Wenn es um Top-Ökonomen und die ETH Zürich geht, denken die meisten Leser unweigerlich an Jan-Egbert Sturm (40), den Leiter der Konjunkturforschungsstelle (Kof). Doch der Holländer mit Professur für Angewandte Wirtschaftsforschung ist nicht die einzige Ökonomie-Koryphäe der Hochschule. Renate Schubert (54) gehört zweifellos in die gleiche Liga. Die Deutsche mit Professur für Nationalökonomie leitet seit Beginn seines Bestehens das Institute for Environmental Decisions (IED), das sie vor drei Jahren mit fünf Berufskollegen hier gegründet hat.

Sie ist eine der wenigen Ökonominnen, die es weit gebracht haben. Schubert findet aber nicht, dass sie sich wesentlich von ihren Mitstreitern unterscheidet. «Die Grundsatzfragen sind dieselben.» Trotzdem ortet sie eine Differenz: «Als Ökonomin in leitender Funktion wird man für etliche Komitees angefragt, damit auch eine Frau vertreten ist. Die Männer können besser auch mal nein sagen. Ich bin in vielen Gremien dabei und muss aufpassen, dass ich noch alles sinnvoll managen kann.»

Sie stellt sich konkreten Themen

Zum Unterschied zwischen Kof und IED erklärt sie: «Wir sind nicht als Makroökonomen aktiv, sondern arbeiten interdisziplinär. Wir beschäftigen uns vor allem mit Mikroökonomie.» Ein Berührungspunkt der Institute sind deren Büros an der Weinbergstrasse 35, unterhalb des Hauptgebäudes der ETH. Daneben halten Sturm und Schubert regelmässig Vorlesungen, die mittlerweile fest im Lehrplan der Hochschule verankert sind. «Dies ist deshalb etwas speziell, weil wir Ökonomen sind und das Kerngeschäft der ETH nicht in dieser Disziplin liegt, sondern in Naturwissenschaft und Technik», betont Schubert, die ein klares Ziel für die Lehre verfolgt: «Ich versuche, unseren Studierenden gesellschaftlich-wirtschaftliches Back-up für ihre Karrieren mitzugeben.»

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Spass bei dieser Arbeit verspürt sie, weil sie inzwischen viel mehr interdisziplinär mache, als sie ursprünglich gedacht habe. «Die meisten grossen Probleme der Welt sind eben nicht mehr nur mit einer Disziplin zu lösen.» Hier kommt ihr eingangs erwähntes IED ins Spiel.

Schubert führt aus: «Wir arbeiten mit den Naturwissenschaftlern zusammen, die uns sagen, wie sich das Klima in Zukunft entwickeln wird. Ebenso mit den Ingenieuren, die uns sagen, welche neuen Technologien sie für die Umwelt haben. Aber auch mit den übrigen Sozialwissenschaftlern, um herauszufinden, wie sich Institutionen sowie Anreize verändern müssen, damit mehr in Richtung umwelt- und klimaverträgliche Gesellschaft getan wird.» Den Wirtschaftsaspekt umschreibt Schubert wie folgt: «Ökonomie spielt insofern hinein, weil man sich überlegen muss, wie man Schritte in Richtung auf eine Dekarbonisierung der Wirtschaft und Gesellschaft finanziert. Die Kernfrage lautet: Was kostet es? Parallel dazu gilt es abzuklären, welche Massnahmen aus ökonomischer Sicht besonders effizient sind und vorrangig durchgeführt werden sollten. Es geht also immer in Richtung von Kosten-Nutzen-Analysen.»

Renate Schubert beschäftigt sich mit ihrem Team vor allem mit den anreizorientierten Themen. Sie fragt sich etwa: «Wie kommen Entscheidungen von Verbrauchern oder von Investoren zustande? Warum sind die in der Realität beobachtbaren Entscheidungen oft nicht optimal?» Sie weist darauf hin, dass dies gemäss der reinen Logik der Ökonomie nicht einfach erklärbar ist: «Wir kennen viele tolle Strategien, wie man sich umweltfreundlicher und klimaverträglicher verhalten kann, doch wenig davon wird bislang umgesetzt.»

