Fünf statt 53 Prozent: Die Erben von Sika-Gründer Kaspar Winkler können auch an dieser Generalversammlung nicht ihr gesamtes Stimmgewicht in die Waagschale werfen. Der Verwaltungsrat des Bauchemieherstellers beschränkt erneut deren Stimmkraft. Verwaltungsratspräsident Paul Hälg legte in einer langen Rede erneut dar, weshalb sich die unabhängigen Verwaltungsräte und das Management gegen die Übernahme der Kontrollmehrheit an Sika durch Saint-Gobain wehren.

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Es gebe bisher keine Garantien für die Stellen bei Sika, sagte Hälg. Er bestritt zudem, dass es bei einer Übernahme zu den von Saint-Gobain angepriesenen Synergien kommen würde. «Diese Transaktion ist nicht im Interesse der Sika», sagte Hälg. Sie bereichere lediglich die Burkard Erben und gebe der Saint-Gobain die Kontrolle über Sika, die diese sicher zu ihrem Vorteil ausnutzen werde.

Schritt war erwartet worden

Der Verwaltungsrat habe deshalb heute nach erneuter eingehender Prüfung entschieden, die Stimmrechte der Namenaktien der Familienholding zu beschränken, sagte Hälg. Beschränkt werden die Stimmrechte der Familie bei der Wiederwahl der unabhängigen Verwaltungsräte sowie bei der von der Familienholding beantragten Neuwahl von Jacques Bischoff in den Verwaltungsrat. Auch bei der Wahl des Verwaltungsratspräsidenten und bei den Wahlen in den Nominierungs- und Vergütungsausschuss werden die Stimmrechte der Familie gekappt.

Dass der Verwaltungsrat erneut zu diesem Schritt greifen würde, war allgemein erwartet worden. Er hatte dies bereits an den beiden letzten Generalversammlungen getan. Und es ist der einzige Weg für den Verwaltungsrat, die für die Übernahme wichtigen Abstimmungen nicht zu verlieren. Denn eigentlich verfügt die Schenker-Winkler-Holding der Gründerfamilie eindeutig über die Kontrollmehrheit: Sie hält mit 16 Prozent am Aktienkapital 53 Prozent der Stimmrechte.

Bei der Beschränkung auf fünf Prozent beruft sich der Verwaltungsrat auf die Statuten - konkret: auf den Vinkulierungsartikel. Inwiefern dies ein legitimes Vorgehen ist, oder ein unzulässiger juristischer Kniff, muss jedoch noch vor Gericht entschieden werden. Zuständig ist derzeit das Kantonsgericht Zug. Es dürfte diesen Sommer einen Entscheid fällen.

Köppel stellt sich hinter die Erben

Sika-Erbe und Verwaltungsrat Urs Burkard verteidigte an der Generalversammlung erneut die Absicht der Familie, die Kontrollmehrheit an Sika an den französischen Baukonzern Saint-Gobain zu verkaufen. Dem langjährigen Ankeraktionär, der Familienholding, selektiv die Stimmrechte zu verweigern gehe nicht an, sagte Burkard. Hier gehe es um einen privaten Verkauf zwischen Familie und Saint-Gobain. «Der Verwaltungsrat hat kein Mitspracherecht in dieser privaten Angelegenheit», sagte Burkard.

Unterstützung erhielt er von den SVP-Nationalräten Roger Köppel und Hans-Ueli Vogt. Die Verwaltungsräte und Kaderangestellten, die sich gegen den Verkauf der Kontrollmehrheit an Saint-Gobain wehren, führten sich auf «wie entfesselte Hausbesetzer», sagte Köppel.  Sie wollten die eigentlichen Hausbesitzer «mit nahezu erpresserischen Drohungen» um deren Recht bringen.

Das Publikum reagierte auf Köppels Votum mit Buhrufen. «Ja, jetzt hören Sie halt auch mal die andere Seite», entgegnete Köppel. «Wir sind hier nicht in Nordkorea.» Zuvor hatte es sehr viele Voten von Aktionärsvertretern und Kadermitarbeitern gegeben, die sich gegen den Verkauf wehrten. Hans-Ueli Vogt, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Zürich, legte dar, weshalb die unabhängigen Verwaltungsräte aus juristischer Sicht im Unrecht seien. Er sprach von «aktienrechtlichem Freestyle».

Aktie wurde ausgesetzt

Sika befindet sich seit Dezember 2014 in einem Übernahmekampf mit der französischen Saint-Gobain-Gruppe. Laut Experten könnte die heutige Generalversammlung mehrere Stunden dauern. An der Versammlung kommt es einmal mehr zum «Showdown» zwischen den Erben des Firmengründers und dem Verwaltungsrat, der sich gegen einen Verkauf an Saint-Gobain wehrt.

