Der traditionelle Tankwart erlebt in der Schweiz eine Wiedergeburt. Shell führt an ausgewählten Tankstellen den Service ein, den vor einigen Jahren die meisten Tankstellen aus Kostengründen abgeschafft haben. «Wir haben im vergangenen Jahr begonnen, den Service in der Schweiz auszurollen», bestätigt Edgar Bachmann, Tankstellen-Chef von Shell Schweiz. Zur Aufgabe des Tankwarts gehört tanken, Motorenöl und Wischwasser prüfen sowie die Frontscheibe reinigen.

Aktuell bietet Shell in der Schweiz an 22 Tankstellen den neuen Vollservice an, davon sind 14 in der Deutschschweiz und 8 in der Romandie. Es sollen noch mehr werden. Bachmann: «Unser Ziel ist es, den Service an ausgewählten Standorten kontinuierlich auszubauen.» Entscheidend sei eine hinreichende Frequenz von 400 bis 500 Kunden pro Tag. Shell hat an den insgesamt 411 Tankstellen in der Schweiz täglich durchschnittlich 55 000 Kunden.

Ob der Kunde den Service begleicht oder nicht, ist ihm überlassen. An der Kasse können dafür 2 Fr. bezahlt werden. «Das Service-Entgelt ist eine freiwillige Leistung», sagt Bachmann. Mit dem Service-Entgelt zahlt der Partner, der die Tankstelle betreibt, den Tankwart. «Die Entlöhnung richtet sich nach den ortsüblichen Ansätzen nach kantonsspezifischen Tarifen», sagt Bachmann. An den Stationen mit Tankwartservice sei sowohl der Treibstoffabsatz als auch der Absatz von Motoröl und Wischwasserzusätzen spürbar gestiegen.

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Der Shell-Manager hat zudem festgestellt, dass sich eine grosse Zahl von Autofahrern über sachkundige Hilfe beim Tanken freut und den Service auch zu honorieren bereit ist. «Über 90% tun dies freiwillig.» Derzeit nutzen gemäss Bachmann pro Monat 25 000 Kunden die Dienstleistung, das sind 1,5%. Zum Vergleich: In Deutschland bietet Shell den Vollservice seit 2006 an, mittlerweile an 750 Stationen. Pro Monat nutzen ihn 800000 Kunden.

Migrol will lieber expandieren

Bei der Konkurrenz beobachtet man das neue Angebot genau. Migrol-Chef Daniel Hofer attestiert: «Die Idee ist gut. Es gibt eine Klientel, welche darauf anspricht – Leute, die das dreckige Auto nicht unbedingt anfassen möchten.» Dies sei aber doch eine Minderheit und lohne sich nur bei grossen Tankstellen. Derzeit plant Migrol allerdings keinen solchen Service. Hofer will aber nicht ausschliessen, dass der traditionelle Tankwart in Zukunft auch bei ausgewählten Migrol-Tankstellen anzutreffen sein wird. In der Zwischenzeit hat der Migrol-Chef Expansionspläne und will in den nächsten Jahren jährlich 10 bis 15 Tankstellen eröffnen.

Bei der Nummer vier, BP, sprach man im vergangenen Jahr über eine gewisse Zeit die Frauen mit der Dienstleistung «Ladies First» an. «Der Service ist bei den Kundinnen gut angekommen», sagt Sprecherin Isabelle Thommen. Allerdings reichte die Nachfrage nicht, dass BP die Dienstleistung ganz einführte. «Wir sind zurzeit daran, etwas Ähnliches zu planen – und zwar im Zusammenhang mit unserem Treibstoff BP Ultimate», sagt Thommen, «wir verkaufen Premium-Treibstoffe und wollen auch einen Premium-Service bieten.» Die Aktion soll aber temporär sein und lokal begrenzt.

«Nur die Kosten hindern uns»

Auch Marktführer Avia «studiert an einem künftigen vollumfänglichen Service herum», wie Sprecher Max Baumgartner sagt. «Nur die Kosten hindern uns noch.» Avia weiss um die preissensiblen Kunden. Schon eine leichte Erhöhung der Benzinpreise mache diese unzufrieden, sagt Baumgartner. Ebenso verzichtet Agrola, die Nummer zwei bezüglich Anzahl Tankstellen, auf den Vollservice. Trotz Zurückhaltung bei der Konkurrenz ist Shell-Manager Bachmann von der eigenen Strategie überzeugt: «Mit dem Vollservice wollen wir unsere Position im Schweizer Tankstellenmarkt ausbauen.»

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