Alle haben mit der SGS zu tun – Regierungen, Unternehmen, Konsumenten. Doch kaum jemand weiss es. Selbst der Genfer Milliardenkonzern beginnt sein eigenes Imagevideo mit der bezeichnendsten aller Fragen: «Was genau machen wir?»

Die SGS prüft, zertifiziert, inspiziert, kontrolliert und testet. Der Konzern prüft, ob die Billig-Sonnenbrille aus China den internationalen Normen für den Schutz vor UV-Strahlen genügt. Er zertifiziert die Compliance-Programme von Unternehmen. Er inspiziert, ob neue Staumauern die lokalen Bauvorschriften und Umweltvorgaben erfüllen. Er kontrolliert die Fahrtüchtigkeit der Londoner Taxis. Und er testet im Auftrag von Pharmafirmen Pillen. Dazu beschäftigt er über 70000 Angestellte und unterhält weltweit gegen 1400 Büros und Labors. Mit demnächst 5 Milliarden Franken Umsatz ist er die klare Nummer eins der Prüfbranche.

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Die SGS – früher als Société Générale de Surveillance bekannt – wächst seit einem Jahrzehnt wohl schneller und konstanter als jedes andere Schweizer Grossunternehmen. Organisch, aber auch durch Firmenkäufe und Übernahmen im Akkord. Allein dieses Jahr schluckten die Westschweizer zehn Firmen, im vergangenen Jahr waren es 22 Unternehmen. Die SGS ist ein eigentlicher Firmenstaubsauger.

Auch Kleinvieh macht Mist

Zuletzt kaufte die SGS Anfang Juli das belgische Unternehmen Exprimo. Seine 16 Mitarbeitenden erwirtschaften einen Umsatz von umgerechnet 4 Millionen Franken und beschäftigen sich mit Modellen und Simulationen für die Entwicklung von Medikamenten. Nur einen Tag zuvor meldeten die Genfer die Übernahme der brasilianischen Gravena. Mit 120 Angestellten testet und erforscht das Unternehmen Agrarprodukte direkt auf den Feldern. Der Umsatz liegt wie bei Exprimo bei knapp 4 Millionen Franken.

Die jüngsten Übernahmen sind typisch für die Strategie von SGS-Chef Christopher Kirk. Der Brite steht seit 2006 am Ruder und kaufte seither pro Jahr im Durchschnitt zehn Firmen. Und wie er diese Woche anlässlich der Präsentation der Halbjahresbilanz sagte, sei seine Pipeline möglicher Übernahmekandidaten «weiter gut gefüllt». Expansionschef Jean-Luc de Buman ergänzt, man wolle das zuletzt eingeschlagene Akquisitionstempo beibehalten. Investiert werde aber nicht mit der «Giesskanne», so de Buman. «Wir kaufen Technologien, die wir noch nicht haben.» Vontobel-Analyst Jean-Philippe Bertschy erwartet dabei, dass die SGS demnächst auch grössere Übernahmen ankündigt. Kirk will den Umsatz um jährlich 13 Prozent steigern – trotz Euro-Krise und merklicher Abkühlung in Asien.

In ihrem Expansionsdrang nutzen Kirk und de Buman die Eigenheiten des Marktes geschickt aus. Wie kaum ein anderer Sektor ist das global rund 80 Milliarden Franken umfassende Warenprüfgeschäft stark zersplittert (siehe Kasten). Wenige Grosse stehen einer Unzahl winziger Mitspieler gegenüber. Gemäss einer Marktanalyse der Berenberg Bank vom Mai vereinigen die grössten fünf – notabene alles Milliardenkonzerne – nur gerade 17 Prozent des Branchenumsatzes auf sich. Selbst die Top 20 kommen nicht über einen Marktanteil von knapp 30 Prozent hinaus.

Das Feld für Übernahmen ist also noch riesig. Vor allem ist es in der Einschätzung von Berenberg-Experte Konrad Zomer gross genug, damit sich die SGS und ihre Hauptkonkurrentin Bureau Veritas aus Frankreich und Intertek aus Grossbritannien auf absehbare Zeit nicht in die Quere kommen. Konzernchef Kirk räumt ein, dass nicht um jeden Übernahmekandidaten mehrere Interessenten buhlen. Obwohl sich gerade SGS und Bureau Veritas einen Übernahmewettlauf liefern, sei genug Platz für zwei Grosse. So warteten die Genfer nach dem ersten Kontakt fast zehn Jahre, bis sie zur Übernahme von CIMM T&S schritten. Der führende Metallprüfer aus Chile wurde diesen Januar Teil der SGS.

Ohnehin ist das Wettbewerbsumfeld für die SGS «relativ gutartig», wie Branchenkenner Zomer sagt. Die Eintrittshürden in den Markt sind extrem hoch. Wer eine Rolle spielen will, braucht viel Kapital, um Labors und Lager aufzubauen und offizielle Zulassungen zu erhalten. Vor allem aber braucht er einen guten Namen, dem Auftraggeber vertrauen. «Letztlich verkauft die SGS Vertrauen», sagt Zomer.

Dieses erarbeitet man sich nicht über Nacht, sondern über Jahre und Jahrzehnte. Die SGS gibt es seit 1878. Damals gründete ein Einwanderer aus Lettland am Seine-Hafen der französischen Stadt Rouen ein Inspektionsbüro, um Getreidelieferungen zu überprüfen. Er verglich Menge und Qualität des Korns bei der Ankunft mit den Papieren und kam so Dieben und Betrügern auf die Spur. Entsprechend gefragt waren seine Dienste. Noch heute gehört die ursprüngliche Tätigkeit zum Kerngeschäft des Unternehmens, das erst während des Ersten Weltkriegs in die neutrale Schweiz nach Genf zog.