Die Aktien des Bauchemieherstellers Sika wurden auf Wunsch des Unternehmens vor Beginn der Generalversammlung vom Handel an der Schweizer Börse ausgesetzt. Die Titel können bis zum Ende des heutigen Handelstages nicht gekauft oder verkauft werden, teilte die Börsenbetreiberin SIX mit. Bei Einstellung des Handels kurz vor 11.30 Uhr notierten Sika in einem schwächeren Gesamtmarkt (SPI -0,5 Prozent) 0,1 Prozent tiefer bei 3866 Franken.

Umsatz um 6,6 Prozent gesteigert

Am frühen Morgen hatte das Unternehmen starke Umsatzzahlen für das erste Quartal publiziert. Der Umsatz wuchs im ersten Quartal um 6,6 Prozent – wegen des Wachstums und weil sich die Währungssituation günstiger entwickelte. Das Zuger Unternehmen erzielte im ersten Geschäftsquartal einen Umsatz von 1,27 Milliarden Franken. Das sei mehr als je zuvor, teilte Sika mit.

In Lokalwährungen verbesserte sich Sika gegenüber dem Vorjahr in jeder einzelnen Region, wobei der Umsatz in Lokalwährung total um gar 8,3 Prozent wuchs. Weil die Währungssituation stabiler war als auch schon, schmolz das Wachstum bei der Umrechnung in Schweizer Franken kaum zusammen.

Zum Gewinn im ersten Quartal macht Sika keine Angaben. Die Marge habe sich aber weiter positiv entwickelt, teilte das Unternehmen mit. Konzernchef Jan Jenisch zeigte sich im Communiqué «sehr zufrieden» mit dem Start ins Geschäftsjahr.

Neue Fabriken und Ländergesellschaften

Der Bauchemie- und Klebstoffhersteller fährt seit längerem eine Wachstumsstrategie. Auch im ersten Quartal eröffnete Sika vier neue Fabriken, unter anderem eine Produktionsstätte für Betonzusatzmittel in Myanmar, wo das Unternehmen vom Bauboom profitieren will. In Kuwait gründete Sika seine 13. Ländergesellschaft im Nahen Osten.

Zweistellige Wachstumsraten meldete Sika unter anderem aus Afrika, dem Nahen Osten, Nordamerika und Teilen Südamerikas. In China blieb die Nachfrage zwar tief, laut Sika gibt es aber Anzeichen für Optimismus.

Sika bestätigt zudem den Ausblick für das laufende Jahr. Das Umsatzwachstum soll zwischen 6 und 8 Prozent liegen, die Margen sollen sogar überdurchschnittlich steigen. Die Wachstumsstrategie soll mit der Eröffnung weiterer Fabriken und Ländergesellschaften umgesetzt werden.

Saint-Gobain-Chef wirbt für Verkauf

Saint-Gobain-Präsident und -Konzernchef Pierre-André de Chalendar wandte sich derweil über Zeitungsanzeigen an die Sika-Mitarbeiter. Er setzte sich für den Sika-Verkauf an seine französische Gruppe ein. In den ganzseitigen Anzeigen, die am Dienstag in mehreren Zeitungen erschienen, bekräftigte de Chalendar unter anderem die Arbeitsplatzgarantie. «Ich bin entschlossen, mit jedem Einzelnen von Ihnen auch in Zukunft zusammenzuarbeiten», schrieb er.

Die Identität der Sika solle trotz Verkauf bewahrt werden. Saint-Gobain habe zugesagt, keine Standorte aufgrund der Übernahme zu restrukturieren, sämtliche Verträge einzuhalten und die Marke aufrechtzuerhalten. «Sika wird ein Schweizer Unternehmen bleiben, das von seinem Sitz in der Schweiz aus geleitet wird.»

Keine Worthülsen

Dies seien keine leeren Versprechen, schrieb er weiter. Er verwies auf frühere Saint-Gobain-Übernahmen in der Schweiz wie Isover, Rigips, Weber, Sanitas-Troesch und Vetrotech. «Alle diese Firmen sind Aushängeschilder der Schweizer Wirtschaft und erfreuen sich innerhalb der Saint-Gobain-Gruppe einer grossen Autonomie.»

Als Motivation des Sika-Kaufs gibt de Chalendar erneut die «bedeutenden Synergieeffekte» zwischen den Unternehmen an, «insbesondere mit Blick auf das Wachstum und den Einkauf». Der Sika-Verwaltungsrat führt dagegen angeblich fehlende Synergien als Grund für den Widerstand gegen den Verkauf an.

(sda/ise/cfr/mbü/ama)