Der Ölpreis ist seit Monaten im freien Fall. Liegt es nur an der Nachfrage, die wegen der Wirtschaftskrise eingebrochen ist?
Eugen Weinberg: Der Preisverfall liegt in erster Linie an der fehlenden Nachfrage. Sie ist so schwach wie nie zuvor. Der Nachfragerückgang betrug im März und April bis zu 30 Prozent gegenüber dem Niveau der Monate davor. Das ist historisch und kann mit keiner Angebotsbeschränkung aufgefangen werden.

Eugen Weinberg Commerzbank

Der Rohstoffexperte Eugen Weinberg arbeitet als Head of Commodities Research für die Commerzbank.

Quelle: ZVG

Sie sprechen die Förderbremse der Opec-Mitgliedsländer und Russlands an. Ihre Vereinbarung, weniger Öl zu fördern, hat die Preise kaum beeinflusst. Wieso?
Das Ausmass der vereinbarten Kürzungen ist zu klein, um den massiven Nachfragerückgang von täglich bis zu 30 Millionen Fass auszugleichen. Falls die Vereinbarung wie beschlossen umgesetzt wird, sprechen wir von einem Produktionsrückgang von 10 Millionen Fass, das reicht nicht. Hinzu kommt der andauernde Preiskrieg.

Nicht alle halten sich an die Vereinbarung, weil sie einen doppelten Effekt hinnehmen müssen: Sie können weniger produzieren und erhalten für dieses Öl auch noch einen tieferen Preis.

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Dass die Vereinbarung nicht hält, liegt aber vor allem an Saudi-Arabien. Obwohl es zu einer Einigung gekommen ist, hat Saudi-Arabien seinen Kunden grössere Rabatte offeriert. Es hat das Kriegsbeil mit Russland nicht begraben.

Die Vereinbarung funktioniert nicht, weil manche Produktionsländer nicht auf Öleinnahmen verzichten können, und Saudi-Arabien den Deal sabotiert?
Genau. Auf dem Papier sah die Einigung gut aus. Faktisch befinden wir uns aber immer noch in einem Preiskrieg. Wenn Russland sich wie Saudi-Arabien auch nicht an die Förderbremse hält und massiv mehr produziert, könnte der Ölpreis im Juni sogar noch tiefer fallen.

Wieso spielt es eine Rolle, ob sich Russland an die Förderbremse hält? Die Vereinbarung reicht ja nicht aus, um die fehlende Nachfrage auszugleichen.
Sie hätte nicht ausgereicht, aber sie hätte geholfen, diese Situation, in der die Öllager bald voll sind, länger auszuhalten. Es fehlen bald die Möglichkeiten, überschüssiges Öl zu lagern.

Die Produzenten müssen die Frage beantworten, wo dieses Öl hinfliessen soll. Die Überproduktion beträgt momentan etwa 20 Million Barrel pro Tag. Um das Gleichgewicht auf dem Ölmarkt wieder herzustellen, müsste entweder die Nachfrage gewaltig steigen, oder die Produktion massiv sinken.
 
Beide Entwicklungen sind ja momentan nicht zu erwarten. Und wie reagieren die Hersteller auf diese Situation?
Sie müssen erfinderisch werden, sie können das Öl ja nicht einfach ins Meer kippen. Wenn jetzt in einigen Ländern die Produktion eingestellt wird, gehen diese Vorkommen für den Ölmarkt für immer verloren. Ein Teil der Ölreserven wird somit nie erschlossen werden.
 
Die Produzenten verzichten auf Investitionen, um neue Ölfelder zu erschliessen. Wird dies langfristig wieder zu einem steigenden Ölpreis führen?
Der Ölpreis wird nicht für immer bei unter 20 Dollar pro Fass verharren. Wenn die Corona-Krise irgendwann einmal überwunden ist und wir wieder zu Reisen beginnen, dürfte der Ölpreis steigen. Die Entwicklung des Preises hängt ja in erster Linie vom Verkehr und Transport ab.  Wenn die Wirtschaft wieder wächst, wird mehr produziert, konsumiert und gehandelt.
 
Schafft dieser Ölpreisverfall nur Verlierer, oder gibt es Gewinner?
Zu den Verlierern gehören sämtliche Produzenten – Russland, Saudi-Arabien oder auch die US-amerikanischen Ölförderer. Wer seine Marktanteile vergrössern kann, wird langfristig profitieren. Aber kurz- und mittelfristig verlieren alle.

Die Gewinner sind Länder wie China, die derzeit in den Genuss dieser günstigen Preise kommen. In China scheint sich die wirtschaftliche Situation ja am schnellsten zu normalisieren.

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Chinesische Händler werden mehr Öl kaufen als die Wirtschaft benötigt und es einlagern. Auch die Schweiz, Deutschland und andere europäische Länder sind Importeure und erhalten günstigere Konditionen. Das könnte einen Konjunkturaufschwung – wenn er sich dann einstellt – stützen.
 
Welcher der Ölproduzenten wird seinen Marktanteil vergrössern können – ist es Saudi-Arabien?
Das wäre ein schwacher Trost. Auch wenn Saudi-Arabien jetzt vielleicht den Konkurrenten Russland an die Wand spielt, verzichtet das Land auf viele Milliarden Dollar an Einnahmen. Dieser Konkurrenzkampf ist teuer.
 
Die Kosten für Saudi-Arabien sind in jedem Fall höher als der Nutzen?
Das lässt sich noch nicht sagen. Kurz- und mittelfristig ist das sicherlich der Fall. Entscheidend ist, wie die sich die Ölnachfrage langfristig entwickeln wird.

Werden wir zum Verhalten der letzten Jahre zurückkehren, in denen die Umsätze der Flugindustrie jährlich mit zweistelligen Zahlen zulegten, in denen immer mehr Touristen mit Kreuzfahrtschiffen um die Welt reisen? Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, wird die Ölnachfrage wieder steigen.

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