Da kommt bei den Aktionären keine Freude auf: Seit dem Amtsantritt von Siemens-Chef Peter Löscher ist der Wert von Siemens an der Börse um rund 37 Mrd Euro geschrumpft. Vergangenen Montag ging es dann richtig abwärts: Nach einer Gewinnwarnung brachen Siemens zeitweise über 10% ein. Löscher und Finanzvorstand Joe Kaeser nutzten den Preisverfall und deckten sich privat mit Siemens-Titeln ein. Allein der Konzernchef machte dafür 3,3 Mio Euro locker.

Verfehlte Erwartungen

Bislang war der Konzern für das laufende Geschäftsjahr, das jeweils am 30. September endet, davon ausgegangen, den Umsatz doppelt so stark zu steigern, wie die Weltwirtschaft wachse. Das operative Ergebnis sollte doppelt so stark zulegen wie der Umsatz. Diese Prognose galt ursprünglich auch für das kommende Geschäftsjahr. Davon war Löscher allerdings nach und nach abgerückt. Eine neue Prognose für 2007/08 will Siemens bis Ende April formulieren. Die Manager lasteten das Finanzdebakel ihren Vorgängern an. «Was wir hier vor uns liegen haben, ist die Aufarbeitung der Vergangenheit», sagte Vorstandschef Löscher.

Von den bereits feststehenden Einbussen von 900 Mio Euro beziehen sich 600 Mio auf den Kraftwerksbau, 200 Mio auf die Zug-Sparte und gut 100 Mio auf die IT-Sparte SIS. Der für die Kraftwerkssparte zuständige Chef des Energiesektors, Wolfgang Dehen, erklärte, man habe mehr Aufträge angenommen als es Kapazitäten gebe. Zudem finde Siemens nur schwer erfahrene Ingenieure und bekomme die massiven Preissteigerungen bei Rohstoffen zu spüren.

Anzeige

Engpässe bei Lieferanten

Auch Lieferanten hätten mit Engpässen zu kämpfen. In Zukunft wolle Siemens früher Materialien ordern und weniger Aufträge annehmen. «Mit unseren Produkten haben wir keine Schwierigkeiten», sagte Dehen. Aufgrund der ohnehin dünnen Personaldecke sei aber nicht von einem Stellenabbau auszugehen.

Siemens kämpft derweil an mehreren Fronten. Die Sanierung defekter «Combino»-Trams etwa, die auch in der Schweiz unterwegs sind, beschäftigt Siemens seit Jahren. Gut die Hälfte der 475 ausgelieferten Züge sind mittlerweile repariert. Bis 2010 soll die Instandsetzung abgeschlossen sein – und wird Siemens bis dahin weiter Geld kosten. Auch die Hängepartie um die Verlängerung der Transrapid- Strecke im chinesischen Schanghai belaste die ohnehin renditeschwache Sparte. 50 Mio Euro habe Siemens bisher für Ingenieurleistungen ausgegeben, ohne sicher zu wissen, ob die Trasse jemals ausgebaut wird. Siemens hatte das Projektgeschäft mit Zügen und Kraftwerken auf den Prüfstand gestellt, nachdem die Sparten immer wieder ins Trudeln geraten waren und ihre Renditeziele eindeutig verpasst hatten.

Ist das Schlimmste vorbei?

Die erst im vergangenen Jahr sanierte IT-Sparte SIS verlor einen 85 Mio Euro schweren, prestigeträchtigen Auftrag des britischen Arbeitsministeriums. Die Behörde stornierte die Order, nachdem Siemens einräumen musste, die neue EDV-Struktur nicht wie geplant bis 2010 installieren zu können.

Mit den Aufräumarbeiten habe Siemens das Schlimmste hinter sich, sagte Finanzvorstand Kaeser. Allerdings wollte er nicht ausschliessen, dass es auch in den kommenden Quartalen noch zu Belastungen kommen könnte. Die Renditeziele für 2010 seien aber nicht in Gefahr, betonte CEO Löscher.