André Dosé (45) rückt vom letztjährigen dritten Platz zum «Unternehmer des Jahres 2002» auf. Der Swiss-Chef löst Jens Alder ab, der als CEO von Swisscom im vergangenen Jahr die Spitzenposition einnahm. Bei der «HandelsZeitung»-Umfrage unter den 135 Mitgliedern des Clubs Zürcher Wirtschaftsjournalisten platzierte sich Dosé in einer knappen Ausmarchung vor Hansueli Loosli von Coop und Nestlé-Chef Peter Brabeck. 65 Journalistinnen und Journalisten haben sich an der Wahl beteiligt und jeweils die Plätze 1 (3 Punkte), 2 (2 Punkte) und 3 (1 Punkt) vergeben.

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Im Chefsessel der neuen Swiss International Airlines gehört Dosé zu den am intensivsten beobachteten Wirtschaftsführern des Landes. Bisher hat es der gebürtige Berner mit Bravour verstanden, ein von inneren und äusseren Turbulenzen durchgeschütteltes Luftschiff einigermassen ruhig zu steuern. Das hat ihm nun auch zur Auszeichnung als «Unternehmer des Jahres» verholfen. Seine offene Sprache ebenso wie sein Realitätssinn kommen in der breiten Öffentlichkeit gut an. Dabei steht dem früheren Piloten ein hartes Stück Arbeit erst noch bevor. Auch im nächsten Jahr sind weitere Restrukturierungen nötig, damit eine durch den Staat und die Privatwirtschaft reichlich kapitalisierte Gesellschaft nicht bald dem «Burn-out»-Syndrom unterliegt.

In seinem hektischen Job dürfte sich der einstige Luftverkehrslehrling mit Wehmut an die eigene Pilotenzeit in den USA zurückerinnern. Da hob er mit Sprühflugzeugen stundenlang zur sorgenfreien Pflichterfüllung ab. Heute muss er sich immer wieder mit den Pilotengewerkschaften um Löhne und andere Konditionen balgen. Sein beruflicher Background und die besonnene Art der Verhandlungsführung liessen Dosé im garstigen Wirtschaftklima wie ein Fels in der Brandung erscheinen.

Kann Aufsteiger Dosé den Businessplan einhalten und die Swiss bis Ende des nächsten Jahres operativ in die schwarzen Zahlen führen? Fast alles spricht dagegen. Am Goodwill für den Mann an der Spitze allerdings fehlt es nicht. Nur ein Rezept kann für ihn zum Ziel führen: Der haushälterische Umgang mit den finanziellen Mitteln.

Hansueli Loosli (47) gilt als Shooting Star des Schweizer Detailhandels. Im laufenden Jahr hat der Coop-Chef gleich zweimal kräftig zugegriffen. Zunächst kaufte er im Frühling die Epa, und im Spätherbst kamen 28 Waro-Filialen dazu. Mit dem erworbenen Umsatz rückt die ewige Nummer zwei dem Marktleader Migros bedrohlich nahe. Innerhalb der nächsten zwei Jahre soll die traditionelle Epa als Markennamen verschwinden. Loosli setzt auf die eigene Warenhausformel Coop-City, in der ebenfalls ein Grossteil aller Waro-Verkaufsflächen aufgehen soll.

Der Kaufmann mit eidgenössischem Buchhalterdiplom weiss scharf zu kalkulieren. Um keine Bankkredite zur Finanzierung des ambitiösen Expansionsprogrammes aufzunehmen, hat er die nichtbetriebsnotwendigen Liegenschaften verkauft. Klugerweise konzentriert sich Loosli bei seinen Akquisitionen auf das Inland. Für das Ausland hegt er keine Pläne.

Obwohl nun eine intensive Integrationsarbeit mit Epa und Waro ansteht, versucht der Coop-Chef beim Kerngeschäft ebenfalls Akzente zu setzen. Er sieht vorab bei den Bio- und Convenience-Produkten ein nachhaltiges Wachstum. Forciert wird auch der neue Verkaufskanal Coop Pronto. Und weil er schneller als die Konkurrenz wachsen will, dürfte Loosli als Käufer bald wieder aktiv sein.

Peter Brabeck (58) hat bei Nestlé alle Karrierestufen durchlaufen, seit der Österreicher 1968 in der Niederlassung seines Heimatlandes startete. Vor zehn Jahren wurde der gelernte Ökonom in die Konzernleitung berufen und trat 1997 die Nachfolge von Helmut Maucher als Chef des Nahrungsmittelriesen an. Weil Brabeck auf dem Weg nach oben manchen Tiefschlag zu verdauen hatte, weist er sich in wirtschaftlich harten Zeiten als souveräner Konzernlenker aus.

