ein Mittel zur Kostensenkung, denn sie können so diese Teile immer wieder verwenden.
Die Architektur ist für ein KMU vor allem ein Faktor bei der Softwareauswahl, so Siegenthaler weiter. SOA-basierte Lösungen lassen sich im Allgemeinen einfacher an spezifische Anforderungen anpassen. Dass heisst allerdings nicht, dass eine moderne Lösung für ein bestimmtes Unternehmen in jedem Fall besser sein muss. Ältere Anwendungen sind häufig funktional wesentlich ausgereifter, wie Siegenthaler aus langjähriger Erfahrung weiss.

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Integrieren und optimieren

Auch Stefan Thurow, der als Senior Architect bei Avanade tätig ist, einem Joint Venture von Accenture und Microsoft, sieht SOA bei KMU vor allem als Thema, wenn es um den strategischen Lieferantenentscheid geht. Applikationen, die auf den SOA-Standards beruhen, lassen sich im Normalfall besser integrieren, so Thurow. Dies erleichtert zum Beispiel auch das Outsourcing einzelner IT-Bereiche.
Für Thurow besteht die SOA-Thematik aber grundsätzlich aus zwei Komponenten. Die Software-architektur ist dabei nur der technologische Ausdruck eines grundlegenden, serviceorientierten Geschäftsmodells. Dabei wird ein Unternehmen zuerst anhand der einzelnen Geschäftsprozesse analysiert, und anschliessend werden Prozessoptimierungsmechanismen implementiert. Eine solche Organisation macht, laut Thurow, unabhängig von der Informatik für viele KMU Sinn.
Damit die IT die Prozessoptimierung technologisch umsetzen kann, rät Thurow den Unternehmen, sich auf dem Markt nach Angeboten umzusehen, welche die SOA-Technologie in vorgefertigten Paketen zur Verfügung stellen. Bei einer solchen Software sei auch die Gefahr kleiner, in einer technologischen Sackgasse zu enden, gibt Thurow zu bedenken.