Künftig Nulltoleranz

Wie wichtig für die SGS das Kapital Vertrauen ist, zeigte sich Anfang der 1990er-Jahre. Damals soll das Unternehmen in eine Korruptionsaffäre in Pakistan verwickelt gewesen sein. Mitarbeiter hätten Offizielle und Politiker geschmiert. Die Affäre wurde über Vergleiche aus der Welt geschafft, schadete dem Ansehen und den Zahlen der Genfer aber enorm. Die SGS führte in der Folge eine Nulltoleranzpolitik ein und gilt seither als sauber. Auch ehemalige Mitarbeiter aus der SGS-Compliance-Abteilung attestieren der Firma heute ein tadelloses Geschäftsgebaren. Selbst die Weltbank empfiehlt ihren Mitgliedsländern, die mit korrupten Beamten kämpfen, die Dienste der Genfer als Mittel gegen Bestechung einzusetzen.

Das zahlt sich für den Weltmarktführer aus. Im vergangenen Jahrzehnt verdoppelten sich der Umsatz und die Zahl der Mitarbeitenden. Den Reingewinn haben die Genfer gar verfünffacht.

Davon profitieren insbesondere die Aktionäre, welche die SGS dominieren. Es sind die Familienclans von Finck aus Deutschland und Agnelli aus Italien. Die Agnellis lenken etwa den Autobauer Fiat, den Fussballklub Juventus Turin und den Immobilienkonzern Cushman & Wakefield. Die von Fincks sind in der Schweiz beim Hotelunternehmen Mövenpick und beim Industriekonzern Von Roll engagiert. Beide Familien halten je rund 15 Prozent der Aktien, beide haben je drei Vertreter im achtköpfigen Verwaltungsrat.

Die Familien bestimmen damit die Dividendenpolitik der SGS. Diese hat es in sich. Letztes Jahr schüttete das Unternehmen 93 Prozent des Gewinns an die Aktionäre aus, in den zwei Jahren zuvor war es unwesentlich weniger. Das schenkt ein. Die letzte Auszahlung der SGS füllte die Familienkassen der Agnellis und der von Fincks mit je gut 75 Millionen Franken.

Was genau macht also die SGS? Prüfen, zertifizieren, inspizieren, kontrollieren, testen – und damit viel Geld verdienen. Und natürlich Firmen kaufen.

Warenprüfung: Tummelfeld für Anbieter

Fragmentierter Markt
Die Kontrolleure von Rohstoffen, Waren und Dienstleistungen setzen jährlich 80 Milliarden Franken um. Der Markt ist stark fragmentiert. Der Anteil des weltgrössten Anbieters, der Genfer SGS, beträgt nicht einmal 4 Prozent (siehe Grafik). Die fünf bedeutendsten Unternehmen kontrollieren zusammen gerade einmal 17 Prozent des Marktes.

Interne Prüfung
Einen Grossteil der Warenprüfungen nehmen die Produktehersteller selber vor. Analysten der französischen Grossbank Société Générale schätzen, dass nur ein Drittel des gesamten Prüfvolumens überhaupt an professionelle Kontrolleure outgesourct ist. Das wird sich laut den Experten ändern. Höhere gesetzgeberische Anforderungen und gestiegene Qualitätsansprüche der Konsumenten würden Hersteller zwingen, ihre P rodukte extern prüfen zu lassen.

Hauptsache gross
Entsprechend wittern die Warenprüfer hohes Wachstumspotenzial. Grösse und ein breites Angebot sind für die Prüffirmen von zentraler Bedeutung. Wer in möglichst vielen Märkten am meisten Kontrollen und Zertifizierungen anbieten kann, hat am meisten Aufträge. Marktleader SGS ist denn auch intensiv auf Einkaufstour und kündigt zeitweise täglich Zukäufe an (siehe Hauptartikel). Auch die Nummer zwei ist auf Expansionskurs. So schliesst die französische Bureau Veritas immer näher zur Genfer SGS auf. Beide sind börsenkotiert – eine Ausnahme.

Prüfende Stiftungen
Neben den börsenkotierten Firmen wird der Markt von vielen privaten Firmen geprägt und von etlichen Stiftungen. Über 40 Prozent der Kontrolleure haben diese Rechtsform. Die deutsche Dekra, Nummer drei im Markt, ist eine Stiftung, die vor allem im Automobilsektor stark ist und über 20000 Mitarbeiter in mehr als 50 Ländern beschäftigt.

Technische Vereine
Ebenfalls mit den Grossen mischen die deutschen TÜV (Technische Überwachungsvereine) mit. Hatte nach der Gründungsphase im 19. Jahrhundert jede Region ihren eigenen TÜV, so sind heute vor allem TÜV Süd und TÜV Nord bedeutend. Der TÜV Süd setzt mit 17000 Mitarbeitern 1,7 Milliarden Euro um. Sein Hauptmarkt ist Deutschland und hier insbesondere die Automobilindustrie.

Tiefere Margen
Als Non-Profit-Organisationen weisen die TÜV und anderen Stiftungen tiefere Margen aus als die privaten und börsenkotierten Firmen. Während eine SGS operative Margen von 17 Prozent ausweist, liegen jene der TÜV bei knapp 10 Prozent. (bv)