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger stehen bei Brabeck nicht die Mega-Deals im Vordergrund. Der Nestlé-Chef konzentriert sich vielmehr auf eine laufende Abrundung der strategisch wichtigen Firmenteile. Käufe um jeden Preis gibt es beim kostenbewussten Brabeck nicht. Im Fall des amerikanischen Schokoladeproduzenten Hershey zeigte sich Nestlé an bestimmten Teilen des Konzerns interessiert, zog sich aber rasch zurück, als die Verkaufsabsichten in Übersee durch nationalistische Argumente blockiert wurden. Aktienanalysten und Anleger atmeten auf, als die Milliardentransaktion versandete. Trotzdem, die weltweite Einkaufstour wird speziell im Bereich Schokolade, Glacé und Mineralwasser weitergehen. Bei den anvisierten Objekten müssen die Zahlen stimmen, sonst greift er nicht zu. Die Börse weiss es zu danken.

Sergio Marchionne (49) bewirkte mit seinem Wechsel von Lonza an die Spitze der Société Générale de Surveillance (SGS) im Februar des laufenden Jahres ein Kursfeuerwerk an der Börse. Innerhalb weniger Monate kam es beim Genfer Warenprüfungsriesen fast zu einer Verdoppelung der Aktiennotierung. Dananch schwächte sich der Kurs im rauen Börsenklima zwar etwas ab, doch die Performance lässt sich zum Jahresschluss noch immer sehen. Die Anleger trauen dem kanadisch-italienischen Doppelbürger einiges zu, denn bereits in den Diensten der früheren Alusuisse-Lonza-Gruppe galt Marchionne als Anhänger des Shareholder Value. Nach dem Spin-off der Alusuisse übernahm er die Führung von Lonza. Danach kam der Ruf zur SGS. Der resolute Finanzspezialist mit einem Master of Business Administration der kanadischen University of Windsor hat den weiteren Umbau der zuvor eher behäbigen Prüfungsfirma vorangetrieben. Als der gestrauchelte Financier Martin Ebner bei der Lonza das VR-Präsidium abgab, rückte Marchionne trotz ähnlichen Ambitionen des gewichtigen Minderheitsaktionärs Christoph Blocher auf den Topjob nach. Auch für America's-Cup-Segler Ernesto Bertarelli waren die Kenntnisse des Schnelldenkers wichtig:Er holte ihn in den Serono-Verwaltungsrat.

Daniel Vasella (49) fokussiert Novartis erfolgreich auf die lukrative Pharmasparte. Health & Functional Food wurden in diesem Jahr abgestossen. Dafür möchte der studierte Arzt seinen Aktionsradius bei den Medikamenten über einen Megadeal mit dem Basler Nachbarn Roche entscheidend erweitern. Das von Martin Ebner erworbene Aktienpaket soll den Anfang für eine angestrebte Fusion markieren. Auch wenn Novartis mit dem Kauf von Roche-Inhaberaktien das Übernahmeterrain weiter ebnen sollte, muss sich Vasella so lange in Geduld üben, bis die Erbenfamilien ennet dem Rhein nicht mehr auf die Unabhängigkeit pochen. Unter Analysten geniesst der Novartis-Konzernchef einen hervorragenden Ruf. Mit dafür verantwortlich sind eine reichlich gefüllte Medikamentenpipeline sowie Patente, die im Vergleich zur Konkurrenz später verfallen. Auch der Kauf des slowenischen Generika-Spezialisten Lek eröffnet neue Perspektiven auf diesem 100-Mrd-Fr.-Markt weltweit. Das Neunmonatsergebnis lässt sowohl im Pharmageschäft wie bei Animal Health auf deutlich höhere Verkaufszahlen für 2002 schliessen. Jetzt muss nur noch das Nettoergebnis über dem Vorjahr liegen, wie es jüngst angedeutet wurde, damit Vasella nicht nur in den USAweiterhin ein gefeierter Firmenlenker bleibt, der Kaufphantasien belebt.

Nelly Wenger (47) hat der von organisatorischen und finanziellen Turbulenzen geprägten Expo.02 durch ihre persönliche Ausstrahlung zum Publikumserfolg verholfen. Dabei war der früheren Chefin des Waadtländer Büros für Raumplanung der Weg zur Generaldirektorin der Landesausstellung keineswegs vorgezeichnet. Weder verfügte die in Marokko geborene Tiefbauingenieurin über eine politische Lobby, noch half ihr ein eng geflochtenes Netzwerk in der hiesigen Wirtschaft. Als die einst mehrköpfige Ausstellungsleitung im Herbst 1999 auf zwei Direktionsmitglieder zusammenschrumpfte, schlug die Stunde von Wenger. Die multikulturelle Leiterin der technischen Direktion sollte die arg verunsicherte Expo-Mannschaft neu motivieren und den Brückenschlag zwischen Deutsch- und Westschweiz sicherstellen. Das gelang ihr dank einer an der ETH Lausanne verfeinerten Analysefähigkeit und einem Führungsstil, der vor harten Entscheidungen nicht zurückschreckte. Gemeinsam mit dem Expo-Präsidenten Franz Steinegger verkörperte sie während gut fünf Monaten das Bild einer Landesausstellung, die bei der Bevölkerung nach anfänglicher Skepsis wohlwollend aufgenommen wurde. An der Expo-Spitze stand eine frühere ausländische Studentin, die später Schweizerin wurde.