Gilbert Achermann reiste Anfang Jahr gerade durch Afrika, als sein Handy klingelte. Am Apparat war Markus Altwegg. Der Verwaltungsratspräsident des Feinchemie-Konzerns Siegfried fragte an, ob Achermann nicht sein Nachfolger werden wolle.

Heute sitzt der 47-Jährige seit knapp vier Monaten auf dem Präsidentensessel des Zofinger Unternehmens. Zeit zur lockeren Einführung blieb keine. Der ehemalige Investmentbanker machte sich umgehend an die Strategieüberprüfung. Schon im Juni war er damit fertig.

Doch statt sich voll auf die Zukunft zu konzentrieren, muss sich Achermann mit Altlasten herumschlagen. Das Bonusprogramm, das seine Vorgänger aufsetzten, erntet rundherum Kritik. Das Aktienbeteiligungsprogramm gilt für ein Unternehmen mit 300 Millionen Franken Umsatz als überdimensioniert und teuer.

«Lottoschein für Manager»

Das Bonusprogramm enthält einen Mechanismus, den vor allem Banken und ­grosse Konzerne kennen. Verwaltungsrat und Management können zu einem festgelegten Preis Aktien kaufen. Erreichen sie vordefinierte finanzielle Ziele bei Unternehmenswert und Kapitalrendite sowie strategische Wegmarken, wird die Anzahl gekaufter Aktien gratis bis zu verviereinhalbfacht. So können aus 100 gekauften Aktien 450 Titel werden. Das Programm kostet Millionen.

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Insgesamt hat Siegfried 400'000 Aktien für das Programm geschaffen, was 32 Millionen Franken entspricht. «Das ist ein signifikanter Teil des Reingewinns», sagt ein Analyst einer Privatbank. Das stört umso mehr, als das Unternehmen in den letzten Jahren in einer tiefen Krise steckte und Verluste schrieb. 2010 betrug das Minus 4 Millionen Franken, 2009 gar 35 Millionen.

Erst in den letzten sechs Monaten fand Siegfried wieder in die Gewinn­zone. Doch wegen der Bonuskosten sehen einige Analysten nur beschränktes Aufwärtspotenzial in der Siegfried-Aktie – trotz des soliden Geschäftsverlaufs.

Kritisiert wird auch, dass Akquisitionen in der Zielerreichung eine wichtige Rolle spielen. Dies könnte zu Übernahmen verleiten, die keinen Mehrwert bringen, monieren Investoren. Denn gesperrt seien die Aktien des Managements nur vier Jahre. Zudem gehören Akquisitionen sowieso zur neuen Strategie von Siegfried.

Sehr hoher Hebel

Corporate-Governance-Experten beanstanden den Multiplikator von 4,5. Laut einer Studie von Hostettler, Kramarsch & Partner sind unter den grössten Schweizer Firmen solche hohen Hebel die absolute Ausnahme. «Die Hebelaktien sind ein Lottoschein für das Management und den Verwaltungsrat», bemängelt auch Hermann Stern, Chef des Zürcher Entlöhnungsspezialisten Obermatt. Die Firma bezahle den Schein, der Gewinn fliesse an die Führungskräfte. Denn die Ausschüttung sei nur wenig von der Leistung der Siegfried-Manager abhängig, sondern zum grössten Teil von der Börse, der Konjunktur und der Branche. «Das ist schlecht und nicht im Sinne der Aktionäre.»

Auch die vier Jahre Sperrfrist seien zu kurz, sagt Stern. «Das ist besser als nichts, aber bei weitem nicht eine vernünftige Sperrfrist.» Bei Siemens müsse die ganze Geschäftsleitung die erworbenen Aktien bis zur Pensionierung halten. Positiv sei allerdings, dass die Siegfried-Führungskräfte gezwungen würden, sich in das ­Aktienprogramm einzukaufen.

Präsident Achermann verteidigt das Programm seiner Vorgänger. «Das Management profitiert dann, wenn es für die Aktionäre Mehrwert schafft», sagt er. Diese hätten den Plan an der Generalversammlung 2011 mit grosser Mehrheit unterstützt. «Der Hebel entspricht den ambitiösen Zielen und dem erheblichen finanziellen Engagement, das Management und Verwaltungsrat erbringen müssen.»

Längere Sperrfristen hält Achermann nur ­nötig, wenn die Teilnehmer keine privaten Mittel einzahlen müssten. Es dauere acht Jahre, bis die letzten Aktien frei würden. Und von den 400000 geschaffenen Aktien würden maximal 300000 zugeteilt, sofern 100 Prozent der Ziele erreicht würden.

Strategie: Grösser und billiger

Wie hoch diese Ziele genau sind, legt Siegfried allerdings nicht offen. Hier sieht auch Achermann Handlungsbedarf: «Wir müssen im Bonusprogramm mehr Transparenz schaffen, insbesondere was die Ziele betrifft», sagt er. Das sei für den nächsten Geschäftsbericht im nächsten Frühling vorgesehen.

Vorerst hat der neue Präsident aber die Strategie umzusetzen: Kosten senken, wachsen, Produktionsstandorte optimieren. Günstiger produzieren will Achermann mittels einer Übernahme in Asien. «Die Verhandlungen sind in fortgeschrittenem Stadium», sagt er. Ziel ist es, noch dieses Jahr zum Abschluss zu kommen. Dann könnte Siegfried die Kosten der chemischen Produktion um bis zu 50 Prozent senken.

Der Zukauf hilft Achermann auch punkto Grössenziel. In den nächsten fünf Jahren will er aus den 300 Millionen Franken Umsatz 500 Millionen Franken machen. Siegfried will es damit unter die Top fünf der Branche bringen. Erreicht werden soll das auch durch neue Technologien. «Gerade im Schweizer Werk wollen wir vor allem anspruchsvolle fertige Medikamente entwickeln», sagt Achermann. Das bringe höhere Margen.

Der Drang nach Grösse birgt Risiken. «Die Akquisition werthaltig umzusetzen und die Strategie zum Erfolg zu bringen, das ist anspruchsvoll», sagt Achermann. Kommt dazu, dass Siegfried heute unter Überkapazitäten leidet. Das zeigt sich im hohen Abschreibungsbedarf. «Ziel muss es sein, die Auslastung der Anlagen auf ein höheres Niveau zu bringen.»