Prognosen sind weniger ihr Ding

Welche Barrieren es zu überwinden gelte, untersuche das IED für unterschiedliche Akteure: Von Privathaushalten über Industrieunternehmen bis zu Regierungsinstitutionen. Wichtig ist Schubert: «Wir suchen und pflegen den Dialog mit den Entscheidern, um ihnen konkreten Rat zu geben. Wir machen nicht nur Papers für Journals, sondern wir gehen auch an die Basis.»

Weniger ihr Ding sind Vorhersagen, räumt Schubert ein. «Beim Klima spielen Prognosen schon eine gewisse Rolle. Wir sind jedoch mehr daran interessiert, welche Verhaltenshintergründe sich hinter einem Problem verbergen. Warum etwa kaufen die Leute so wenig energiesparende Geräte, die in der Anschaffung zwar teurer, im Verbrauch aber billiger als konventionelle Geräte sind? Offenbar schreckt sie der hohe Kaufpreis ab - weshalb?»

So gesehen versuche das IED, ebenfalls Informationen zu Indikatoren abzugeben. «Sie sind einfach kleinskaliger als die der Kof», sagt Schubert. Und: «Wir brauchen gute empirische Studien, um schliesslich auch der Politik vernünftige Empfehlungen abgeben zu können. Wenn die Preise für energiesparende Geräte nach unten gehen, werden die Konsumenten darauf vermutlich mit einer stärkeren Nachfrage reagieren. Dies ist aber eine ganz andere Art von Prognose, als zu sagen: Die Konjunktur der Schweiz springt 2010 wieder an.»

Ein anderes Thema, das am IED erforscht wird, ist das Risiko. «Dabei geht es auch um Prognosen. Wir beschäftigen uns etwa mit dem Anlageverhalten von Frauen und Männern, hier speziell mit Risikowahrnehmung und -einstellung. Es geht etwa darum, welche Unterschiede es in dieser Hinsicht zwischen Frauen und Männern gibt.» Mit dieser Art von Fragen landet Schubert dann auch bei der Wirtschaftskrise: «Es zeigt sich, dass Portfolios und Unternehmen, die von Frauen geführt werden, im Schnitt besser durch die Krise kommen als diejenigen, die lediglich in Männerhand liegen.»

Ist der Mann an der Krise schuld?

Schubert ergänzt: «Frauen sind vorsichtiger und überschätzen sich weniger als Männer. Sie haben im Schnitt nicht sehr viele Kredite vergeben, von denen sie eigentlich wussten, dass sie ‹faul› sind und nie zurückgezahlt werden können.» Hierzu gebe es einiges an empirischem Input: «Etwa von Bankern, die mir gesagt haben, dass sie derartige Beobachtungen machen.» Das IED sei nun daran, die These zu untersuchen, «ob wir weniger tief in die Krise gekommen wären, wenn mehr Frauen das Sagen hätten». Schubert geht allerdings nicht davon aus, dass die Krise durch mehr Frauen in Führungspositionen komplett hätte vermieden werden können.

Mehr Frauen für Kaderpositionen

Bereits vor 16 Jahren hat Renate Schubert ein Buch unter dem Titel „Ökonomische Diskriminierung von Frauen – Eine volkswirtschaftliche Verschwendung“ veröffentlicht. Heute stellt sie fest, dass sie ihr Werk quasi unredigiert neu auflegen könnte. „Das einzige, was sich verändert hat, ist das allgemeine gesellschaftliche Verständnis, dass Frauen gleichgestellt sein sollen wie Männer. In einer ebenbürtigen Entlöhnung schlägt sich das allerdings nicht durch.“
Auch der Anteil der Frauen im Top-Management sei nach wie vor äusserst gering. Schubert wünscht sich, „dass noch mehr Frauen es nach ganz oben schaffen. Schliesslich wissen wir, dass die gemischtgeschlechtlichen Teams oft besonders gut sind. In Krisenzeiten sind die Frauen mit ihrer Vorsicht und Sorgfalt wichtig. Wenn es gut läuft, bringen Männer mit ihrer Spiellust entscheidende Impulse in die Wirtschaft. Ein gesunder Mix kann daher als vorteilhaft für die Gesellschaft insgesamt angesehen werden.“

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